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Zone Zero ... die Story

Zone Zero ... die Story | PSD-Tutorials.de

Erstellt von Matthias, 05.12.2005.

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  1. Matthias

    Matthias Administrator Teammitglied PSD Beta Team

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    Zone Zero ... die Story
    aktuelle PDF als download: hier

    [​IMG] PROLOG

    Mein Name ist Matthew Perth, oder kurz: Matt. Und was ich jetzt berichte, könnte ein bisschen nach Brave New World 1984 klingen. Aber der Eindruck trügt. Es ist viel mehr als das.

    Der Anfang
    In der Nähe der Falklandinseln wurden vor 50 Jahren gewaltige Reservoirs an Erdöl und -gas gefunden. Die europäischen Konzerne schlossen sich mit den US-Amerikanern zusammen und schufen nach einem kurzen Scharmützel mit Argentinien etwas völlig Neues. Es fielen Worte wie Erschließung von Ressourcen, Ausbeutung, neue Wissensfelder und Forschungsmöglichkeiten.
    Danach entstanden zwei Hydrakomplexe von Bohrinseln. Das war nichts anderes als ein großer Verbund von großen Ölbohrinseln in einer Ausdehnung von etwa Wales. Doch das Stichwort war Lebensraumpolitik.
    Es wurde beschlossen, dem Gebiet im Inneren der Bohrfelder habhaft zu werden. Dazu wurde eine Idee der Japaner aufgegriffen, aus gepresstem Müll und anderen Altlasten Land im Meer zu gewinnen. So entstand eine neue Insel.
    Viel Geld ließ sie wachsen oder besser: wuchern. Die Hauptstadt der Insel hieß New Lab. Daneben gab es keine weiteren Städte. New Lab wurde ein magischerAnziehungspunkt für Forscherteams. Forschungsthemen waren Bionik, Rüstung, Robotik, Genetik. Das Land war rechtsfreier Raum. Sensationelle Fortschritte in der Bekämpfung von Krankheiten wie Aids und Krebs gaben der Insel weiteren Aufrieb. Genveränderungen, Mutationen, spezielle Auslese, Klonen ? alles wurde probiert, keine Tabus.
    New Lab bestand aus zirka 1 Mio Forschern und 3, 5 Mio Servicemitarbeitern und Familienangehörigen.
    Damit wurde es zum Laboratorium der Erde, die Ideen- und Entwicklungsschmiede der ersten Welt. Von hier aus wurde die Zukunft technologisch eingeführt. Ein wahnsinniger Ritt.

    Brüchige Erbsubstanz
    Doch die Geberländer und Globalplayer hatten einiges verschwiegen. Mit dem Projekt New Lab wurde gleichzeitig die Lösung der Endlagerung von Atommüll beschlossen. Falkland lag fernab. Was sollte schon passieren? Die Unterschicht des Fundaments der Insel war Stahlbeton. In deren Bauch lagerten Millionen Tonnen radioaktiver Abfall.
    Eines wurde nicht beachtet: Die Plattentektonik hatte ein Loch ins Fundament gerissen. Nicht ein kleines Loch, was ein schleichendes fast unbemerktes Austreten ermöglichen würde. Es waren kleine lang gezogene Risse, so, als hätte Nemesis persönlich mit dem Pinsel der Rache das Fundament bestrichen. Über Jahrzehnte wurden die Wissenschaftler und Mitarbeiter sowie deren Familien verstrahlt. Natürlich wurde die Änderung der Gensubstanz bemerkt. Doch die Ursache blieb den Entwicklern, Experten und Wissensakrobaten verborgen. Sie wussten nichts von der Brut, auf der sie hockten. So entwickelten sie eine durch Mutation hergeleitete Veränderung ihrer Erbsubstanz um der Strahlung entgegenzuwirken ? Strahlen gegen Strahlen.
    Weitere Veränderungen wurden notwendig. Der Status quo wurde durch natürliche Geburten nicht gehalten. Es wurden schon Jahrzehnte lang Menschen geklont. Das Wort ?Klonversuch? war nicht mehr als ein Rudiment aus den Gründertagen. In dieser neu geschaffenen Welt ohne Datenschutz, Ethikkonferenzen, moralischen Instanzen und Religion spielten die Wissenschaftler Gott. Ihr Credo: Warum weiter das Schlechte bekämpfen, wenn wir in der Lage sind, Besseres zu schaffen. Etwas, was frei ist von brüchigen und unzulänglichen, sprich: invaliden Genen ist. Es folgte der Entschluss, die nächsten Jahrgänge mit der nötigen Erbgüte zu klonen und auf natürliche Geburten zu verzichten.


    Menz
    Die geklonten Menschen sollten nahezu perfekt werden. Sie hießen nur noch Menz ? die Kurzformel für Resistenz und Intelligenz. Menz war Traum und Ideal zugleich. Ein Höchstmaß an Kreativität und rationeller Fähigkeit und zugleich Sicherstellung des technischen Fortschritts der ersten Welt.
    Das Ergebnis war ebenso beeindruckend. Keinerlei bakterielle Viren, Krankheitserreger und Gifte konnten den Organismus der Menz zerstören. Am wichtigsten aber war die Immunstärke gegen die Strahlung. Die Erbsubstanz blieb fest.
    Menz waren wie Menschen. Gleiche Anatomie, gleiche physiologische Fähigkeiten. Sie waren verletzlich und verwundbar. Sie liefen nicht schneller als andere, schwammen nicht besser und tauchten nicht länger.
    Doch die Psyche war einzigartig. Ein Produkt wie aus dem Alchemielehrbuch. Die kognitiven Fähigkeiten verstärkten sich besonders im Lernniveau. Der Hippocampus verdoppelte seine Größe im Gehirn. Aus dem einstigen so genannten Seepferdchen wurde ein genmanipulierter Hengst im Kopf. Dadurch war ein Menz in der Lage, jeden Ort zu kartografieren, an dem er sich jemals aufgehalten hatte. Besser als jeder Taxifahrer würde er sich zurechtfinden, Stadtpläne und Straßenkarten würden überflüssig werden. Selbst Bilder, Filme, Szenen, ja sogar Geräusche schufen ein Ganzes im umspannenden Netz der Sinneswelt im Kopf eines Menzes ? die Welt als neuronale Repräsentation.
    Die Lernfähigkeit war schrankenlos. Die Wissenschaftler kultivierten ein Erbe, dass die gewonnenen Erkenntnisse in einem einzigen Speicher bündeln kann. Ein neuer Archetypus von Mensch sollte ein neues Zeitalter einläuten ? die Wissenzeit. Der Menz: der Universalgelehrte, ein Genie, der homo super sapiens.
    Über 300.000 von ihnen wurden gezüchtet. Der Traum schien Wirklichkeit. Die purpurnen Flüsse konnten nicht heller leuchten.
    Die Realität zeigte, dass die gelehrigen Schüler schon bald besser waren als ihre einstigen Schöpfer. Die Intelligenz war ausgesprochen hoch. Ein Test, sie zu messen, unmöglich. Sie gingen raffinierter an wissenschaftliche, mathematische, physikalische und astronomische Probleme heran. Sie erklärten die Welt neu, sie gaben ihr eine ungewohnte Harmonie.
    Die Wissenschaftler erkannten, dass mit ihnen die Weltformel formulierbar wird.
    Es zeigte sich aber auch, dass das Frontalgehirn der Menz ungewollt kleiner, geradezu verkümmert war. Das Frontalgehirn, jenes Areal, dass des Menschen innerer Gerichtshof bildet. Dort sitzt deine Persönlichkeit, dort formt sich dein Charakter, deine Moral, deine Werte. Der Platz wurde durch andere Gehirnbereiche eingenommen.
    In ihrem Eifer zeichneten sich die Menz durch unnachahmliche Rücksichtslosigkeit aus. Moral? Ein Fremdwort. Ethik? Ein Witz. Religion ? sie waren Gottes Sohn und Vater zugleich. Es gab keine Religion, nur Ursache und Wirkung. Und über die Wirkung befanden sie.
    Neue Erkenntnisse, neue Theorien, neue Ideen. Wissen schuf Macht. Sie wollten unabhängig sein von den Geberländern und unabhängig von ihren Ziehvätern. Und vor allem wollten sie über die Weitergabe von Informationen, von Patenten, von entwickelten Technologien selbst bestimmen.

    Konsequenzen
    Die Wissenschaftler baten die Welt um Hilfe. Doch diese blieb versagt. Die Lobby der Konzerne war stark. Zu abstrakt schien den Staatschefs das beschriebene Problem der Wissenschaftler, zu groß die Versuchung, von der erlesenen Frucht der Weltformel kosten zu dürfen. Und 300.000 Menz ein zu kleines Problem um ernsthaft gefährdet zu sein.
    Die Menz schufen Rüstungsprogramme. Sie entwickelten andere Waffensysteme. Meteorsysteme etwa ? Waffen zum gezielten örtlichen Einsatz von Temperaturschwankungen, Wind, Regen und Trockenheit. Eiszeiten und -berge, Gewitter und Blitze, Tornados und Tsunamis, Hitze und Dürre ? nichts schien mehr unmöglich.
    Oder Schallsysteme ? Geräte, mit denen punkt- oder quadratkilometergenau Höllenlärm verschossen wird. Diese Waffen können bestückt werden an Satelliten, Flugzeugen und Schiffen. Für den Nahkontakt entwickelten die Menz die Waffe in Pistolen- und Gewehrgröße. Wie bei einem Taser schießen Schallwellen auf dich los. Die Schallpistolen gibt es in zwei Modi ? der Flucht- und der Überwindungsmodus. In der Fluchtstufe bleibt die Traktion der Muskeln erhalten, die Befehle zur Bewegung schaffen den Weg vom Gehirn ins Rückenmark. Und du wirst flüchten. In diesem Zusammenhang kannst du noch einmal darüber nachdenken, in wie weit du dich selbst bestimmst, wie frei dein Wille wirklich ist. Die Schallwellen der Überwindungsstufe hingegen lähmen dich und blockieren deine Denkwege. In deinem Kopf wird ein neurophysiologischer Schock ausgelöst. Du kannst nichts dagegen machen. Du fällst um und bist nicht mal mehr in der Lage, deinen Peinigern ins Gesicht zu sehen. Ein Stück Fleich am Boden, das bist du dann.
    Die Wissenschaftler sahen ihre Rolle im Wettlauf um die Vorherrschaft des Wissens verspielt, ihren Untergang selbst eingeleitet. Sie entschieden, die Insel zu verlassen. Doch die Menz verriegelten die Insel. Stattdessen wurde das Umland von New Lab ausgebaut um die Autarkie der Insel sicherzustellen. Energie, Ernährung, Versorgung ? alles detailliert vorweg gedacht. Und die neue Bestimmung der Wissenschaftler sollte die Sicherstellung der Selbstversorgung sein. Determiniert durch die Menz.
    Die Menz verhandelten einen Nichtangriffsvertrag mit der Welt. Sie benötigten die Zeit zur Vorbereitung für ein Finale, dass die Evolutionsgeschichte der Menschheit um ein Kapitel erweitern würde. Und die Zeit bekamen sie. Zeit unter anderem, um einen Sicherheitsapparat personell und materiell einzurichten.
    Sie erschufen eine Paramiliz aus der Retorte, zahlenmäßig mit über 100.000 Mann bestückt für weniger als 5 Millionen Menschen. Das heißt eine Obrigkeitsdichte, die es in keinem anderen totalitären Staat gibt.
    Die Paramiliz wird hierarchisch strukturiert. Jede Instanz nach oben mit einem Satz besserer Intelligenz, so dass die Führungskader den verbliebenen Wissenschaftlern ebenbürtig wurden. Nach unten weniger Intelligenz, bessere physiologische Fähigkeiten und absoluter Kadavergehorsam. Treue ergibt sich nicht aus Überzeugung, sondern aus Genen. Ebenso die Brutalität, die Durchhaltekraft und die Gewissen- und Bedenkenlosigkeit. Die Einsatzmittel sind keine Schuss- oder Stichwaffen, aber dafür sonst alles, was schlimmste Verstümmelungen anrichtet. Die Vorsicht bei den Waffen ergab sich aus der Befürchtung eines Auflehnens oder gar eines Putsches der obersten Hierarchieebene der Paramiliz. Zwar gibt es Waffen für die Sicherheit und den Bestand von New Lab, wie etwa die Schallpistole, diese erscheinen aber ungeeignet für einen Umsturz.
    Der Sicherheitsapparat umfasst des Weiteren riesige Mauern, die die Wissenschaftler von der Küste und den Docks, den Ölbohrtürmen und den Laboratorien trennen, unzählige Kontrollpunkte innerhalb der Stadt sowie an deren Zu- und Abfahrtswegen, besetzte Wachtürme und Brücken. Die Insel gleicht einer Festung zum Schutz vor dem Inneren. Die Eingriffe in unser Leben werden legalisiert in einem Sicherheits- und Bestandsgesetz. Gefahrenabwehr, Eingriffsrechte, Befugnisse und Kompetenzen ? alle denkbaren Tatbestände, die entgegen unserer neuen Bestimmung sein könnten, wurden fixiert im Paragrafenmonstrum. Die Absätze enthalten wiederkehrend, ja fast refrainartig die Endung: ?zu untersuchen mit Anwendung unmittelbaren Zwangs.? Damit wurde der Terror zum Gesetz. Wie weit der Begriff Untersuchung auszulegen ist, zeigt die tägliche Praxis der Paramiliz. Die Willkür liegt im Ermessen des Einzelnen unter den Gesichtspunkten von Effektivität und Effizienz sicherheitspolizeilicher Maßnahmen und Eingriffe.
    Anlassunabhängig können Unterhaltungen abgehört, Wohnungen durchsucht, Gegenstände beschlagnahmt sowie Menschen untersucht und beliebig lange festgehalten werden. Grundrechte und Datenschutz gibt es nicht. Privatsphäre und Rückzugsraum vor Willkür stehen entgegen den Sicherheits- und Bestandsinteressen der Menzen.
    Die Übereinkunft zwischen Menz und Mensch ist offensichtlich. Wir sichern die Autarkie und dafür werden wir nicht getötet werden. Der Rest ist Schweigen.

    Ich bin Matt Perth, ehemaliger Wissenschaftler, jetziger Arbeiter. Versklavt von unserem erschaffenen Erbe. Gefangen im programmierten Terror. Ein Terror mit Methode. Wartend auf mein Ende. Ein Ende durch freigesetzte Strahlung. Ein Ende durch Gewalt. Das ist die Welt, in der ich lebe. Das ist Zone Zero. Geburtsstunde und Kreißsaal des Menschen in der Betaversion.

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    [​IMG] KAPITEL 1

    Hier schon einmal der Entwurf, wie es weiter geht.
    Mal schauen, vielleicht werde ich noch bei diesem Abschnitt und den Prolog einiges umschreiben. Kam auf die Idee, dem ganzen eine Ideologie zu verpassen, die neben dem Streben nach Kenntnis auch in dem ständigen Verdacht des Dissidententums der anderen steht. Sozusagen demaskierend allem anderen gegenüber (wie teilweise etwa beim Kommunismus oder der Frankfurter Schule.)


    Alltag
    Als die großen Konzerne begriffen, dass die Produktion in so genannten Billiglohnländern wesentlich effizienter ist als daheim im Wohlstandsstaat, sprach man den Zero-Profit-Jobs eine große Zukunft aus. Das waren Jobs in Bereichen, in denen die Effizienz keine Rolle spielt, zum großen Teil soziale Arbeiten. Aufgaben, die dem Erhalt der Gesellschaft dienen und der sozialen Rolle des Staates gerecht werden. Ich habe jetzt einen Zero-Profitjob. In Zero Zone. Welch eine Ironie. Das war wohl nicht im Sinne der Marktanalysten.
    Ich bin tätig für die Logistik von Düngemitteln. Natürlich ohne Lohn, Zeroprofit eben.
    Mein Tag beginnt fast wie jeder andere auf der Welt. Ich stehe morgens um 06 Uhr auf. Um sieben beginnt meine Arbeit. Wir haben keine Stechuhren. Dafür haben wir Lichtschranken und Lasererfasser. Anhand unserer biometrischen Strukturen erkennen uns die Sicherheitssysteme der Anlage. Sie erfasst mein Körpergewicht und Größe, meine Iris, Lippenstruktur und Ohrmuschel, meine Motorik und Mimik. Ich brauche nichts sprechen, nirgendwo reinblicken oder mit den Fingern über Scanner rollen. Es passiert alles automatisch. Ein System wie in jedem Discounter gegen Diebe. Ich gehe durch und beginne wenig später mit der Arbeit.
    Doch was auffällt sind die Paramilizen in der Nähe des Eingangbereichs. Und nicht nur das. Auf dem Weg zur Arbeit mit dem öffentlichen Vehikel für Transporte über 80 Personen ? eine Art riesiger Bus ? sehe ich an den Straßen rechts und links die Milizen stehen. Sie stehen angelehnt an ihren Jeeps. Sie tragen ihre Ausrüstung, drehen ihre Tonfas spielend in der Hand und glotzen rüber ins Vehikel. Gelegentlich stoppen wir, werden überprüft, einzelne Personen mitgenommen. Und die Fahrt geht weiter. Die Personen, die festgenommen werden, sehe ich ein paar Tage nicht. In der Regel sind sie nach dem vierten Tag wieder dabei. Ich spreche sie nicht an. Sie werden auch nicht von den anderen angesprochen. Keiner will genau wissen, was passiert. Wir Wissenschaftler sind von Natur aus neugierig. Aber mich interessierte vor allem Probleme und wie ich sie lösen kann. Ich möchte aber selbst nicht zum Problem werden. Und eine Lösung kann und will ich hier niemanden anbieten.
    In meiner Schicht arbeiten noch zirka 20 weitere Wissenschaftler unter der Aufsicht von zwei Menzen und 4 Milizen. Wir arbeiten aber nicht zusammen. Wir reden nicht. Es gibt keine Probleme zu bewältigen, keine Sinn erfüllenden und Lösung suchenden Gespräche, keine Diskurse. Anschließend geht es zurück zu den Blöcken, in denen die meisten von uns wohnen. Nur wenige durften ihre Autos behalten. Viele wurden konfisziert. Genauso die Wohnungen. In den Flachdächern der Vorstadt leben jetzt die Menz.
    Die Paramilizen leben mitten in der Stadt. Sie haben die Stadt unter sich aufgeteilt. Ihr Engagement gilt dem Dienst, aber auch dem Leben danach. Es gibt Trinkhallen, Lasterstuben, Spielhöllen und Abstiegen für Geächtete. Und die Macht über diese Etablissements haben die Paramilizen inne.
    Erschaffe die Welt und sie wird lasterhaft, muss sich Gott gedacht haben, als er nach einem kurzen Moment der Ablenkung nach der Erde sah. So ergeht es wohl auch den Menzen. Es ist wirklich zum Totlachen, wenn es nicht so verdammt ernst mit uns dahergeht.
    Die Innenstadt ist geschwängert vom Geruch des Chaos`. Ich habe schlimme Befürchtungen für die Zukunft. Im Streben der Menzen nach den Antworten zu Fragen der Harmonie, Ordnung und Gesetzmäßigkeiten der Erde und des Weltalls überlassen sie den Milizen die Innenstadt. Aus den Gullydeckeln treibt schimmelweiß-blauer Dunst hervor. Es schwängert die Luft mit einem trägen Gemisch. Es wimmelt und sticht nach Verschmelzung und nächtlichen Umtrieben, Alkoholics und Cannabinolics, Luxuria und Gula.
    Die Ursuppe mag ähnlich gerochen haben. Doch dieser Duft kündigt nicht Entstehung und Ordnung an. Es ist ein süßer beinahe lieblicher Duft des Untergangs, gezogen vom Leichenwagen der Zukunft. Wir werden untergehen, so meine Hoffnung. Die Ordnung weicht dem Chaos. Zone Zero ist nicht lebensfähig. Es ist dreckig und gottlos. Reinigend wirkt lediglich meine Vorahnung, dass diese neue reifende Gesellschaft sich bereits selbst zersetzt.
    Alle großen Kulturen gingen unter. Zu sehr setzte sich die Unordnung durch. Der Egoismus, der Machtdrang, der Dreck der Zeit. Während Römer und Griechen untergingen, überstand das Mittelalter. Das dunkle Kapitel der Weltgeschichte. Askese und Gott hießen die Hebammen und gebaren die Neuzeit. Hier in Zone Zero verzichtet niemand ? Egomane Annehmlichkeiten, motivierte Konsumlust, Sittenluderei, Rumhuren, Narkotika.
    Das Geschrei aus den Kaschemmen der Stadt, den motorisierten und zischenden Fahrzeugen der Bewohner und Milizen, verstörte Blicke, die stumm ihre Botschaften schreien. Intoniert vom Hintergrundmoll der Ölpumpen und dem Rauschen der Forschungslaboratrien. Ein langes Ausatmen. Endlich: Untergangsmelodien.
    Mein Block ist ein Zwölfgeschosser. Ich wohne im vierten Stock. Es ist nicht so, dass ich fast alleine hier drin wohne. Aber seit dem sich die Verhältnisse geändert haben, nahm die Bewohnung des Hauses um zirka 1/6 ab. Einige wählten den Freitod, andere wurden zwangsweise umgesiedelt, bei manchen gibt es furchtbare Gerüchte darüber, dass sie eines Nachts von einer Untersuchung nicht mehr heimkehrten.
    Es kursiert auch eine Geschichte von einem Milizangehörigen mit Namen Gregor und dem Wissenschaftler aus dem elften Stock. Beide unterhielten sich in der Kneipe im Erdgeschoss des Hauses. Skypus, wie der Wissenschaftler hieß, wurde von Gregor zu einer anderen nächtlichen Party eingeladen. Zu einer Party von Milizen. Daran nehmen für gewöhnlich keine Wissenschaftler teil. Auch den Menzen sollen diese Vergnügungen unbekannt sein. Jedenfalls war Skypus bei dieser Undergroundparty unten an den Docks. Eine Art Seuchenbottich wies den Weg durch ein Heer von uniformierten Milizen. Sie tanzten und schrieen. Wie wilde Tiere glotzten sie den neuen Gast an. Ihre Blicke waren psychedelisch. Der Weg führte in einen kleinen Raum. Gregor blieb bei Skypus. Der Raum hatte an den Außenwänden keine Fenster. Es war halbdunkel, laut von der Musik, die durch die vibrierenden Scheiben der Saalseite hallte. Skypus drehte sich um und schaute. Von innen waren nur die Umrisse der Milizen im Saal zu sehen. Das Glas war milchig. Doch der Eindruck wollte nicht schwinden, dass er von der Meute beobachtet wird. Im Raum war eine weitere Miliz. Ein Höhergradierter. Sein Blick war musternd, durchdringend und scharf. Er saß hinter einem kleinen Tisch. Auf dem Tisch stand ein Schachbrett aus Stein. Die Schachfiguren waren aus einem anderen Stoff, ähnlich Holz, nur war es keines. Und auch nicht alle Figuren waren aus dem Stoff. Vier Figuren waren geschnitzt aus Holz. Auch wenn die meisten Schachfiguren aus dem einen Stoff waren, fassten sie sich dennoch merkwürdig an. Und sie spielten Schach. Skypus konzentrierte sich nicht richtig auf das Spiel. Ihn konzentrierte die Frage, welchen Stoff diese Gebilde ausmachten. Der Gegner merkte es, doch war es ihm gelegen. So ging das Spiel lange Zeit, bis eine Höchstzahl an Zügen das Remis ankündigte. Als Skypus gehen wollte, drückte Gregor ihn zurück in seinen Sessel. ?Ein Remis kommt nicht in Frage. Wir spielen um Sieg oder Niederlage.?, meinte Gregor und nickte seinem Vorgesetzten zu. Durch diese Ansage fühlte sich der Wissenschaftler bedroht. Er wollte sich in diesem Spiel aber konzentrieren. In der Gewissheit, von einem Milizionär nicht geschlagen werden zu können, gab er sich nun dem Spiel hin. Kurz drückte ihn wieder die Frage nach der Beschaffenheit der Figuren. So verlor er bereits in der Eröffnung einen Bauer. Doch diesen Opferzug münzte er um und führte eine schnelle, überfallartige Entwicklung herbei. Er kam in dieser Situation nicht umher, doch noch nach den Figuren und seinen unterschiedlichen Werkstoffen zu fragen. Sein fragender Blick wurde mit Schweigen beantwortet. Nach zwölf Zügen leitete er den Schachmatt ein und vergnügt rief er aus: ?Caissa, die Göttin des Schachspiels, ist mir gesonnen!?
    Sein Gegenüber erfasste die Bedrängnis. Sturzartig schwang er sich aus dem Sessel und packte Skypus bei der linken Schulter. Er zerrte ihn vor sein Gesicht, zog kräftig Luft durch seinen Mund und dröhnte: ?Die Figuren sind aus Knochen. Knochen wie deinen. Verstehst du! Vier Figuren fehlen noch.? Wie elektrisiert strahlten die Augen. ?Und du hast das Ende verkannt. Ich habe gewonnen. Und wieder Schädelmatt.? Mit der rechten griff der Typ das Schachbrett und schleuderte es an Skypus` Stirn.

    Aus meinem Fenster habe ich einen guten Blick auf den Vorplatz des Blocks. Ich sehe den nach unten ins Erdgeschoss führenden Eingang zur Bar. Die Farbröhren über dem Treppenansatz schimmern stahlblau in den Abgang. Die Straße ist nicht gesäumt von Bäumen. Es zwitschern keine Vögel und tagsüber kreischen keine kleinen Kinder. Mir fällt auf, dass einige Bordsteine und Straßenabschnitte beständig feucht sind. Jedes Mal nach einer Aktion der Milizen sind die Platten gesäumt von Blut, Erbrochenen und manchmal auch Asche. Die Reinigung ist schnell. Daher ist alles nass. Ich schlage die Gardine zu und setze mich an meinen Schreibtisch. Ich fühle mich hier einsam. Nebenan wohnen meinesgleichen. Manchmal frage ich mich, was wohl der Nachbar macht. Ob er da ist. Das denke ich schon. Ob er genauso wie ich in alten Projektbüchern liest? Dann sehne ich mich danach, dass er einfach mal rüber kommt und klopft, dass wir darüber reden, was hier mit uns passiert. Aber ich habe auch Angst davor. Überall drohen Spitzel dich anzuschwärzen für menschliche Eindrücke, für Gefühle und dem Vermissen der Humanität, eben dafür, dass ich Mensch bin.
    Ich lese in meinen alten Unterlagen. Durch die Schlafprobleme habe ich viel Zeit zum Lesen. Dabei schaue ich mir immer wieder die gleichen Sachen an. Die alten Unterlagen zu den Forschungsprojekten, als es noch nicht Menzen gab. Ergebnisse, die aus unserer Hand erschienen, die veröffentlicht wurden in anerkannten Zeitschriften. Immer wieder.
    Am Abend fand ich ein Buch. Es war ein Buch, was mir mein Mentor zu meiner Habilitation schenkte. Ich musste zurückdenken an die Zeit nach dem Studium und den Beginn mit der Forschung hier in New Lab, an die Ideale als junger Wissenschaftler. Ich las das Buch. Es war unheimlich. Die Gedanken gehen zurück ins 17. Jahrhundert, doch was beschreibt der Autor nur.
    Der anschließende Schlaf war niederschmetternd. Ich träumte von einer Welt ohne Menzen, einer Welt der Selbstbestimmung, der begrenzten Forschung und einer Lehre mit Moral und Verantwortung.
    Die nächsten Tage musste ich immer und immer wieder dieses Buch lesen. Und mehr ich die Teilnahmslosigkeit der anderen in den Vehikeln betrachte, die Automatismen in der Ausführung der Arbeit, die Einsamkeit in den Blöcken, nein, so kann mein Verständnis von Gesellschaft nicht sein.

    Der nächste Tag
    Ich nahm das Buch mit, setzte mich ganz vorn, direkt hinter dem Fahrer auf dem Sitz und wartete. Wir fuhren langsam an den ersten Kontrollpunkt der Milizen vorbei. Die Fahrt ging weiter. Noch zirka 18 Minuten Fahrt bis zu meiner Arbeitsstelle. Das Vehikel war voll mit meinesgleichen. Ich sprang auf, hielt das Buch vor mir und begann laut zu lesen:
    ,,Denn da der Mensch keine Gewalt über sein eigenes Leben hat, kann er sich weder durch einen Vertrag noch durch seine eigene Zustimmung zum Sklaven eines anderen machen. Er kann sich auch ebenso wenig unter die absolute und willkürliche Gewalt eines anderen stellen, die es jenem erlauben würde, ihn zu töten, wenn es ihm gefiele.? Ich schaut über den Buchrand. Mir schenkte man Aufmerksamkeit. Sie schauten mich bewusst an. Doch was drückten ihre Augen aus: Erstaunen und Traum, Angst und Scheu, Freude und Menschlichkeit.
    ?Niemand kann mehr Gewalt verleihen, als er selbst besitzt. Und sich sein eigenes Leben nicht nehmen darf, kann keinem anderen eine Gewalt darüber verleihen." Nach dem ich den Abschnitt beendete klappte ich keinesfalls das Buch zu. Ich begann von vorn und las wieder und wieder die Zeilen. Und je mehr ich las, umso deutlicher zeigten einige die Angst vor Milizen. Doch die Mehrheit strahlte. Sie freuten sich. Sie gaben sich den Worten hin, wie einem Traum, der vor ihrem Augen sich ins Bewusstsein schlägt. Es wirkte auf mich, als wären meine gesprochenen Worte seit langem die einzigen gewesen, die sie von einem Menschen für einen Menschen hörten. Das sonstige Schweigen wurde von mir gebrochen.
    Ich packte mein Buch zurück in den Tasche und verließ den Transporter.
    Am Eingang standen schon die Milizen. Es kam mir vor, als schauten sie auf mich. Als erwarteten sie mich. Mich bedrückte das Gefühl, dass ich etwas falsches getan hatte. Jetzt würde ich mich mein Tat stellen müssen. Langsam schritt ich auf sie zu. Der eine wand sich mir zu. Ich ging weiter auf ihn zu. Im gleichen Moment nahmen die anderen Wissenschaftler etwas Abstand von mir. Wir teilten uns ein wenig, gingen aber dennoch auf die Tür zu. Noch ein paar Schritte. Jetzt schauten alle vier Milizen auf mich. Wie im Nebel tastete ich mich nach vorne auf sie zu. Als ich dann vor ihnen stand, weil ich wusste, dass ich muss, passierte nichts. Sie guckten. Ich guckte. Wir standen da. Ein Moment der Ruhe und Spannung, des Erwartens und der inneren Ohnmacht. Ich dachte mir, warum sprichst du nicht und erklärst deine Situation.
    Der Boden war steinig, kalt und dreckig. Ich spürte einen Schmerz an meiner Stirn. Mit meinen Ellbogen und Knieen stütze ich mich. Meine Hände gleiteten über meinen Kopf. Benommen schaute ich hoch. Wieder sah ich ein Hand auf mich zu kommen. Doch für einen Schlag war sie zu weit entfernt. Mein Hirn schwoll und presste sich an den Schädel. Ich versuchte, zu erkennen, was der Milizionär vorhatte. Schon sah ich eine Flüssigkeit auf mich zu fliegen. Meine Augen schlossen sich, sie tränten und brannten. Die Schleimhäute schwollen an. Mein Körper ging zu Boden. Schraubzwingengleich verdeckte sich meine Sicht. Nichts konnte ich tun.
    ?Wag es nicht noch einmal zu glotzen.?, brüllte einer. Die anderen lachten. ?Und nun verschwinde.?
    Ich wand mich hoch und eilte halb gebückt und blindlings zu den Sicherheitsdurchgang der Fabrik. Die anderen waren schon lange drin. Als ich kam, sagte keiner was zu mir, keiner fragte, warum ich zu spät sei oder ein verkrampftes Gesicht ziehe. Ich begann mit meinen Aufgaben. Der Automatismus hatte mich zurück.

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    [​IMG] KAPITEL 2

    Habe die Nachschicht genutzt, um die Geschichte weiterzuschreiben. Ist vielleicht noch etwas holprig und es fehlt noch eine Korrektur hinsichlich Rechtschreibung/Grammatik.
    Des Weiteren werde ich bestimmt den einen oder anderen Satz vom Stil her noch umformulieren, schönere Wendungen einbauen und so.
    (3 Uhr morgens mit einer Pulle Cola im Bauch schien ich doch eher nüchtern aufgelegt.)

    Eröffne den Thread dennoch, weil ich von euch wieder wissen möchte, was ihr davon haltet. Und einige von euch wollen ja ein paar Szenen zum Ausgestalten. icon_wink.gif

    Die Geschichte wird nun aus einer anderen Sichtweise betrachtet und nimmt eine unvorhergesehene Wendung. Das wird wohl noch öfters vorkommen.
    Eure Meinung ist mir wichtig. Seid bitte ehrlich.
    Aber lest selbst:



    Die nächsten Tage ließ ich das Buch im Zimmer. Zu lädiert wirkte mein Aussehen. Ich wollte nicht, dass die Wissenschaftler mein Auftreten verkennen. Schmerzen sollen nicht der Lohn für Humanität der Tat sein. Die körperliche Heilung und Erholung ging einher mit dem Verlangen, das Buch wieder ins Vehikel mitzunehmen. Es war keine Berufung, die ich leben würde. Ich fühle mich nicht als Missionär eines Glaubens, einer Richtung oder einer Interpretation. Das Buch soll nur jenen als Spiegel der Menschlichkeit dienen, die das Dunkle und Verkorkste dieser Zeit zu stark inhalierten.
    Ich las die Textstellen, die mir besonders gefielen, wiederholte einige Stücke, änderte die Tonlage. Ich verlor mich in den Zeilen. Kein Blick ging mehr über den Buchrand und die Worte von Freiheit, von Selbstbestimmung und von Gewaltlosigkeit bannten mein ganzes Interesse. Mir war, als läse ich im Moment nur für mich, weniger als Botschaft für andere, nur als Zeichen, als immer wiederkehrende Gewissheit, dass es vor mir Menschen gab, Menschen in einem anderen Jahrhundert, die doch die gleichen Gedanken teilten wie die meinen.
    Vier Tage vergingen so, ohne das etwas passierte.
    Am fünften Tag wollte ich das Verhalten, die Emotionen und die natürlichen Reaktionen genau kontrollieren und bemerkte, dass die Wissenschaftler obschon meinen wunderbaren Worten in einer eigenartigen Lethargie dämmerten.
    Am Abend saß ich wieder über dem Buch gebeugt. Ich beschloss, mit meinem Nachbarn zu reden. Ich wollte die Barriere zwischen uns brechen, die architektonische sowie verbale.
    Klopf, klopf. Ich hörte rascheln. Und noch einmal: Klopf, klopf.
    ?Hey ich bin es. Matt.?, sagte ich schließlich vor der Tür stehend.
    ?Ich kenne keinen Matt?.
    ?Matthew Perth, von der Nachbarwohnung. Ich möchte mit dir reden.?
    ?Ich glaube nicht, dass wir uns was zu sagen haben.?
    ?Willst du mich weiter hier vor der Tür stehen lassen??, fragte ich.
    ?Du kannst auch wieder in deine Wohnung gehen und mich in Ruhe lassen.?
    Er stand auf und kam zur Tür, öffnete sie aber nicht. Er wollte lauschen, ob ich ging. Daher blieben mir die zwei Möglichkeiten entweder direkt wieder zu gehen oder stehen zu bleiben und weiter auf ihn einzureden. Ich entschied mich für die dritte.
    Abrupt ruckelte ich die Tür auf. Zu meiner Überraschung war sie nicht verschlossen. Im Begriff des Öffnens überlegte ich mir, warum ich das machte und was ich wohl getan hätte, wenn die Tür verriegelt gewesen wäre. Die Gedanken kamen mir dämlich vor und ich war froh, dass sich dieses Problem nicht einstellte.
    Mein Nachbar war ein hagerer Typ. Er hatte die gleiche Kleidung wie ich. Die ZZ-Einheitsbekleidung mit den Erkennungsmarken, die vom Apparat gestellt wird. Ich trug meine Kleidung nie nach der Arbeit. In Handarbeit nähte ich mir was Eigenes, etwas für mich, meine Identität widerspiegelnd. Ich erschrak etwas, als ich ihn so sah. Er war wie uniformiert.
    Sein Haar war ergraut und der Blick nervös. Er sagte nichts. Weder schrie er noch machte er Platz, dass ich eintreten könnte.
    ?Caspar?, sagte ich. ?Mach die Tür nicht gleich wieder zu. Ich muss mit dir reden.?
    Er ließ mich eintreten.
    Sein Zimmer war aufgeräumt. Es lagen keine Materialien oder Akten umher, keine Bücher oder alte Fachzeitschriften. Der Fernseher lief. Es wirkte fast häuslich, aber nicht heimisch, wie eine Gefängniszelle, die mit bunten Servietten aufgefrischt wird. Ein Abklatsch von Gemütlichkeit, bekleckst mit Farbe des Machbaren, und doch für mich ohne Leben. Wie lebst du nur, dachte ich.
    ?Was willst du??, fragte mich Caspar. Er schaute aus der Tür in den Gang und verschloss sogleich diese.
    Er ging zurück zum Sessel, setzte sich und lugte zum Fernseher. Dabei belauerte er mich aus den Augenwinkeln. Ich stand mitten im Raum. Er wendete mir fast seinen ganzen Rücken zu.
    Ich sah mich noch um.
    ?Ich weiß, was du willst.?, schnarrte er schließlich. ?Du willst mich mit deinem aufrührerischen Gedanken verseuchen. Aber ich lass mich nicht einnehmen. Nicht von dir, von niemanden.? Er drückte das Sitzkissen dicht an seine Brust, versteckte sein Kinn darunter und wandte sich dem Fernseher erneut zu, wobei seine Augen nervös von einer Seite zur anderen sprangen.
    ?Was redest du??, fragte ich. ?Ich möchte nur sehen, wie du lebst.?
    ?Hast du genug gesehen??
    ?Warte! Ich möchte auch wissen, wie du zu Recht kommst. Vielleicht kann ich dir helfen.?
    ?Wozu Hilfe??, höhnte er. ?Hilf dir selbst und lass mich in Frieden.?
    Ich war verstört.
    ?Warum bist du so abwesend? Mach den Fernseher aus und erzähle mir deine Gedanken.?
    Er tat es tatsächlich.
    ?Du bist ein Zerstörer.?, begann er. ?Du stellst alles hier in Frage. Ich habe schon gehört, was du in deinem Vehikel jeden Morgen vorliest. Du bringst Unruhe in unser Leben. Du machst dich lächerlich mit deinen?? Er verstummte, verharrte in der gleichen Position vor dem Fernseher, nurn dass dieser aus war.
    ?Geht es denn nicht uns alle an, wie wir hier leben.?, sagte ich. ?Wir leben wie Vieh eingesperrt in Käfigen. Darauf wartend, dass unser Ende kommt, durch den Schlachter, unseren Milizen, oder alters-, krankheits- oder arbeitsbedingt.?
    ?Die Menzen sind kurz davor.?, entgegnete er.
    ?Sie sind bald soweit??
    ?Ja, es gibt nur noch kleine Probleme. Vielleicht ein Jahr, oder zwei. Dann haben wir sie.?
    ?Aber dennoch ist der Drang nach ihr doch keine Ermächtigung, uns derart zu halten. Sie haben die Milizen. Ich habe schlimme Dinge gehört. Was meinst du, warum wir alle allein in unseren Wohnungen sitzen??
    ?Allein??, lachte Caspar. ?Du bist der Einzige, der allein ist. Du und deine verqueren Gedanken. Selbst hier unten im Block gibt es eine Bar. Du bist nie dort. Und die Dinge, die du gehört hast, mögen sie wahr sein oder nicht, haben bei uns Wissenschaftlern einen besonderen Namen. Weißt du, wie wir diese Geschichten nennen? Es sind die einsamen Geschichten. Sie handeln immer von einsamen Menschen. Denke einmal drüber nach. Hier gibt es Leben. Wir können uns arrangieren mit den Milizen. Wir müssen uns nur anpassen und den Menzen in dem größten wissenschaftlichen Vorhaben der Menschheit unterstützen. Es ist eine Chance auf Gottes Tafelwerk. Wir alle wollen zu den Pionieren einer neuen, ach was sag ich, der einen Wissenschaft gehören.?
    ?Aber es ist schon lange kein menschliches Vorhaben mehr. Wir geben uns auf, uns, unsere Rasse, unsere Identität. Spürst du nicht auch, wie glasig unsere Knochen sind. Ich fühle mich dünnhäutig. Die Adern schimmern blau. Ich merke leibhaftig unsere Zersetzung.?
    ?Das ist eben ein Preis. Wir haben doch damals alle darüber abgestimmt. Wir alle wollten bessere Gene. Doch die Versuchung nach ihr, der Weltformel, mobilisiert viel größere Kräfte in uns. Was sind schon ein paar körperliche Unannehmlichkeiten im Verhältnis zur Erlangung der einen Formel. ?
    ?Aber das ist doch schon lange Geschichte. Es ist über eine Generation her. Und nur der Glaube an die Weltformel berechtigt doch nicht so ein Verhalten. Die Menzen sind nicht unsere Erben, es sind vollkommen andere Wesen. Und was kommt nach der Formel? Welche Rolle spielen wir dann im Bauplan der Welt??.
    ?Halt den Mund.?, schrie er. ?Wir sind kurz davor und die höhere Wissenschaft verlangt Opfer. Deine Ich-Sucht ist armselig. Als die Bombe im letzten Jahrhundert gebaut wurde, war jedem klar, was sie taten. Sie erschufen einen riesigen industriellen Komplex, nur um ihresgleichen massenweise zu vernichten. Der Krieg schien vorbei. Aber meinst du nicht, dass die Wissenschaftler danach lechzten, die Frucht ihres Strebens in voller Blüte zu sehen. Es bestand keine Notwendigkeit für einen Bombenabwurf, und doch wurde sie gezündet. Jeder wollte wissen, wie imposant die Theorie in die Praxis aufgeht. Die Wissenschaftler damals hatten auch ihre Ethik. Doch deine ist ketzerisch. Du willst, dass die Formulierung der Weltformel unmöglich gemacht wird. Du bist nicht bereit, Einbußen für höhere Dinge zu zulassen. Du bist ein Verräter an die Wissenschaft, ein Dissident unserer Mission, ein Feigling. Hörst du!? Jetzt schaute er mich an. ?Deine Gestalt ist so jämmerlich. Wenn du dich nicht vereinbaren kannst mit der Realität in New Lab, dann wähle den Tod. Mein Fenster soll dir offen stehen.? Er wartete einen Moment. Ich antwortete nichts. ?Und jetzt mach, dass du verschwindest.?
    Die Worte hallten nach. Welchem Trugschluss erlag ich? Verkannte ich die Wirklichkeit? Oder war es Caspar, der in Wahn redete?
    Ich lief wie irre zurück zu meiner Tür, stürzte in meine Wohnung und verschloss sie. Meine Knie sackten zusammen und angelehnt mit dem Rücken zur Tür saß ich auf dem Boden. Ein Starren musterte meine Wohnung. Ich sah die liebevolle Unordnung meines menschlichen Refugiums. Mein Blick verschwamm im Weichzeichner des gegenwärtig erlebten Unverständnisses. Tränen rannen über meine Wangen, mir schmeckte das Salz wie ein stilles Gebet meiner ertappten Illusion. Ein letzter Seufzer, und die Nacht begann.

    In den nächsten Tagen beobachtete ich ganz genau die Leute im Vehikel und bei der Arbeit. Langsam dämmerte es. Er könnte Recht haben. Die wenigen Kontakte, die wir Kollegen miteinander hatten, waren seit diesem Abend zumindest mit mir wie eingestellt Es ging auch sprachlos, das wusste ich schon lange. Doch seit diesem Moment scheinen sich alle von mir abzuwenden.
    Werktag: Der Tag verging wie immer und als ich die Lobby der Logistikhalle durchquerte und den Sicherheitsgang passierte, sah ich, wie Caspar den Paramilizen am Eingang zugewandt war. Er sprach mit ihnen. Ich sah ihn nie zuvor in meiner Arbeitsstätte. Er war einem anderen Bezirk zugeteilt. Auf Fingerzeig von einem der Milizen verschwand er auch wieder.
    Ich schlich an den Posten heran. Aber diesmal erwarteten sie mich wirklich. Jetzt war es kein Missverständnis. Caspars Rolle in der eben gelaufenen Szene wurde mir gleich bewusst.
    Sie waren zu viert. Der Ranghöchste sprach mich an: ?Perth, sie werden mit uns mitkommen.?
    ?Wohin??, fragte ich. ?Warum? Und wie lange??
    Statt mir zu antworten nickte er nur. Zwei Mann griffen mich an den Seiten, der dritte trat hinter mich. Ich vernahm einen kalten Druck im Nacken. Ein erneutes Nicken und ich verlor mein Bewusstsein.

    Es war dunkel, etwas unter Wohlfühltemperatur, trocken und steinig. Ich öffnete die Augen und fand mich in einem zirka 2 x 2 x 2 m großen Raum wieder. Aber es war kein Quadrat, eher eine Kugel. Nur der Boden war eben, zu den Seitenwänden im Übergang gerundet. Ein runder Kerker, den man, wäre es ein Luftballon, an den Fußboden drückte. Die Wände hatten keine Fenster, keine Rohre, Leitungen oder Kabel. Genau in der Mitte des Bodens befand sich ein kleines rundes Gitter, durch das meine Finger passten. Luft zog hindurch. Über mir in der Mitte der abgerundeten Decke befand sich ? wohl ohne Zufall ? die Aussteigeluke. Ich kann sie leicht berühren. Sie hängt nur wenig über meinem Kopf. Die Luke ist aus Metall, nicht eckig, sondern rund mit einer glatten Oberfläche. In der Mitte befindet sich ein Leuchtdiodenset. Die Zelle ist komplett symmetrisch und wird durch schneeweißes Licht bescheint.
    Die Zellenkonstruktion fand ich sehr eigenartig. Ich stellte mir viele Fragen. Wie lange ich wohl hier bleiben sollte, was das alles zu bedeuten habe, wie es mit mir weitergeht? Die Form der Zelle hatte einen Zweck, einen ganz bestimmten. Nur welchen erkannte ich nicht.
    Der erste Tag verging. Ich war aufgelöst in Fragen und Erinnerungen.
    Der Zusammenbruch durch den Schallschuss der Milizen zeigte keine schmerzhaften Nachwirkungen. Trotzdem fühlte ich mich matt, ich hatte Durst. Angst verhinderte, dass ich schrie oder an die Luke polterte. Mich wird schon niemand vergessen, glaubte ich.Und ich wollte mich erst mit der jetzigen Situation auseinandersetzen.
    Das Licht strahlte in seiner gewohnten Weise und ich schlief ein. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich schlief, aber als ich erwachte, bemerkte ich eine Flasche neben mir. Sie war gefüllt mit einer gelben Flüssigkeit. Hastig schraubte ich den Deckel ab, hielt dann aber doch ein und roch. Es roch nach einem Vitamin-Mineral-Gemisch. Wollten sie mich töten, überlegte ich, so würde ihr Plan nicht dadurch scheitern müssen, dass ich nicht vom Getränk nippte. Aber ich nippte nicht am Getränk. Ich schüttete es in hinein in den gierigen Rachen. Ein Ansetzen und die Flasche war nur noch halb gefüllt.
    Die Flasche beinhaltete daneben noch eine stark Substanz aufputschender Mittel. Für viele Stunden konnte ich nicht mehr schlafen. Es kam niemand vorbei. Keiner wollte mich sprechen.
    Die Stunden vergingen. Ich fühlte mich hyperaktiv, wollte mich bewegen, rennen, Salti springen. Die tollkühnsten Ideen, was ich mit meiner Energie machen könnte, kamen plötzlich. Doch der Raum war beengend. Mein Wahn steigerte sich. Und ich tänzelte die runde Wand entlang. Immer wieder. Erst im Uhrzeigersinn, dann anders herum. Ich schmiss mich auf den Boden, sprang wieder auf, schmiss mich erneut und so weiter. Irgendwann stieß ich mir den Kopf derart, dass ich liegen blieb.
    Wie viele Stunden seit meinem ersten Erwachen vergangen waren, konnte ich nicht sagen. Nicht einmal zum genauen Schätzen war ich in der Lage. Aber ein halber Tag wird es sein, glaubte ich.
    Ich fand das Licht ekelhaft monoton. Es dimmte zu keiner Zeit. Ich verfiel in eine Lethargie. Die Wände bedrückten mich. Sie wanderten auf mich zu, erschlugen mich fast. Es gab keinen Punkt, an dem ich mich orientieren könnte. Links von mir, rechts von mir?alles aufgehoben. Die verdammte Zelle war rund. Ich kauerte am Boden. Meine Blicke wanderten ständig eine Runde die Wand entlang, dann zur Luke und zurück zur Flasche, die wieder aufgefüllt war. Danach ging es von vorne los. Für meine Blickwanderung ließ ich mir erst Zeit, 10 Sekunden, dann 5, 3, 2, 1. Ich wurde langsam irre und ängstlich. Ich fürchtete mich vor allem. Es gab aber nichts zu fürchten innerhalb. Das Licht brannte, der Raum schien schalldicht. Ich hörte nichts von draußen. Wäre die Flasche nicht wieder aufgefüllt, so hätte ich vermutlich Todesangst bekommen. Ich hatte Hunger. Mir war zum Erbrechen und ich stieß Magensäure aus.
    Der dritte Tag war nicht anders. Ich trank die Flasche halbleer. Diesmal drehte ich nicht auf und hockte stets lauernd und beobachtend an meinem Fleck. Ich fühlte eine ungewöhnliche Anwesenheit im Raum. Ich rupfte mir die Haare, , kauerte an den Nägeln, riss die Nagelhaut ab bis meine Kuppen bluteten, fluchte unverständliche Sprüche und verharrte so den Tag wie ein apathisches Tier am Boden liegend.
    Wärme weckte mich am vierten Tag. Meine Zelle war ungewöhnlich heiß. Während ich die Tage zuvor beinahe fröstelte, war mir jetzt sehr drückend zumute. Statt Gänsehaut glitzerten die Schweißperlen. Im Laufe der Zeit erhitzte sich der Raum noch mehr. Ich schätzte die Temperatur auf 65 Grad Celsius. Wilde Wahnvorstellungen begannen. Tiere tanzten an den Wänden. Die Flasche redete mir zu. Ich drehte meinen Kopf hin und her und jedes Mal sah ich neue Dinge. Alte Kinderlieder hörte ich und stimmte mit ein. Mir machte nichts mehr Angst. Es war mir seltsam gleichgültig. Ich konnte mich auch keinen Erinnerungen hingeben. Ich verfolgte das Spiel meiner verzottelten Gedanken. Weitere Stunden und ich entrückte völlig. Mein Blick war starr und geradeaus. Das Licht tobte kunterbunt und die Bilder und Sequenzen flackerten immer schneller wie ein Kreisel, der jeden Moment aus seine Bahn geworfen wird. Filmriss.
    Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was geschah. Irgendwann öffnete die Luke und ich wurde rausgeholt. Man brachte mich in ein Zimmer, dort schnallte man mich fest. Auf einer Leinwand wurde eine Vorführung gespielt. Ich erinnere mich an den Sprecher im Bild. Ich erkannte ihn. Er war aus dem TV-Programm aus Caspars Fernseher.

    ?Wach auf!?, sagte eine Stimme. ?Wir sind gleich da.? Ich saß im Vehikel auf dem Weg zur Arbeit.
    ?Was ist passiert??
    ?Du bist eingeschlafen.?
    ?Aber nein, ich meine vorher. Wie bin ich hierher gekommen.?, fragte ich klar.
    ?Alles klar bei dir??, fragte der Wissenschaftler. Ich erkannte ihn, es war einer der Fahrgäste, die jeden Morgen mit mir fuhren. Wir sind an unserem Haltepunkte angekommen. Mein Arbeitstag verging schnell, geradezu harmonisch verbrachte ich die Stunden. Die Pausen waren angereichert mit Gesprächen zu den Möglichkeiten des wissenschaftlichen Strebens durch die erhöhte Intelligenz der Menzen und unseren Auftrag, die Bedingungen für eine auf Forschungszwecke angelegte Autonomie zu sichern.
    Als ich nach Hause kam, befreite ich mich gleich von den Altlasten meines Lebens. Die alten Bücher und Zeitschriften räumte ich in den Bettkasten. Die vielen Messinstrumente, das Mikroskop sowie das kleine Teleskop verbannte ich in den leeren Schrank. Mir fiel auf, dass ich keinen Fernseher besaß. Mein Nachbar Caspar empfing mich sehr freundlich. Er sagte mir, wo ich mir einen beschaffen könnte. Die Milizen gaben die Fernseher aus. Sie waren sehr hilfsbereit. Die vielen Geschichten über die Gräueltaten der Milizen schienen doch nur Geschichten einsamer Underdogs zu sein.
    Ich fühlte mich sehr gut an diesem Tag. Seit langem bedrückte mich keine Angst um die Zukunft. Viel mehr fingen meine Gedanken an mit Spielereien zur Zukunft von New Lab. Ganze Szenarien bauten sich im Kopf auf. Ich war zugleich sehr stolz, dass ich mir meiner Rolle in diesem einzigartigen und fundamentalen Projekt endlich Gewahr wurde.


    Kapitel 3

    Die letzten Wochen und Monate verbrachte ich meine freien Stunden nach der Arbeit im Gespräch mit Caspar und anderen neuen Freunden. In unseren Runden nahmen gelegentlich Milizen teil. Keine Schläger oder Fußvolk. Es waren die höhergestellten. Durch deren Einfluss verlief auch mein Leben in New Lab nahezu reibungslos. Ich wurde nicht mehr so oft angehalten und kontrolliert. Geschlagen wurde ich gar nicht mehr und selbst von den stichprobenartigen Untersuchungen blieb ich verschont. Es war ein gutes Gefühl, in Kooperation mit den Milizen zu stehen. Es konnte alles so einfach sein.
    An diesem Abend traf ich mich wieder mit Caspar.
    ?Wie fühlst du dich??, fragte er mich. Er saß auf einen Hocker an der Bar. Sein Getränk spie weißen Dunst. Der Schein der grün beschirmten Lampe erfasste nicht mehr unsere Gesichter. Mein Rücken wurde sanft bestrahlt, aber ohne ihn zu erwärmen. Der gelbe Schein blieb außen vor. Im Mantel des fallenden Schattens leuchtete Caspars Zigarette. Er zog an ihr und kurz flammte sein unrasiertes Gesicht auf. Ich lehnte mich etwas rüber. Er blickte ernst und erkannte sogleich mein Ansinnen.
    ?Kennst du das Gefühl jahrelang Sport zu treiben und plötzlich abbrechen zu müssen??
    ?Nein. Ich treibe keinen Sport.?, sagte er.
    ?Hast du schon einmal ein Buch gelesen, dass dich derart faszinierte, dass du es jedem Vorüberschreitenden ins Gesicht sagen willst. Du willst nicht darüber reden, du willst es einfach nur von dir Schreien.?
    ?Ja, ich ahne, was du meinst. Es ist das Heurekagefühl.?
    ?Höre, Caspar? In mir braut sich etwas Gewaltiges zusammen. Ich fühle mich wie in einer Zwangsjacke. Ich will nicht nur Statist sein. Verstehst du, was ich sage? Mir geht es nicht nur darum, den Menzen als Sekundärbediensteter der großen Idee bereitzustehen. Ich will mehr. Das Werkzeug will ich sein, nicht der Handlanger, der es reicht.?
    ?Auf diesen Moment habe ich gewartet.?, sagte Caspar. Er zog erneut und wieder hellten die Stoppeln auf. Seine beringten Finger drückten die Zigarette in den Aschenbecher, während er den Rauch aus seinem Mund hauchte.
    ?Es gibt etwas, was dein Verlangen, deinen Durst, ja, deine Bereitschaft, wahre Opfer zu bringen, stillen könnte. Komm mit.? Wir erhoben uns und gingen in einen Hinterraum der Bar.
    In dem Raum stand ein großer runder Tisch, mehrere Stühle. Es wirkte nicht dreckig. Hier hingen an zwei gegenüberliegenden Wänden Teppiche mit Wappen. Was für eine Zeitverschiebung, dachte ich mir.
    Anscheinend wurde das Hinterzimmer gelegentlich für unbekannte Anlässe genutzt. An der einen freien Wand hing ein Wimpel. Auf dem Stand geschrieben: - Nu Fellows -.
    ?Du schaust schon in die richtige Richtung.?
    ?Was bedeutet das??, fragte ich ihn. Wie gebannt saß ich am Tisch und ließ den Wimpel mit meinen Blicken nicht mehr los. Es hatte Magie.
    Caspar drehte sich mit dem Rücken zur Wand und deutete mit dem Finger.
    ? - Nu Fellows - ist eine alte Loge. Sie ist kurz nach der Entstehung der Insel entstanden, gleich nach den ersten großen wissenschaftlichen Erfolgen von New Lab. Es war zum Beispiel ihr Verdienst, dass die Patente nunmehr in unseren Händen liegen.
    ?Ein Geheimbund? Davon habe ich nie etwas mitbekommen.?
    ?Es ist nicht direkt ein Geheimbund im typischen Sinne. Keiner will hier politische oder finanzielle Fäden ziehen. Die Loge hat sich die Sicherstellung des Fortschritts der Wissenschaft als ureigenste Aufgabe gesetzt. Sie könnte deinen inneren Druck ausgleichen. Hier könntest du den Weg gehen, den dein Herz so sehr herbeisehnt. Aber - Nu Fellows - verlangt nicht nur Hingabe von dir, sie verlangt, dass du dich aufgibst. Willst du diesen Schritt wirklich gehen? Als Gefolgsmann wäre dein jetziges Leben verwirkt. Du wirst nur deinem Herrn dienen. Er befiehlt ? wenn auch nicht direkt ? über dich und deinen neuen Aufgaben. Du wirst besondere Einsätze durchführen. Du hättest??
    ?Was für Einsätze sind das??, unterbrach ich.
    ?Manches ist das, was wir schon als Wissenschaftler machten.?, sagte Caspar. ?Es sind eben Einsätze, die überall auf der Welt getätigt werden. Wir arbeiten eng mit den Milizen zusammen, und da bleibt es nicht aus??
    ?Du gehörst zu ihnen??, stieß ich aus. ?Aber wie? Du bist doch Caspar, mein Nachbar!?
    ?Ich bin dein Nachbar. Ich habe die Kommandostufe aber seit langer Zeit schon hinter mir gelassen. Ich bin Teil der Stabsstufe. Da läuft vieles über Delegation, verstehst du??
    ?Und die Kommandostufe macht die operativen Einsätze??, fragte ich. Ich stierte nach dem Schriftzug. Nur kurz ein Blick zu Caspar. Konzentriere dich, sagte ich mir. Schon dachte ich an die abenteuerlichsten Agentengeschichten, die ich erleben könnte. Konzentration. Jetzt.
    ?Nicht direkt. Wir beschränken uns auf das Sammeln von Informationen. Die unschönen Dinge erledigen die Milizen für uns.?
    Plötzlich packte mich eine Hand am Knie. Ich erschrak, stieß ein seltsames Quietschen aus und erblickte Caspar direkt vor mir. Sein Gesicht war ungewöhnlich dicht an dem meinen. Seine Haut war gerötet. Ich spürte seinen verrauchten Atem so durchdringend, dass ich ihn hätte lecken können. Die Augen blitzten. Sprich doch, bleibe nicht stumm, redete ich mir ein. Mir war übel und ich wollte zurückweichen, aber sein Griff blieb fest und ich wagte keine ablehnende Bewegung.
    ?Willst du diesen Weg gehen? Matt, entscheide dich jetzt!?

    Es war ein ungewöhnlich heller Tag und die Sonne wollte nur zögerlich untergehen. Ich blickte in die Ferne und konnte in das rote Leuchten schauen. Direkt am Horizont wanderte sie in einer neuen Schönheit und Vollkommenheit, wie ich sie vorher nie zu sehen vermochte. Mein Wille zwang mich, nicht zu blinzeln. Ich wollte der Sonne in diesem Moment standhalten. Nicht um sie zu besiegen, nur um mir selbst zu beweisen, dass sie für mich ab diesen Augenblick noch heller und schöner erscheinen wird und das ich mir der Bedeutung des heutigen Tages ewig bewusst sein würde.
    Ich hatte die Gewissheit, dass die Erde sich weiterdreht und die Sonne, wenn sie auch an diesem Tage untergeht, den nächsten doch in neuer Kraft am Himmel erscheinen würde als die Zeugin meiner Rechtschaffenheit und Loyalität. Sie würde mir die Energie geben, die ich für mein künftiges Wirken als Gefolgsmann der - Nu Fellows - brauche. Und darüber hinaus, so war meine Hoffnung.

    Ich bekam Nachricht, dass es Zeit wurde. Statt Fahrstuhl lief ich lieber die Treppen. Ich hastete hinunter und sah vor dem Block eine alte gelbe Limousine stehen. Eine Person, vermutlich ein Gefolgsmann, stieg aus und hielt mir die Tür auf.
    Im Fahrzeug reichte mir der Fahrer eine Skibrille.
    ?Aufsetzen!?
    Das passte mir gar nicht. Erst die höfliche Geste mit der Tür und nun dieser Ton.
    Ich setzte die Brille auf und stellte fest, dass die Gläser komplett verdunkelt waren.
    Wir fuhren zirka 20 Minuten durch die Straßen bis wir zum Haltepunkt kamen. Ich hörte, wie der Fahrer sein Fenster herunterkurbelte. Wahrscheinlich durch ein Zeichen zu einer weiteren Person öffnete das Tor. Es öffnete automatisch. Zeitlupenartig quietschten die Metalltinge des Tors in den Angeln, begleitet von dem leichten Tuckern des Sechszylinders unseres Fahrzeugs. Wir hielten wieder und ein weiteres Tor wurde geöffnet.
    Die Maske wurde mir abgezogen.
    Ich sah einen großen Innenhof, umzähnt von Gittern, ein paar scheinbar ungenutzte Gebäude und sonst weiter nichts. Die Straße zu diesem Anwesen wirkte von hier gähnend einsam.
    Die beiden Mitfahrer deuteten mir den Weg.
    Ich ging durch das zweite Tor.
    Die Gefolgsleute begleiteten mich durch einen langen Gang. Vor einer Tür hielten wir. Ich ging hinein und wartete. Nach einer Zeit kam Caspar. Ich war erleichtert, ihn zu sehen.
    ?Matt, bist du bereit.?
    ?Ich bin es.?
    ?Wir werden die Aufnahmeprüfung in weniger als 30 Minuten beginnen.?, sagte Caspar. ?Du kannst dich also setzen.?
    Ich setzte mich auf einen Stuhl der rechten Wandseite, Caspar auf die der linken. Es gab hier keine Tische und die paar Stühle waren angelegt wie in einem Wartezimmer. Im Grunde war es das auch. Ich werde Prüfung ablegen, und auf den Beginn warte ich.
    ?Du weißt doch noch, was ich dir gesagt habe??, fragte mich Caspar.
    ?Ja, es geht um den Willen. Er entscheidet über meine Aufnahme.?
    ?Die Art Aufnahmeprüfung ist neu. Sie wird in der Form heute zum vierten Mal stattfinden. Die Milizen haben starken Einfluss auf uns, wie wir auf sie. Sie machten ihren geltend um zu verhindern, dass wir immer mehr Menschen unter eine Führung sammeln. Es wäre für sie zu gefährlich, wenn ein Gegengewicht an Macht in New Lab entstünde.? Caspar hielt ein. Es polterte im Gang. Schritte schwerer Stiefel, vermutlich von drei Personen, waren zu hören. Sie gingen vorüber.
    ?Die Milizen sind da.?, sagte Caspar.
    ?Welche Rolle haben sie bei der Aufnahme??, fragte ich.
    ?Ich hätte es dir vorher gesagt, aber die Bedingungen für die Aufnahme erlaubten es mir nicht. Wie du weißt, geht es um die Festigkeit deines Entschlusses. Dein Wille muss stark sein, und dein Geschick noch stärker.?
    ?Was heißt das genau??
    ?Du musst den Willen eines Milizen brechen!?, antwortete Caspar.
    ?Das ist unmöglich. Der Wille einer Miliz ist blind und dunkel. Er wird nicht ideell gesteuert, er besteht nur aus Drang. Nur sein Schöpfer wird ihn brechen können.?
    ?Ich weiß um deine Befürchtungen. Alle sind sehr in Sorge um dich, weil es noch niemanden gelungen ist, den Willen zu brechen. Ich glaube aber an dich.?
    Mir wurde erklärt, dass ich in einen runden Raum geführt werde. Dort werden mir erneut die Regeln verlesen. In einem abgegrenzten Bereich trete ich einer Miliz gegenüber. Es findet ein Kampf statt, aber ein Kampf ohne Gewalt. Es ist eher eine Art Überlegenheitsbeweis zu erbringen. Der Milizionär wird zu meiner Marionette. Ich kann mit ihm machen, was ich will. Meine Anweisungen sind für die Zeit der Prüfung Befehl. Die einzige Entscheidung, die er treffen darf, ist, ob er seinen Willen brechen lässt und somit, wann die Prüfung erfolgreich beendet ist. Es gibt keine zeitliche Grenze. Mein Wille steht gegen seinen. Kann ich ihn nicht bezwingen und gebe auf, so verliere ich und meine Chance ist vertan. Gibt er auf, werde ich Gefolgsmann der - Nu Fellows -. Ich wäre der vierte Anwärter, der an dieser Prüfung scheiterte.

    In dem Saal sah es komfortabel aus. Es standen bequeme Sessel aus Leder mit verzierten Holzverkleidungen in einem Kreis um den Schauplatz. Dahinter standen auf Tischen gefüllte Körbe mit Obst, Rohkost, Brotlaiben und Käsespießen. Auf weiteren Tischen sah ich Karaffen mit Wein und Wasser, schöne Gläser und kleine Gießschalen. Die Juroren stellten sich anscheinend auf einen längeren Abend ein. Die Stimmung war gut. Einige lachten, andere stießen mit Getränken an. Heiter, würde ich es mit einem Wort beschreiben.
    Ich beschritt den Raum und plötzlich wurde es ernst. Diejenigen, die eben noch saßen, standen auf. Den Vorsitz führte die oberste Miliz im Raum. Er sprach sehr einnehmend, geradezu menschlich nett mit mir. Die Regeln wurden mir wieder vertraut gemacht und mein Widersacher vorgestellt.
    Wir gingen in die Mitte. Es war sehr ruhig. Die Augen der Miliz waren kalt und eisern. Er nahm seinen Einsatzgürtel und das taktische Holster ab und warf es zu den anderen beiden Milizen.
    ?Die Prüfung möge beginnen?, hörte ich jemanden rufen.
    Wir standen uns gegenüber. Ich war aufgeregt und wusste nicht, was ich machen könnte. S t o p p, das war das Ziel. Er musste nur Stopp sagen, und die Prüfung wird beendet. Ein einziges Wort befiehlt über das Unmachbare. Meine Gedanken kreisten um eine Möglichkeit, wie ich ihn brechen könnte, ihn, den blinden Willen. Es vergingen beinahe 10 Minuten. Die Zuschauer ließen sich davon nicht aus ihrer heiteren Ruhe bringen. Weitere 10 Minuten verstrichen.
    Ich konnte ihn kaum dazu bewegen, durch eine Logikaufgabe zur Aufgabe zu zwingen. Auch an sportlicher Ertüchtigung mangelte es meinem Kontrahenten wenig, sodass körperliche Anstrengungen bis zur totalen Erschöpfung ihn nur physisch aufgeben ließen, aber sein innewohnendes Feuer war damit nicht zu bekämpfen. Da die Zeit weiter verging, beschloss ich, mich auf den Boden zu legen und es dem Milizionär gleich zu tun. Wir lagen im Abstand von einem Meter, er an meiner rechten Seite. Die Zeit verging weiter und ich fragte mich in meiner Hilflosigkeit, bis wann die Juroren unser seltsames Spiel unterbrechen würden. Sie schienen dennoch nicht irritiert dem müden Verlauf der Prüfung gegenüber. Meinen Augen schlossen sich, als gäbe ich einer schweren Last nach. Ich baute innerlich die gleiche Situation meiner Aufnahme nach. Die Juroren im Kreis, da drinnen die Arena, auf der wir lagen unter dem Lichtkegel der durch Kronleuchter erhellten Raummitte. Ich durchtrieb mehrere Szenarios, und kam zu der mathematischen Auseinandersetzung. Diese war Humbug, das wusste ich. Ich spann dennoch die Fäden der einzelnen Handlungsstränge und bereite meinem Gegenüber durch immer verwobene Fallen des Logos in eine Notlage, ähnlich einem voraussichtlichen Matt im Schach, sodass nichts mehr der Miliz übrig blieb, als aufzugeben. Meine Gefühle steigerten sich so sehr in dieses Modell, dass ich gar nicht anders mehr glauben konnte, als dass meine innere Welt die der äußeren glich. Ich gewinne. Der Geist siegt über das Material.
    Nach über einer Stunde wachte ich auf. Es war ruhig im Raum. Die Juroren und sonstigen Anwesenden, ja selbst Caspar schienen der kommenden Ernüchterung aufzuliegen und dämmerten in einem Halbschlaf. Mir wurde bewusst, dass ich geträumt habe. Die feinen Weben meines im Kopf bereits durchlebten Sieges zerrissen in Anbetracht des neben mir liegenden Milizionärs, der keineswegs nach Aufgabe aussah.
    Plötzlich erschrak ich. Genau, sagte ich mir, das ist es. Ich drehte mich, schaute in die Gesichter der hier Versammelten, prüfte, ob niemand anderes des Rätsels Lösung entlockt hat. Keiner von ihnen zeigte eine Regung. Langsam löste sich mein Traum von der Erkenntnis, wie der Wille zu brechen sei und glitt in die wahrhaftige Aufnahmeprüfung ein. Meine Sinne spannten sich unter dem Druck der mir einzig gegebenen Möglichkeit, einen scheinbar unbezwingbaren Willen zu beugen und schließlich zu brechen.

    Langsam kroch ich zur Miliz herüber und legte mich ganz nach an seiner Seite. Ich wies ihn ein, dass er auf die folgenden Sätze und Situationen nur mit Schweigen reagieren und innerlich dieser in vollkommener Konzentration nachvollziehen soll. Er sollte seine martialischen Gebaren abschütteln und sich in eine neue Welt begeben. Eine Welt, die ich ihn unter meiner Anweisung modellieren würde.
    ?Schließe deine Augen?, flüsterte ich der Miliz ins Ohr. ?Stelle dir eine Situation vor, die geprägt ist von einer ruhigen Straße. Die Seiten sind bewachsen von grünen saftigen Rasen. Regelmäßig stehen Obstbäume am Rand der Straße. Die Sonne scheint. Du empfängst die leichte Wärme, die dich umgibt und spürst deutlich das frische und satte Aroma der Äpfel, die reif und greifbar nah an deiner Spur vorbeiziehen. Du bist der glücklichste Wanderer der Welt. Du hast dich aufgemacht, die Welt in den unbekannten Winkeln kennen zulernen. Deine Reise beginnt.?
    Ich hörte, wie sein Atem schwerer wurde und er sich auf die neue Situation einließ.
    Die dadurch entstehende Welt im Kopf der Miliz schmückte ich weiter in meinen einnehmenden Tönen. Ich entwarf eine Welt, die sich nur in der Harmonie eines Traumes zur vorgestellten Wirklichkeit heranreifen konnte. Dennoch war ich mir nach fast 30 Minuten der stetigen Indoktrination nicht wirklich bewusst, in wie weit sich mein Kontrahent von dieser New Lab gelöst hat und sich dem neuen Bewusstsein in seinem Kopf zugewandt hat.
    ?Nach vielen Kilometern des wunderbaren Flanierens über die von Vogelgezwitscher belebten Pfaden und Wegen wirst du durstig. Du kommst an einen Bach und willst trinken.? Sein Atem wurde deutlich hörbar. Ich ging zum Tisch, holte Wasser und tröpfelte über meine Finger Tropfen um Tropfen in seinen leicht geöffneten Mund. Er nahm es auf.
    ?Du gehst weiter und kommst an einen Brunnen. Langsam legst du deine Hand auf die Oberfläche des Wassers. Du bemerkst, dass das Wasser kalt ist. Es wird sogar noch kälter. Du willst deine Hand herausziehen und schaffst es nicht. Ich werde dir helfen.? Dazu nahm ich seine Hand und zog daran. ?Wir du merkst, hast du dich verkühlt an deiner Hand, sie wird schon bläulich-violett. Jetzt musst du rasten, damit sich deine Hand wieder beruhigt.?
    Jetzt wartete ich, ob, und wenn, was genau passieren würde. Zu meinem großen Erstaunen wurde tatsächlich die Haut an den Fingerkuppen leicht bläulich, als vereiste er wirklich seine Hand. In der Folge erklärte ich ihm, dass er mich jetzt trifft und ich ihm helfen würde, seine verkühlten Hautstellen zu behandeln. Dazu wickelte ich seine Hand in eine Stoffserviette ein. Wir setzten uns in ein Auto, dass vor einem Baum stand und fuhren langsam los.
    ?Ich werde jetzt losfahren. Du musst dafür den Sicherheitsgurt anlegen. Willst du mit mir fahren??, fragte ich offen. Wieder hörte ich seinen Atem. ?Du kannst jetzt offen sprechen.?
    ?Ja, ich will mit dir fahren.?
    ?Dafür lege ich dir aber noch einen weiteren Gurt um. Ist da in Ordnung für dich??
    ?Bitte, lege diesen Gurt um mich herum.?, flüsterte er.
    ?Hast du gespürt, wie ich dir einen leichten dünnen Draht um den Hals gelegt habe??
    ?Ist das der zweite Gurt? Ja, den habe ich gespürt.?
    ?Gut so.?, sagte ich. ?Jetzt machen wir eine kleine Tour.?
    Ich war überrascht, wie gut sich der Milizionär meiner Phantasie anpassen würde und sich so selbst in eine andere Welt geleiten ließ. Die Juroren standen zu meiner Verwunderung schon dicht bei uns und beäugten etwas mit Skepsis, aber auch mit nicht zu verkennender Neugier unser Experiment.
    ?Willst du wissen, was ich dir nicht gesagt habe??, fragte ich meinem angeblichen Beifahrer.
    ?Ja, sag es mir.?
    ?Der neue Gurt ist ein Draht um deinen Hals, dieser ist verbunden mit dem Baum, der hinter unserem Wagen stand.?
    ?Aber was hat das zu bedeuten.?, fragte der Milizionär. Sein Atem wurde schneller. Er erregte sich und die Brauen fingen an zu zucken.
    ?Das heißt, dass du sterben musst. Der Draht ist nur bedingt lang. Und umso mehr wir an Fahrt gewinnen, umso eher ist die Gesamtlänge des Drahtes erreicht. Weißt du, was dann passieren wird??
    ?Der Draht ist eine Schlinge.?
    ?Das ist richtig.?, sagte ich. ?Aber wir sind schon viel zu schnell unterwegs, als dass der Draht dich erwürgen würde. Um ehrlich zu sein: Er wird dir den Kopf vom Hals trennen.?
    ?Nein, nein, warum machst du das. Nein, nicht doch.?, flehte er.
    ?Willst du sterben??
    ?Nein.?
    ?Aber es ist Wirklichkeit. Du wirst jetzt sterben und kannst nichts dagegen machen. Merkst du nicht, wie bleischwer deine Arme und Beine sind. Du bist zurückgelehnt und kannst nur wie in einem bequemen Sessel deinen eigenen Tod zugucken. Hörst du nicht genauso deutlich wie ich, wie der Draht sich bis zum letzten Ende sich von der Rolle abwickelt. Das Ende ist gleich erreicht.?
    ?Bitte nicht. Nein. Ich will nicht.?
    ?Es gibt nur eine Chance, dich aus dieser Situation zu befreien.?
    ?Welche??
    ?Du musst sagen: ´Stopp, es ist vorbei. Mein Wille ist gebrochen´.?, flüsterte ich. ?Kannst du das sagen??
    ?Ich darf es nicht sagen.?, entgegnete der Milizionär.
    ?Nun gut, dann wirst du jetzt sterben. Ich erhöhe jetzt die Geschwindigkeit. Die Spule hat gleich das Ende erreicht. Noch 10 Sekunden. 9?.8?.7.?
    Alle im Raum waren wie erstarrt und lauschten der Stille.
    ?6?.5?.4?.bereit machen zur Trennung des Kopfes vom Körper.?
    Sein Körper zuckte und das Gesicht wurde puterrot. Die Brauen nahmen ein eigentümliches verzerrtes Spiel auf. Sein Schweiß rann ihn über die Wangen den Hals hinunter.
     
    #1      
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