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Bergfotografie - Teil 06 - Close ups - näher am Geschehen
26.02.2009 in Berg- und Gebirgsfotografie von bernd_ritschel
- Kategorie: Berg- und Gebirgsfotografie
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Am nächsten Morgen war ich mit großem Fotorucksack unterwegs im Rohntal. Seit meiner Jugend liebe ich dieses Fleckchen Erde. Ein weiter Kessel, überragt von den gewaltigen Nordwänden der Östlichen Karwendelspitze und Vogelkarspitze. Mitten drin zwei traumhafte Almen und ringsherum Abertausende von Blumen.

Der Enzian aus dem Rohntal. Fotografiert mit dem 100-mm-Makroobjektiv (Zeiss f2,8 100 mm Makro, Contax RTS III) und mit einem kleinen Aufheller (gold/silber Zebra) aufgehellt. Im Vordergrund habe ich bewusst eine gelbe Blume im Unschärfebereich belassen, um einen farblichen Akzent zu setzen. Karwendel Gebirge, Österreich.

Diese zarten Kristalle habe ich in ca. 50 Meter Tiefe im Vernagtferner fotografiert. Der Bildausschnitt ist ca. 4 x 6 Zentimeter groß. Aufgrund der totalen Dunkelheit tief in diesem Gletscher habe ich sie mit zwei LED-Leuchten beleuchtet. Canon EOS 5D, Zeiss f3,5-4,5 28-70 mm mit Zwischenring. Ötztaler Alpen, Österreich.
Wie nah ist nah, wie nah ist gut?
„Wenn ein Bild nicht gut ist, war man nicht nah genug dran“ - sagte schon Robert Capa. In der modernen Berg- und Outdoorfotografie gilt dieser Satz mehr denn je. Im Nahbereich eröffnen sich uns völlig neue und vielfältige Möglichkeiten. Es geht nicht nur um die üblichen Blümchen und Details in der Natur, sondern auch um den Sport und die Action in den Bergen. Ganz gleich ob Seil, Steigeisen oder Kompass, alles was Aktivität verdeutlicht bzw. dem Betrachter das Geschehen visualisiert und thematisiert, ist als Vordergrund oder Hauptmotiv willkommen. Natürlich wird mit den Close ups automatisch wieder das Anschneiden von Dingen und Personen zum Thema.Ein wesentlicher Vorteil des Nahbereichs liegt zudem in der Unabhängigkeit vom „guten Licht“. Egal ob Blumen oder Steigeisen, Eiskristalle oder Karabiner - wir können diese Dinge, zumindest theoretisch, bei jedem Licht und bei jedem Wetter fotografieren. Im Gegenteil: Bei schönem Wetter, das heißt blauem Himmel und direktem, starkem Sonnenlicht, sind oftmals die Kontraste für den kreativen Nahbereich zu groß. Gerade die Details sind bei gleichmäßigem Licht, d.h. bedecktem Himmel, aber auch bei dramatischem Wetter oft viel eindrucksvoller und aussagekräftiger. Sie gewinnen an Ausdruckskraft, eben weil kein schönes Licht oder dominanter Traumberg ablenkt.

Schlechtes Wetter, schlechtes Licht, da kamen mir die gelben Wegweiser gerade recht, um etwas Leben und Farbe ins Bild zu bringen. Canon EOS 5D, EF f4 24-105 mm L IS, Aufstieg zum Piz Kesch, Albula Alpen, Schweiz.
Welches Zubehör macht Sinn?
Mit dieser wesentlichen Frage geht zwangsläufig eine zweite Frage einher: Wie nah wollen bzw. müssen wir an unser Motiv heran? Bis in die achtziger Jahre hinein konnte man die Naheinstellgrenze der meisten Objektive grob von ihrer Brennweite ableiten. Mit einem 100-mm-Teleobjektiv zum Beispiel konnte man bis auf ca. einen Meter scharfstellen, mit einem 50-mm-Objektiv bis ca. 50 Zentimeter usw. Ein Blatt in der Größe A4 oder ein Gesicht ließ sich damit formatfüllend fotografieren.
Dieser ca. 40 x 60 Zentimeter große Ausschnitt eines alten Baumes sollte sich mit jedem Objektiv ohne spezielles Zubehör fotografieren lassen. Contax RTS III, Zeiss f3,5-4,5 28-70 mm, Munt Baselgia, Schweizer Nationalpark, Schweiz.
Wer näher ran wollte, musste entweder einen Zwischenring zwischen Kamera und Objektiv setzen (= reine Auszugsverlängerung ohne Glas) oder aber eine sogenannte Nahlinse in das Filtergewinde des Objektives schrauben, um näher an sein Motiv zu kommen (diese sollte möglichst hochwertig sein, z.B. von Canon die 500 D). Beide Wege sind „bezahlbar“ (ca. Euro 50.- bis Euro 150.-) und nach wie vor sehr gut für das Gebirge bzw. den Outdoor-Einsatz geeignet, da sie klein und leicht sind.
Das andere Extrem sind die reinen Makroobjektive. Gebaut und angeboten werden sie standardmäßig in den Brennweiten 50 mm, 100 mm und 180 mm. Sie sind nicht nur deutlich größer und schwerer als vergleichbare Festbrennweiten, sondern auch deutlich teurer. Preise zwischen Euro 500.- und Euro 1000.- sind hier die Regel. Ihr Vorteil ist eine enorm kurze Naheinstellgrenze, die es erlaubt, Motive bis zum Abbildungsmaßstab 1:1, d.h. 24x36 mm (bezogen auf Film oder Vollformatsensoren), formatfüllend und ohne weiteres Zubehör zu fotografieren.

Für dieses extreme Detail eines Löwenzahn reichte selbst die Naheinstellgrenze des 100-mm-Makroobjektivs nicht aus; ich verwendete das Canon MP-E 65-mm-Lupenobjektiv an der Canon EOS 5D, um diesen nur ca. 12 x 18 mm kleinen Ausschnitt zu ermöglichen. Nationalpark Belluneser Dolomiten, Italien.

Ein Klettersteigdetail am Aschaffenburger-Höhenweg, fotografiert mit einem Weitwinkelzoom mit 17 mm Brennweite bei Blende 4, um den Hintergrund unscharf zu belassen. Zillertaler Alpen, Österreich. Canon EOS 1Ds MK III, EF f4 17-40 mm L.
Den schwachen Blitz richtete ich nur auf den Vordergrund. Ob dieses Bild wirklich interessant ist? Ich weiß es nicht. Es ist im Rahmen einer Reportage für ein Magazin entstanden, das immer „ganz, ganz viele Close ups" will.

Zwei angeschnittene Silberwurzblüten bei stark bedecktem Himmel. Der „sonnige“ Bildeindruck entstand durch die als Gegenlicht eingesetzte LED-Lampe. Canon EOS 5D, Zeiss f2,8 100 mm Makro mit Zwischenring, Nationalpark Belluneser Dolomiten, Italien.
Welche Möglichkeiten haben wir?
Der klassische Makrobereich ist Standard und Herausforderung zugleich. Bezüglich Blumen und vieler anderer Details in der Natur läuft uns (außer dem Frühling und Kleingetier) buchstäblich nichts davon.
Glück ist, „wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft“. Das Bild war fertig aufgebaut, ich hatte bereits ein paar Aufnahmen gemacht, als sich diese Fliege für ca. 2 Sekunden an die perfekte Stelle setze. Ich musste nur noch auslösen. Canon EOS 5D, Zeiss f4-5,6 100-300 mm mit Nahlinse Canon 500D, Nationalpark Gesäuse, Österreich.
Es geht nicht nur darum, die Aufnahme nicht zu verwackeln (da könnten wir ja bei den modernen Kameras einfach die ISO-Empfindlichkeit ins Unendliche hochschrauben), mir geht es auch darum, das Bild millimetergenau zu gestalten. Draußen in der Natur findet für mich im Wesentlichen die Kreativität statt und da gehört ein perfekter Bildaufbau einfach dazu, trotz aller Möglichkeiten im Photoshop!! Welcher Maler beschneidet nach der Fertigstellung sein Ölbild auf Leinen, nur weil es Scheren gibt?

Größer können Kontraste kaum sein. Zum Glück lag das Motiv im Schatten. Ich könnte natürlich hier überall beschneiden, Ausschnitte nehmen, Hochformat, Quadrat, etc., aber warum? Contax 645, 80-mm-Objektiv mit Zwischenring. Londrangar, Island.

Schief, schräg, angeschnitten, Personen unscharf. Warum nicht? Wenn es gefällt. Durch das starke Weitwinkel (17 mm) sind die beiden Mädchen trotz offener Blende (f 4) noch gut erkennbar - nicht mehr und nicht weniger. Canon EOS 1Ds MK III, EF f4 17-40 mm L, Ziegspitz, Bayerische Alpen, Deutschland.

Bei dieser Aufnahme sind die unscharfen Flächen im Vordergrund relativ groß. Durch die lebendige, warme Farbe der Flechten empfinde ich sie jedoch als angenehm. Das Maß der Schärfentiefe ist tatsächlich Geschmackssache und sollte bei Bildern dieser Art mit der Abblendtaste kontrolliert werden. Contax RTS III, Zeiss f4-5,6 100-300 mm, Hoher Göll, Berchtesgadener Alpen, Deutschland.

Die ersten Blüten im Vordergrund waren nur ca. 5 Zentimeter von der Frontlinse des 15-mm-Vollformat-Fischaugen Objektivs entfernt. Abgeblendet auf 22 dehnte sich die Schärfentiefe gerade ausreichend bis zum Horizont aus. Canon EOS 5D, EF f2,8 15 mm, Barre des Ecrins, Dauphine, Frankreich.
Die Vorgehensweise und Technik
Beim Fotografieren mit Stativ:Habe ich ein Motiv entdeckt (im Nahbereich oft nach langem Suchen), umrunde ich es erst einmal, betrachte es von allen Seiten und baue erst zuletzt das Stativ an der geeigneten Stelle auf. Anschließend wähle ich die Brennweite und gestalte das Bild. Dann folgen ein Testbild für die Belichtungskontrolle sowie das Drücken der Abblendtaste, um die Schärfentiefe zu bestimmen bzw. zu kontrollieren.

Wohin mit der Schärfe? Bei Motiven dieser Art fällt mir die Entscheidung oft schwer. Canon EOS 5D, Zeiss f4-5,6 100-300 mm mit Nahlinse Canon 500D. Nationalpark Kalkalpen, Österreich.

Dank ISO 400 konnte ich das sich im Wind leicht bewegende Wollgras mit 1/250 Sekunde einfrieren. Eine von der warmen Morgensonne beschienene Felsflanke spiegelte sich im See und bescherte mir damit den farblich ungewöhnlichen Hintergrund. Canon EOS 5D, Zeiss f4-5,6 100-300 mm. Lago Leita, Gran Paradiso Nationalpark, Italien.

Contax 645, 80-mm-Objektiv mit Zwischenring. Quarze am Schwarzsee, Hohe Tauern, Österreich.


Canon EOS 5D, EF f1,4 50 mm. Am Stein, Zillertaler Alpen, Österreich.
Gerade dieses Bilder„sehen“ beim Blick durch den Sucher macht mir unglaublich Spaß. Der Nahbereich ist wirklich eine fotografische Entdeckungsreise und in jedem Fall besser als Regale aufzuhängen.
Mein abschließender Tipp: Fahren Sie ins Karwendel und legen Sie sich in eine Blumenwiese, bevor Ihnen die Decke (oder ein Regal) auf den Kopf fällt ...
Viel Spaß im Nahbereich!
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Yarnauga
24.07.2012 - 14:45
Super Anregungen! Und kurzweilig geschriebenes Tut
Ballermann_66
24.08.2011 - 10:55
super tutorial. werde es versuchen..
bumsti1000
11.03.2011 - 08:30
Gut gelungenes Tutorial
Pitti362
08.03.2011 - 07:06
Wunderschöne Fotos! Da wird gleich die Vorfreude auf den Wanderurlaub im Sommer geweckt! Vielen Dank für die tolle Motivideen!
wir697296
15.11.2010 - 09:51
Klasse - super schöne Fotos -
Misye
25.10.2010 - 21:35
Super Bilder. Danke.
Stereo
25.06.2010 - 11:11
Das Tutorial liefert interessante Bildideen.
kinai
21.07.2009 - 16:51
super sache danke nochmal!
moika111
03.07.2009 - 07:48
Die nächste Wanderung kommt bestimmt;-)
Phylly
18.04.2009 - 19:15
wieder viel neues zum ausprobieren
Merlin22
22.03.2009 - 23:25
Ich bin ein sogenannter Rookie, also grünspaniger Anfänger, aber Deine Bilder gefallen mir ausnehmend gut! Für die kurzen und prägnanten Hinweise zur Gestaltung der Bilder möchte ich mich bedanken, man lernt als Anfänger viel dabei! Super Workshop!
potschat
06.03.2009 - 12:48
Wirklich tolle Bilder. Ich denke ich werde mir bei meiner nächsten Tour etwas mehr Zeit nehmen müssen ....
gewuerznelke
05.03.2009 - 16:48
Super genial, wird dieses Jahr ausprobiert.
User hat PSD-Tutorials.de verlassen
05.03.2009 - 14:04
Wow, super schöne Bilder mit interessanter Motivauswahl!
tntmel
05.03.2009 - 10:37
Super Intressant gewesen. Hab jetzt irgendwie große Lust auf einen Ausflug in die Berge!
masdeirf
05.03.2009 - 08:55
ich schließe mich luimpostu an: Wunderschöne Bilder und tolle Inspirationen!
JoNk
02.03.2009 - 19:38
superschöne bilder! ich bin selbst ein begeisterter detailfotograph!!
JeffSmart
28.02.2009 - 14:42
"Wir müssen nicht immer auf das „Erwartete“ scharf stellen. Was ist wirklich wichtig im Bild?"
Ein super Beitrag der mir aus dem Herzen spricht ...
POllux2you
28.02.2009 - 12:20
Der Titel läßt diesen Inhalt nicht vermuten.Sehr kreativ dieser Beitrag.
Danke
jpsott23
27.02.2009 - 14:30
gefällt mir gut die Bilder bzw TUT