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Lens-Flares, überall Lens-Flares

Lens-Flares, überall Lens-Flares
Früher vermieden, heute exzessiv genutzt – die Geschichte eines Fehlers, der zum Effekt wurde

„Man of Steel“, „The Avengers“, „There Will Be Blood“, „Interstellar“, „Star Trek“, „Super 8“, „This is the End“, „The Texas Chainsaw Massacre“, „X-Men: Apocalypse“ – was all diese Filme miteinander verbindet?! Lens-Flares! Wurden die früher eher unerwünschten Effekte möglichst vermieden, werden sie heute mit Style-und-Look-Absicht bewusst eingesetzt …

Lens-Flare

In einem Video von vox.com, deren Macher uns erst kürzlich das Nicht-Lächeln auf alten Fotos erklärten, werden die blendenden Lichtpunkte und deren Geschichte einmal genauer betrachtet. Bevor ich zu den Inhalten des Clips komme, empfehle ich dieses (englischsprachige) Paper (öffnet PDF), auf das im Text von vox.com ebenfalls verwiesen wird. In dem Paper wird beschrieben, wie mit einem Render-Algorithmus Lens-Flares generiert werden können, die den „echten“, das heißt physikalisch bedingten Flares möglichst ähneln.

Zugegebenermaßen habe ich die Seiten nicht komplett gelesen, aber zur Anschauung genügt auch ein Blick auf das Bildmaterial. Gleich in „Figure 1“ wird die Realität eines Canon-Objektivs neben das entsprechende Render-Ergebnis gestellt. Auch wenn es zahlreiche unbekannte Faktoren gebe wie das Objektiv-Design, die Szenenzusammensetzung sowie Herstellungstoleranzen beim realen Objektiv, zeigten sich die Renderings nahe an der „Persönlichkeit“ der realen Flares. In „Figure 5“ seht ihr einen Vergleich zwischen einer echten, hellen Lichtquelle und einem weiteren Rendering. Alle übrigen Bilder verdeutlichen vor allem, wie komplex die kleinen Lichtpünktchen sein können und dass deren realitätsgetreue Nachbildung einigen Gehirnschmalz abverlangt. Doch jetzt zum Video ...



Nach Szenen aus den oben genannten Filmen wird uns zunächst das Auftreten der Lens-Flares vereinfacht erklärt („simplified for viewing pleasure“): Jedes Objektiv besteht bekanntermaßen aus verschiedenen Einzelkomponenten. Trifft nun Licht mit der richtigen Intensität oder in einem bestimmten Winkel auf das Objektiv, kann es dazu kommen, dass es innerhalb der Apparatur „hin und her reflektiert wird“. Dieser im Video „Bouncing“ genannte Effekt führt zu einem hellen Dunstschleier, der die Aufnahme überlagert, und – zu Lens-Flares.

Die Form bzw. das Erscheinungsbild der Flares hängt dann im Wesentlichen vom Aufbau der Blenden ab – setzt sich diese aus wenigen Platten zusammen, ergeben sich eher hexagonförmige Flares. Wird die Blendenöffnung runder, entstehen schlussfolgernd auch kreisförmigere Flares. Bei anamorphotischen Objektiven mit einer ovalen Öffnung zeigen sich dann auch Lenses, die sich in Lichtstreifen über den Aufnahmen ausbreiten. Im Bild sieht das Ganze folgendermaßen aus:

Lens-Flares
⌙  Bildquelle: Drei Screenshots aus dem Video We´ve hit peak lens flare. Here´s how it started. von vox.com

In Hollywood setzte man früher auf große Tiefenschärfe und möglichst kleine Aperturen bei äußerst hellem Umgebungslicht – viele Details in Vorder- und Hintergrund, aber auch viel Licht und damit Potenzial für Lens-Flares, die man damals so gar nicht mochte. Gregg Toland, Kameramann beim Klassiker „Citizen Kane“, beschichtete seine Objektive bzw. Linsen daher mit dem blendfreien Vard „Opticoat“. Eine Methode, die wegweisend war – in der Folge wurden noch bessere Beschichtungen entwickelt und bis in die 1960er blieben Lense-Flares unerwünschte Filmgäste.

Dann verließen die Regisseure ihre saubere Studioumgebung und begaben sich für Außenaufnahmen ins Freie. Conrad Hall, Kameramann bei „Cool Hand Luke“ („Der Unbeugsame“), äußert in einem Interview sinngemäß: damals wurden Lens-Flares schlicht als Fehler in der Produktion angesehen. Er selbst habe dazu beigetragen, dass sich diese Ansicht änderte. Die vormals als Fehler deklarierten Lichtstörungen wurden allmählich akzeptiert und Streifen wie „Die Reifeprüfung“ und „Easy Rider“ hielten Lens-Flares schließlich bewusst in den Szenen – mehr Authentizität.

Vom „Planet der Affen“ über die „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „E.T. – Der Außerirdische“ bis zu all den oben genannten Titeln und vor allem J. J. Abrams, der aus Flares seinen eigenen Look kreiert hat – Lens-Flares sind angekommen und mittlerweile entfernen Kameramänner die Anti-Flare-Beschichtungen sogar mitunter, um noch mehr Flare ins Bild zu bekommen.

Kurz zusammengefasst:
  • bis in die 1960er Jahre waren Lens-Flares in Studioaufnahmen unerwünschte Effekte
  • mit den ersten Hollywood-Außenaufnahmen wurden aus „alten Fehlern“ anerkannte Stilmittel, die Authentizität bezeugten
  • Seither schreiben Lens-Flares so etwas wie ihre eigene Erfolgsgeschichte
Am Ende dieser News sei es, weil thematisch passend, erlaubt, euch noch auf das erst kürzlich erschienene und äußerst beliebte Paket mit dem Titel „Bokehs, Lens-Flares und Light-Leaks“ zu verweisen. Ich wünsche allen Usern ein leuchtend-strahlendes Wochenende – die Sonne soll es ja angeblich möglich machen.

Euer Jens

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