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Teil 11: Nicht auf jegliche Bildverarbeitung verzichten
20.01.2012 in Endlich besser fotografieren von stefan_seip
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Ohne Bildverarbeitung bleibt Verbesserungspotenzial stets ungenutzt.

BITTE NICHT
Auf jegliche Bildverarbeitung verzichtenBevor sich ausführliche Abhandlungen über Bildverarbeitung lohnen, ist es zunächst angebracht, sich darüber Gedanken zu machen, was Bildverarbeitung überhaupt ist. Pauschalierend könnte man in dem Moment von Bildverarbeitung reden, wenn die digital erfassten Bilddaten der Kamera eine Veränderung erfahren. In der Konsequenz müsste man dann aber jedes Digitalfoto als bearbeitet betrachten, denn ein im JPG-Format aufgenommenes Digitalfoto wird innerhalb der Kamera aufbereitet, ein Foto im RAW-Format spätestens bei der obligatorischen Entwicklung durch einen RAW-Konverter.
Nähert man sich dem Bildbearbeitungsbegriff von einer anderen Seite, nämlich als Bildbearbeitung nur jene Veränderungen zu verstehen, die einen Eingriff in die abgebildete Realität darstellen und die im negativen Sinne als Verfälschung zu bezeichnen wären, ist das auch nicht ohne Brisanz. Im landläufigen Meinungsspektrum ist dieser Standpunkt tatsächlich weit verbreitet: Wer den Terminus Bildverarbeitung hört oder liest, fühlt sich unmittelbar an wegretuschierte Stromleitungen, hinzugefügte Personen, veränderte Augenfarben, zum Verschwinden gebrachte Hautfalten und vergrößerte Busen erinnert. Allesamt also ethisch zumindest fragwürdige Manipulationen abgelichteter Bildinhalte.
Beide Extrempositionen verlieren die Mitte aus dem Blickfeld. Um eine in der Praxis brauchbare Abgrenzung zu finden, ist eine differenzierte Sichtweise angebracht, für die ich die Aufteilung der Bildbearbeitung in zwei Bereiche vorschlage: die konservative und die kommutative Bildbearbeitung.
1. Konservative Bildbearbeitung
Mit diesem Begriff möchte ich alle Bearbeitungsmethoden zusammenfassen, deren Ziel nicht die inhaltliche Veränderung von Details auf einem Digitalfoto sind, sondern nur die Art und Weise ihrer Darstellung. Auch das Entfernen von Artefakten und Störsignalen zählt zur konservativen Bildbearbeitung. Die folgende Liste enthält einige Bildbearbeitungs-Methoden, die in diese Kategorie gehören:• Veränderung der Bildhelligkeit
• Veränderung des Kontrasts
• Veränderung der Tonwerte
• Veränderung der Farbbalance
• Veränderung der Farbsättigung
• Veränderung der Gradation
• Umsetzung in ein Schwarz-Weiß-Foto
• Beschnitt des Bildes
• Veränderung des Seitenverhältnisses
• Filter zur Rauschreduktion
• Drehung des Bildes
• Schärfung des Bildes
• Anpassung von Bildabmessungen, –auflösung und Dateikompression
• Ver- und Entzerren des Bildes
• Hinzufügen von Rahmen
• Hinzufügen von Vignetten, Körnung, Rauschen
• Tonung
• Partielle Aufhellungen/Abdunklungen (Abwedeln/Nachbelichten)
• Entfernung von Sensorflecken/Schmutzpartikeln
• HDR-Bilder
• Aus mehreren Fotos zusammengesetzte Panoramen
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Beispiele für konservative Bildbearbeitung
Unbearbeitete Aufnahme aus der Kamera.
Konservativ bearbeitete Version. Verändert wurden Bildausschnitt und Kontrast.












Fertige Panoramaaufnahme aus vier einzelnen Fotos.




Dennoch ist sich der Autor darüber im Klaren, dass es Grenzfälle gibt, ob oder ob nicht eine vorgenommene Bearbeitung zur konservativen Bildbearbeitung gerechnet werden darf oder bereits als kommutative Bildbearbeitung zu betrachten ist. Während die Retusche eines permanent vorhandenen Leberflecks unstrittig keine konservative Bildverarbeitung mehr darstellt, könnte das Wegstempeln einer temporären Hautunreinheit bei großzügiger Betrachtung noch als konservative Bearbeitung gelten, bei strenger Auslegung des Begriffs hingegen nicht.
2. Kommutative Bildbearbeitung
Dieser Begriff ist abgeleitet vom lateinischen Verb "commutare," was übersetzt so viel wie "verändern" oder "tauschen" bedeutet. Gemeint sind Formen der Bildverarbeitung, bei denen eine inhaltliche Veränderung dargestellter Motive oder Motivdetails Sinn und Zweck der Bearbeitung ist oder zumindest billigend in Kauf genommen wird.Beispiele für kommutative Bildverarbeitungsschritte enthält die folgende Liste:
• Wegretuschieren von Motivdetails
• Hinzufügen neuer Motivdetails (Duplikate aus anderen Regionen des gleichen Bildes, aus anderen Aufnahmen oder artifiziell erzeugte, Fotomontagen)
• Veränderung der Anordnung einzelner Motive oder Motivbereiche relativ zu anderen Motiven oder zum Hinter-/Vordergrund
• Bild-Spiegelung
• Kombination mehrerer unterschiedlicher Fotos zu einem Bild (Fotomontagen)
• Verformungen einzelner Bildbereiche
• Hinzufügen von Strukturen, die aus anderen Bildern oder anderweitig erstellten Vorlagen stammen
• Hinzufügen von Strukturen mit Pinsel- oder Zeichenwerkzeugen
• Bewusstes Entfernen von Strukturen aus Teilbereichen des Bildes
• Unkenntlichmachung von Strukturen in Teilbereichen eines Bildes
• Anwendung stark destruktiver Filter, etwa Geschwindigkeit
• Alles, was zur Bildung von Artefakten führt, die mit Motivdetails verwechselt werden können.
Auch diese Aufzählung erhebt freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Beispiele für kommutative Bildbearbeitung
Kommutativ bearbeitete Aufnahme, die deutliche Bildartefakte durch eine drastische Überschärfung enthält. Die weiße "Aura" um die Blüte entstand auf diese Weise und ist in diesem Falle zwar ein gewollter Effekt, dennoch muss die Bearbeitung als kommutativ eingestuft werden.



Zweite unbearbeitete Aufnahme aus der Kamera.



Unabwendbar treten auch hier Grenzfälle zu auf, deren Einordnung schwierig und strittig sein dürfte. Werden zum Beispiel selektiv die Hautpartien eines Porträts weichgezeichnet, könnte man bei leichtem, fast nicht zu bemerkendem Weichzeichnungseffekt, der zudem keinerlei Strukturen überdeckt, fast noch von konservativer Bildbearbeitung sprechen. Sieht die Haut nach der Bearbeitung völlig strukturlos aus und erinnert an eine Porzellanpuppe, hat man es sicherlich mit einer kommutativen Bildbearbeitung zu tun.
Dass die Klassifizierung als kommutative Bildbearbeitung nicht grundsätzlich verwerflich, unmoralisch oder unethisch ist, soll hier ausdrücklich betont werden. Schließlich könnte die porzellanartige Haut eines Porträts durch Visagistik und nicht durch Bildbearbeitung entstanden sein. Dieses Beispiel führt die Problematik bei der Bewertung der Bildbearbeitungsmethoden deutlich vor Augen.
Nicht zuletzt deshalb soll von jeglicher Wertung dieser oder jener Bildbearbeitungsmethode an dieser Stelle Abstand genommen werden. Zudem würde ich dazu raten, die Grenzen zwischen konservativer und kommutativer Bildbearbeitung fließend zu sehen, ohne dass man sie immer zweifelsfrei und mit wissenschaftlichem Anspruch voneinander trennen könnte. Manche Werke mögen Grenzfälle sein, deren Einordnung nur gelingen kann, wenn die Absicht und das verfolgte Ziel der vorgenommenen Bildbearbeitung bekannt sind – was oftmals nicht der Fall ist.
Da es zudem kein "Oberstes Schiedsgericht" gibt, das in zweifelhaften Fällen einen endgültigen "Urteilsspruch" zu fällen imstande ist, rate ich zu Gelassenheit und Toleranz in strittigen Fällen. Immer wieder nämlich kochen die Emotionen mancher bei diesem heiklen Thema hoch, ohne dass die Auseinandersetzung zielführend ist. Um zielführend zu agieren, müsste überhaupt erst ein Ziel existieren: Den bloßen Wunsch, die eigenen Moralvorstellungen bezüglich Bildverarbeitung anderen aufzwingen zu wollen, kann ich nicht als hehres Ziel anerkennen.
Umgekehrt rate ich zu maximal möglicher Offenheit bei der Nennung vorgenommener Bildbearbeitung. Denkbar wäre die Einteilung in:
• Völlig unbearbeitet
• Konservativ bearbeitet
• Kommutativ bearbeitet
Letztlich ist es eben nicht immer nur das Ergebnis, das zählt, sondern auch der Weg dorthin. Nicht jeder Zweck heiligt alle Mittel. Wer kommutativ bearbeitet, sollte die Fairness besitzen, aus seiner Bearbeitung keinen Hehl zu machen, spätestens auf Nachfrage. Andernfalls bringt er zwangsläufig andere Fotografen gegen sich auf, die ohne kommutative Bildbearbeitungsmethoden versuchen, ähnliche Ergebnisse zu erzielen.
Persönlich bringe ich Fotografen, die gewisse Ergebnisse durch ausgeklügelte und raffinierte Bildbearbeitungsmethoden erzielen, den gleichen Respekt entgegen wie solchen, die ausschließlich "klassische" fotografische Mittel, allenfalls konservative Bildbearbeitung zum Einsatz bringen und damit entsprechend überzeugende Resultate liefern. Nur möchte ich auf Rückfrage über das Zustandekommen einer Aufnahme gerne aufrichtige Antworten bekommen.
BESSER MACHEN
Konservative Bildbearbeitung immer durchführenOb jemand kommutative Bildbearbeitung – der oben getroffenen Definition folgend - durchführen möchte, generell immer, generell nie oder nur im begründeten Einzelfall, das sei jedem selbst überlassen. Gründe, sich dafür oder auch dagegen zu entscheiden, finden sich sicherlich zur Genüge. Eine Diskussion darüber ist nicht Gegenstand dieses Tutorials.
Gegenstand dieser Tutorialserie ist es, Perspektiven aufzuzeigen, um zu besseren Resultaten zu gelangen. Und dabei führt, so meine ich, kein Weg an der konservativen Bildverarbeitung vorbei.
Zunächst möchte ich mich kurz mit den unterschiedlichen "Argumenten" beschäftigen, die gegen eine Bildbearbeitung vorgebracht werden:
1. Der "Wahrheitsgehalt" eines Fotos soll nicht verändert werden.
Gegenargument: Sofern bei einem Foto überhaupt von der Abbildung einer "Wahrheit" die Rede sein kann, wird diese bei Anwendung konservativer Bildbearbeitungsmethoden im oben beschriebenen Sinne nicht angetastet.
2. Die Realität soll "unverfälscht" auf dem Foto erhalten bleiben.
Gegenargument: Keine einzige Kamera zeichnet Fotos auf, denen eine "objektive Realität" nachgesagt werden kann. Die technischen Limitierungen einer digitalen wie analogen Bildaufzeichnung stellen in jedem Fall eine Interpretation dar. Viele Methoden der konservativen Bildbearbeitung führen zu Ergebnissen, die ebenso viel bzw. ebenso wenig mit der "Realität" zu tun haben wie das aus der Kamera stammende Rohbild.
3. Schon beim Fotografieren sollte alles richtig gemacht werden.
Gegenargument: Grundsätzlich ist der Ansatz, Fehler bei der Aufnahme zu vermeiden, die man hinterher durch Bildverarbeitung auszubügeln hat, absolut richtig und gut. Doch einerseits gibt es Dinge, die man an der Kamera gar nicht einstellen kann (z.B. Seitenverhältnis) oder deren Einstellung beim Fotografieren zu viel Zeit rauben würde. In diesen Fällen spricht nichts dagegen, das gewünschte Ziel durch Bildverarbeitung zu erreichen. Andererseits passieren beim Fotografieren hin und wieder Fehler, von denen sich manche durch konservative Bildverarbeitung ausbügeln lassen (z.B. nachträglicher Beschnitt). Ein so entstandenes, sehenswertes Foto ist doch besser als ein schlechteres Foto oder ein gelöschtes, weil man sich den Fehler bei der Aufnahme nicht verzeihen kann. Oder?
4. Keine Zeit, die vielen gemachten Fotos alle zu bearbeiten.
Gegenargument: Was ist das Ziel? Masse oder Klasse? Quantität oder Qualität? Ich schaue mir lieber ein einziges, perfekt ausgearbeitetes Foto einer Serie an als eine Vielzahl ähnlicher oder gleicher Fotos, die noch im unbearbeiteten Zustand sind. Freilich muss niemand bei der Zahl der gemachten Digitalaufnahmen knausern, dabei aber im Hinterkopf behalten, dass alle gemachten Fotos es verdienen, später angeschaut und selektiert zu werden, um die besten davon einer Bildbearbeitung zu unterziehen. Dieser Aufwand ist bereits beim Fotografieren zu bedenken. Mitunter führt diese Erkenntnis auch dazu, bereits beim Fotografieren sorgfältiger und gezielt vorzugehen, um weniger Fotos zu produzieren. Unter dem genannten Aspekt wäre das kein Fehler.
Hinter allen Argumenten verbirgt sich oft eine Berührungsangst, Abscheu oder eine Portion Unwissenheit, was Bildverarbeitung betrifft.
Argumente für die obligatorische Anwendung konservativer Bildverarbeitungsmethoden finden sich in Hülle und Fülle. Hier eine Auswahl:
1. Digitalkameras liefern niemals "optimale" Daten
Entscheidend für das zu erzielende Ergebnis beim Fotografieren sind die Empfindungen des Fotografen. Sie und seine Vision sind es, die aus dem Motiv über seine Bildidee zu einer starken Fotografie führen. Empfindungen und Ideen sind hochgradig subjektiv. Eine "objektive" Darstellung der "Realität" ist bei diesem Prozess weder vonnöten noch technisch überhaupt möglich.Unsere Wahrnehmung unterscheidet sich erheblich von der fotografischen Aufzeichnung. Das beste Beispiel dafür ist der gewaltige Dynamikumfang, den unsere Augen bewältigen. Blitzschnell passt sich die Pupille beim Erfassen einer Szenerie unterschiedlichen Helligkeiten an und kann sowohl in sehr dunklen als auch in sehr hellen Bereichen Details erkennen. Die Fähigkeiten einer Kamera sind im Vergleich dazu eher bescheiden. Folge Nummer 3 dieser Tutorialserie beschäftigt sich intensiv mit dieser Thematik. Überschreitet der Dynamikumfang des Motivs den Dynamikbereich einer Kamera, werden besonders dunkle und/oder besonders helle Motivbereiche nicht mehr ordnungsgemäß dargestellt. Unterschreitet der Dynamikumfang des Motivs den Dynamikbereich der Kamera, erscheint das Foto im Vergleich zum visuellen Eindruck kontrastarm und flau. Nicht durch Einstellungen an der Kamera, sondern nur durch (konservative) Bildverarbeitungsmethoden ist der visuelle Eindruck auf dem Foto oder der gewünschte Bildeindruck zu erreichen.
Neben dem Dynamikumfang könnten weitere Beispiele aufgeführt werden, um zu belegen, dass eine Kamera nur die Datenbasis liefern kann, aus der erst durch konservative Bildbearbeitung das gewünschte Ergebnis entsteht. Das gilt auch für den Fall, wenn man mit seinem Foto seinem visuellen Eindruck möglichst nahe kommen möchte, also Wert auf maximale Authentizität legt!
2. Konservative Bildbearbeitung ist so alt wie die Fotografie
Bildbearbeitungsmethoden – namentlich konservative – werden seit Anbeginn der Fotografie eingesetzt und sind keine Neuerungen, die die Digitalfotografie eingeführt hätte. Gleichwohl muss erwähnt werden, dass die Durchführung der entsprechenden Bearbeitungsschritte im Digitalzeitalter ungleich schneller und effizienter von der Hand gehen als beim Umgang mit analogem Material und fotochemischen Prozessen.Zum Beispiel die folgenden Methoden der analogen Fotografie sind den konservativen digitalen Bildbearbeitungsmethoden gleichzusetzen:
• Ausschnittsvergrößerung (auch: Verändern des Seitenverhältnisses)
• Korrektur der Schräglage (z.B. den Horizont gerade rücken)
• Wahl von geeignetem Filmmaterial, etwa zur Erzielung bestimmter Farbcharakteristika
• Ausflecken von Fotoabzügen (Entfernung von Staub und anderen Störungen)
• Angepasste Filmentwicklung zur Steuerung von Helligkeit, Kontrast, Gradation und Farbwiedergabe
• Angepasste Vergrößerungstechnik zur Steuerung von Helligkeit, Kontrast, Gradation und Farbwiedergabe
• Verwendung unterschiedlicher Papiergradationen bei der Schwarz-Weiß-Fotografie
• Tonung von Fotos
• Abwedeln und Nachbelichten im Labor, um Teilbereiche eines Bildes aufzuhellen oder abzudunkeln (Grenze zur kommutativen Bildverarbeitung)
Pikanterweise greifen auch die "Wahrhaftigkeits-Botschafter" zu konservativen Bildbearbeitungsmethoden. Der berühmte französische Fotograf Henri Cartier-Bresson vertrat in seinen seltenen Interviews stets die Meinung, die Ausschnittswahl habe beim Fotografieren zu geschehen und nicht im Labor. Eines seiner bekanntesten Bilder ist Hinter dem Bahnhof Saint-Lazare von 1932. Es zeigt einen Mann, der über eine Wasserpfütze springt und es ist ... eine Ausschnittsvergrößerung! Vielleicht war sich der Fotograf dieser Tatsache selbst nicht recht bewusst, weil er die Laborarbeit dem Laboranten Pierre Gassmann anvertraute, der sozusagen die Bildverarbeitung vornahm.
3. Verbesserungspotenzial nicht ungenutzt lassen
Wer sich jeglichen konservativen Bildbearbeitungsmethoden verweigert, verschenkt ein erhebliches Potenzial. Während beim Kamera- und Objektivkauf große Sorgfalt an den Tag gelegt wird, um entsprechend leistungsfähige Produkte zu erwerben, wird das Thema Bildverarbeitung manchmal stiefmütterlich behandelt. Die dadurch ungenutzten Qualitätsreserven übertreffen bei Weitem den Unterschied, der durch eine Entscheidung für ein Objektiv des Herstellers A oder eines anderen Herstellers B auftreten kann.Mit anderen Worten ausgedrückt kann das Endergebnis nur so gut sein wie das schwächste Glied innerhalb der Verarbeitungskette. Wird die Bildverarbeitung in Gänze ignoriert, wird dieser Fakt in den allermeisten Fällen die Qualität eines Fotos sichtbar reduzieren.
Jeder, der im analogen Zeitalter wirklich perfekte Resultate erreichen wollte (oder will), trat (oder tritt) den Gang in die eigene Dunkelkammer an! Ausnahme sind nur Diafotografen (gewesen), bei denen aus naheliegenden Gründen eine nachträgliche Einflussnahme unmöglich bzw. extrem aufwendig war (und ist). Dementsprechend nutzt jeder ehrgeizige Digitalfotograf die Möglichkeiten der (konservativen) Bildverarbeitung auf seinem Weg zum optimalen Ergebnis.
4. Manche Bildstile sind ohne konservative Bildbearbeitung nicht erreichbar
Während in der analogen Fotografie zur Erreichung bestimmter Wirkungen ausgesuchte Filme zum Einsatz kamen, werden im digitalen Workflow die gewünschten Darstellungsformen erst im Nachhinein durch die Anwendung konservativer Bildverarbeitungsmethoden erzielt. Ein sehr gutes Beispiel ist die Schwarz-Weiß-Fotografie. Durch die Entscheidung des Analogfotografen, einen Schwarz-Weiß-Film in seine Kamera einzulegen, war das schwarz-weiße Ergebnis vorprogrammiert. Alle derzeit erhältlichen Digitalkameras jedoch erzeugen primär Farbaufnahmen. Wer damit Schwarz-Weiß-Bilder erzeugen möchte, wird das gewonnene Farbfoto durch eine entsprechende Software am Computer in ein Schwarz-Weiß-Bild konvertieren, was nichts anderes ist als eine konservative Bildverarbeitung!Lässt sich an der Digitalkamera hingegen ein Schwarz-Weiß-Modus einstellen, bedeutet das eine Datenreduktion innerhalb der Kamera, was ich grundsätzlich für keine gute Idee halte. Wer dann Fotos im JPG-Format aufnimmt, vernichtet bereits bei der Aufnahme jegliche Farbinformation und bringt sich um die Möglichkeit, durch Bildverarbeitungsmethoden darauf Einfluss zu nehmen, in welche Grautöne die unterschiedlichen Farben umgesetzt werden sollen. Für den Schwarz-Weiß-Fotografen aber ist genau dieser Punkt von essenzieller Bedeutung! Bei analogem Workflow mit einem Schwarz-Weiß-Film wurde die Umsetzung der Farben in Grautöne durch die Verwendung von Objektivfiltern mit unterschiedlicher Farbe gesteuert. Diese Vorgehensweise scheidet bei der Digitalkamera aus. Die beste Einstellung ist daher, digitale Schwarz-Weiß-Fotos im RAW-Format aufzunehmen. Fotos im RAW-Format sind immer Farbfotos! Dann kann die Kamera auch in den Schwarz-Weiß-Modus versetzt werden, um bei der Bildrückschau und während des Live-Views auf dem Kameradisplay das Bild in Schwarz-Weiß zu sehen, um eine konkrete Vorstellung davon zu bekommen, wie das Motiv in Schwarz-Weiß aussieht. Aufgezeichnet werden dann jedoch Farbbilder, mit denen später die Umsetzung der Farben in unterschiedliche Helligkeitswerte gesteuert werden kann.
Unbearbeitete Aufnahme aus der Kamera.







Der Vorteil, solche Bildwirkungen erst später im Rahmen der Bildverarbeitung zu applizieren, ist der, dass man die Ausprägung und Stärke der Effekte beliebig steuern kann und vor allem auch andere kreative Ideen umsetzen kann, dabei nicht von den begrenzten Einstellmöglichkeiten der Kamera eingeschränkt wird und auch bei den Aufnahmen keine wertvolle Zeit durch Knöpfchendrücken verliert.
Unbearbeitete Aufnahme aus der Kamera.


Fazit
Die kurz gefasste Konsequenz aus den zuletzt genannten Punkten kann nur sein, die Anwendung konservativer Bildverarbeitungsmethoden für jedes gelungene Digitalfoto ernsthaft in Betracht zu ziehen. Wer auf diesem Feld noch unerfahren ist oder die Arbeit am Computer weniger spannend als das Fotografieren mit der Kamera in der Hand findet, sollte sich überwinden, denn optimale Fotos werden niemals aus einer Kamera kommen, sondern erst am Computer ihre Vollendung erfahren.Beispiel
Dieses Tutorial ist ausdrücklich keine Anleitung zur Bildbearbeitung, sondern soll lediglich deren Wichtigkeit verdeutlichen. Beispiele für sinnvolle Bildbearbeitungs-Methoden finden sich zuhauf in unterschiedlichen Rubriken auf www.psd-tutorials.de. Dennoch sei an einem konkreten Beispiel aufgezeigt, wie durch Anwendung konservativer Bildbearbeitung ein Bild gewinnen kann, was auf den ersten Blick bereits unbearbeitet "fertig" aussieht.Unveränderte Originalaufnahme aus der Kamera.

Die roten Pfeile zeigen auf die brach liegenden, ungenutzten Helligkeitsbereiche.

Nun zeigen die roten Pfeile auf die Positionen des Schwarz- und Weißpunkts, jene Stellen, an denen das Histogramm quasi "beschnitten" wird; der dazwischenliegende Bereich wird auf die gesamte Breite "auseinandergezogen."

Auswahl des Rotkanals (oberer, roter Pfeil). Die Eingrenzung des Datenbergs ergab die Werte 14 für den Schwarzpunkt und 196 für den Weißpunkt.



Resultat nach der Histogramm-Optimierung, separat für jeden Farbkanal einzeln durchgeführt.

Auswahl des Bereichsreparatur-Pinsel-Werkzeugs aus der Werkzeugleiste in Photoshop.

Bei den Eigenschaften des Bereichsreparatur-Pinsel-Werkzeugs sollte vor allem die Größe dem zu reparierenden Bereich angepasst werden. Der Regler Härte sollte eine mittlere Stellung einnehmen. Der weiße Kreis ist nun der Mauszeiger und wird über dem Sensorfleck positioniert (roter Pfeil). Ein Mausklick entfernt den Fleck und ersetzt ihn durch umliegende Bildbereiche, die das Programm automatisch und mit einer gewissen "Intelligenz" auswählt.

Auswahl des Kopierstempel-Werkzeugs aus der Werkzeugleiste in Photoshop.


Foto mit entfernten Sensorflecken.

Auswahl des Verschieben-Werkzeugs aus der Werkzeugleiste in Photoshop (linker roter Pfeil). In der Eigenschaften-Leiste dieses Werkzeugs sollte die Option Transformationssteuerungen angehakt sein. Dann kann die Maus z.B. über das rechte obere Eck des Fotos bewegt werden, bis der Mauszeiger zu einem schwarzen, gebogenen Doppelpfeil wird (rechter roter Pfeil). Mit gedrückt gehaltener Maustaste gelingt nun die Drehung des Bildes.


Attraktiv erscheint mir ein Panoramaformat, auch weil das Bild im Vordergrund viele entbehrliche Bereiche aufweist. Zunächst wird die nach wie vor bestehende Auswahl mit der Tastenkombination Strg+D aufgehoben. Um nun den endgültigen Beschnitt des Bildes vorzunehmen, wird in Photoshop zunächst das Auswahlrechteck-Werkzeug ausgewählt.
Aktivierung des Auswahlrechteck-Werkzeugs in der Photoshop-Werkzeugleiste.

Die getroffene Auswahl ist in Form einer Box sichtbar, die durch eine gestrichelte, animierte Begrenzung dargestellt wird.

Nach dem Bildbeschnitt weist das Foto ein Panorama-Format auf, während die weißen Ränder, die durch die Bilddrehung entstanden, verschwunden sind.

Die Gradationskurve wird durch zwei Punkte (siehe rote Pfeile) in der dargestellten Weise "verbogen"


Die Nachschärfung erfolgt mit den Parametern Stärke=25, Radius=0,7 Pixel und Schwellwert=0 Stufen:

Nachdem die Gelbtöne selektiert wurde (oberer Pfeil), wird der Regler Sättigung in die Position +20 gezogen (unterer Pfeil).


Zum direkten Vergleich hier noch einmal die unbearbeitete Originalaufnahme.

Hinweis: Um die Bearbeitungsschritte hier plakativ vorzuführen, wurden teilweise intensive Einstellungen gewählt, die je nach Geschmack und persönlichem Gusto auch in entsprechend abgemilderter Form zum Einsatz kommen können.
Übung
1. Verwende das Bild "landschaft.jpg" aus der Arbeitsdatei und öffne es mit Photoshop; alternativ mit dem von dir verwendeten Bildbearbeitungs-Programm. Vollziehe alle oben unter Beispiel dokumentierten Bearbeitungsschritte nach, um möglichst zum gleichen Ergebnisbild zu gelangen, wie es am Ende des Beispiel-Kapitels zu sehen ist.2. Öffne das Bild "landschaft2.jpg" aus der Arbeitsdatei mit deiner Bildbearbeitungs-Software und versuche, es durch konservative Bearbeitungsmethoden zu verbessern.
3. Öffne die unbearbeitete Version eines deiner Fotos, bei dem du bisher jegliche Bildverarbeitung als überflüssig empfunden hast, mit deiner Bildbearbeitungs-Software. Versuche einige grundlegende Schritte der konservativen Bildverarbeitung wie zum Beispiel Histogramm-Optimierung, Bildbeschnitt, Entfernen von Sensorschmutz, Anpassung von Gradation und Farbbalance. Beurteile selbst, ob nicht doch der eine oder andere Bearbeitungsschritt zur Verbesserung des Fotos führt. Achtung: Nicht immer muss die Wirkung der Bearbeitung dramatisch sein, ist im Gegenteil oftmals nur subtil.
4. Fotografiere ein Motiv mit vielen verschiedenen Farben oder suche ein entsprechendes Farbfoto aus deinem Archiv aus. Wandle es in Photoshop zu einem Schwarz-Weiß-Foto um (Befehl Bild>Korrekturen>Schwarzweiß ...) und mache Gebrauch von den Reglern, mit denen entschieden wird, welche Farben in welche Grautöne umgesetzt werden. Erstelle verschiedene Varianten und vergleiche sie miteinander, um die Unverzichtbarkeit der konservativen Bildverarbeitung eindrucksvoll zu erleben.
Weiter geht es mit Teil 12: Nur die besten Aufnahmen zeigen
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MicroSmurf
18.05.2012 - 17:10
Sehr gutes Tutorial, Danke.
zippo86
23.04.2012 - 20:22
sehr tolles Tut, hat mich von den bisherigen am meisten überzeugt, danke für die klasse Arbeit
Maijoh
20.04.2012 - 19:10
Vielen Dank für das Tatuorial, welches ich sehr gut gelungen finde!
wolfsieger
28.01.2012 - 17:33
Vielen Dank für diese Tutorial.
Es räumt mit etlichen Vorurteilen auf und vertritt eine sehr sachliche Linie.
Death666
27.01.2012 - 17:39
Das ist mal ein super Tutorial was wirklich zum neuen, ernsthaften herrangehen an die Bildverarbeitung motiviert ! Vielen Dank dafür!
centipete
27.01.2012 - 15:36
danke mal wieder für das tutorial - klasse serie!
lupusmary
27.01.2012 - 11:55
Überzeugende Argumente! Dieses Tutorial hat mich dazu angeregt, mich noch intensiver mit dem Thema Bildverarbeitung zu beschäftigen... Vielen Dank :D
hamsibone
27.01.2012 - 08:51
Vielen Dank für das Tutorial
Pjotr
23.01.2012 - 19:44
Sehr schön anschaulich und ausführlich erklärt. Danke!
wgdiabolo
21.01.2012 - 07:34
Schönes Tut wie immer, weiter so.
PhSn
20.01.2012 - 15:18
wow! sehr umfangreiches Tutorial mit schönen Beispielen. Bei der kommutativen Bildbearbeitung wäre allerdings das Beispiel eines wirklichen Composings nicht unangebracht gewesen.
stefan_seip
23.01.2012 - 13:21
'das Beispiel eines wirklichen Composings': Na ja, ich habe die Lady nicht wirklich aus dem Flugzeug geworfen. :-) Im Übrigen ist das Tutorial als Plädoyer für die konsequente Anwendung der konservativen Bildbearbeitung zu verstehen.