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Tutorialbeschreibung

Making of: Zuckergebirge

Making of: Zuckergebirge

Uli-Staiger-Tutorial: Es gibt Leute, für die ist Zucker dieses weiße Zeug, das dem Kaffee einen schlechten Geschmack gibt, wenn man vergisst, es hineinzuschütten. Zucker ist Allgemeingut; gepresst in Würfel wird er kulturübergreifend verwendet. Für mich aber sind Zuckerwürfel etwas ganz anderes: Es sind Bausteine, aus denen man eine ganze Welt bauen kann!


Modellunterbau

Im Vordergrund des Composings befindet sich der Rohstoff der Zuckerwelt: Ein ganzer Berg von Zuckerwürfeln. Damit eine in den Raum führende Form entsteht, habe ich mich für eine Art Gebirgsausläufer entschieden, der in einer Linksbiegung ins Zentrum des Bildes führt. Die billigste Variante eines solchen Gebirges ist ein Modell, dessen sieben Profilrippen sich nach hinten verjüngen und die in Form der Biegung auf eine Pressspanplatte geklebt werden. Heißkleber eignet sich sehr gut, da er genügend Stabilität garantiert und schnell aushärtet.

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"Verdrahten"

Theoretisch könnte man auch ohne eine Zwischenschicht Papier auf die Profile kleben, doch würden die einzelnen Papierabschnitte zwischen den Profilbrettern durchhängen. Also wird zunächst einmal Maschendraht ("Hasendraht") über die Profile gezogen und mit Reißzwecken befestigt. Durch Verbiegen des Drahtgeflechts haben wir dem Gebirge noch weitere Unregelmäßigkeiten zugefügt, damit es gebirgiger wirkt.

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Beziehen und Bekleben

Jetzt wird das Drahtmodell mit Zeitungspapier beklebt. Als Klebstoff eignet sich Tapetenkleister, denn er gibt dem Papier zusätzliche Festigkeit. Nach dem Trocknen wird die erste Zuckerschicht aufgeklebt. Es genügt, jedem zweiten Würfel einen Klecks Heißkleber zu verpassen; die übrigen Zuckerstücke können dann in unterschiedlichen Lagewinkeln in den Lücken platziert werden, damit eine lebendige Oberfläche entsteht.

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Zuckerwüste zurechtföhnen

Logischerweise kann sich ein Zuckergebirge nicht aus einer natürlichen, sondern nur aus einer Zuckerlandschaft erheben. Mit ein paar Kilo Streuzucker ist der Bau der Landschaft recht flott erledigt. Um eine wie vom Wind geformte wüstenartige Dünenstruktur zu bekommen, haben wir auf elektrischen Wind gesetzt: Mit einem Föhn hat meine Assistentin Sylvia der Zuckerwüste die passende Welle gestylt. Da die Kameraposition inzwischen feststeht, kann man sehr genau sagen, an welcher Stelle noch Zucker fehlt und bis wohin er gestreut und geföhnt werden muss.

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Beleuchtung

So sieht das Gebirge aus der Kameraperspektive aus. Das Studiolicht imitiert einen Sonnenuntergang: Es steht wie der Widerschein der untergegangenen Sonne dem Kamerastandpunkt gegenüber und leuchtet flach über die Szene. Vorn links, im Bild nicht sichtbar, steht eine zweite Softbox zur Aufhellung, deren Licht blau gefiltert wird. So lassen sich die bei wenig bewölktem Himmel und Schnee üblichen tiefblauen Dämmerungsschatten darstellen.

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Detail für Hintergrund

Das Gebirge allein reicht noch nicht aus, um genügend Weite darzustellen. Deshalb haben wir den hinteren Teil des Gebirges umgestylt und aus anderer Perspektive noch mal fotografiert. Da es im Gegensatz zur ersten Aufnahme um ein weit entferntes Detail des Bildes geht, kommt diesmal kein Weitwinkel, sondern eine Brennweite von 100 mm zum Einsatz. Das Detail, ein Hügel am Horizont, wird anschließend mit dem Zeichenstiftwerkzeug freigestellt, maskiert und am Horizont ins Bild gesetzt.

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Himmel einziehen

Die Auswahl des Himmels ist für jedes Composing weit wichtiger, als man zunächst annehmen könnte. Man neigt dazu, einfach irgendeinen Himmel einzusetzen, doch nur wenige Lichtstimmungen sind einerseits dramatisch genug, um die Bildaussage zu unterstützen und andererseits doch so unauffällig, dass sie nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch der Ausschnitt des Himmels ist wichtig: Er sollte so fotografiert werden, dass er bis zum Horizont abgebildet ist. Deswegen eignen sich Standpunkte an der Küste oder auf hohen Gebäuden besser als verbaute oder mit Bäumen zugewachsene Aussichten. Die Landschaft wird maskiert und der Himmel als darunterliegende Ebene in die Ebenenpalette eingefügt.

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Dunstschleier ins Bild malen

Noch sieht die Landschaft seltsam platt aus. Die Tonwerte passen weder zur Weite der Landschaft noch zur Helligkeit des Himmels; besonders am Horizont lassen sie eher an einen Scherenschnitt denken. Dem Dilemma kann man sehr leicht abhelfen: Damit die Tonwerte in Richtung des Horizontes aufgehellt werden, wird mit einem sehr großen Pinsel weiße Farbe darübergemalt. Der Durchmesser liegt bei 1500 Pixeln, die Kantenschärfe bei 0% und die Deckkraft bei 5%. So kann man einen Dunstschleier erzeugen, der die Tonwerte der Landschaft und des Himmels aufhellt und nach und nach, Strich um Strich, einander angleicht.

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Zuckerarchitektur l

Ein absoluter Klassiker ist der Irrweg, den wir beim Bau der Gebäude gegangen sind. Davon ausgehend, dass Zuckerarchitektur aus Zuckerbausteinen aufgebaut werden kann, haben wir aus zusammengeklebten Fertigbauteilen (bestehend aus 5 bis 10 Zuckerwürfeln) Häuser gebaut. Doch es stellte sich schnell heraus, dass wir es nur mit erheblich größerem Zeitaufwand schaffen würden, etwas aufzubauen, was auch wirklich nach einer Stadt aussieht. Wir brauchten also einen anderen Weg ...

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Zuckerarchitektur ll

Als eine Art "Gerüst" habe ich eine Stadtansicht eingebaut. Es ist die Südspitze von Downtown Manhattan, die allein aufgrund ihrer formalen Wirkung sehr urban aussieht, selbst dann noch, wenn sie mit verzuckerten Fassadenteilen belegt wird. Die Fassade selbst besteht aus einer Fläche von 32 x 9 Würfelzuckerstücken, die von oben in rechtwinkliger Aufsicht fotografiert wurden. Die kleinen Macken und Unregelmäßigkeiten sind charakteristisch für Zucker und bleiben unretuschiert erhalten.

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Fassaden gestalten

Dann werden die Originalfassaden nach und nach mit der Zuckerfassade überzogen. Die perspektivische Anpassung ist über den Transformierendialog verhältnismäßig einfach herzustellen. Jede Fassade liegt auf einer eigenen Ebene, sodass die jeweils der Sonne abgewandte Seite mit einer Einstellungsebene vom Typ Tonwertkorrektur eine Blau-Cyan-Färbung bekommen kann. Die Farbe wird im Rot- und im Blaukanal festgelegt, die verringerte Helligkeit durch Reduzieren der hellen Tonwerte aller drei Kanäle (RGB-Modus) erreicht.


Baufahrzeuge fotografieren

Wer ein großes Archiv besitzt, der kann nun nach passenden Baufahrzeugen suchen. Da ich lieber neu fotografiere, um das erforderliche Licht, die richtige Perspektive und vor allem genau das passende Gefährt zu bekommen, habe ich bei einer Baumaschinenverleihfirma nachgefragt und bin mit meinem ungewöhnlichen Anliegen sehr freundlich behandelt worden. Meistens verstehen die Leute zwar nicht, warum ich einen Bagger fotografieren möchte, aber sie helfen mir trotzdem. Den Schlepper? Hatte ich im Archiv ...

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Bagger einbauen

Der Bagger wird wie das Zuckergebirge auch mit dem Zeichenstiftwerkzeug freigestellt und über eine Ebenenmaske in die Zuckerwürfel hineingesetzt. Um ihn der Luftperspektive anzupassen, sind drei Korrekturen nötig: Eine Tonwertreduzierung blendet alle unteren Tonwerte bis zum Wert 75 aus, die Farbbalance setzt den Mitteltönen etwa 40% Cyan und 15% Blau zu; über Farbton/Sättigung wird die Farbsättigung um etwa 50% reduziert.

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Abdrücke einfügen über Ebenenstil

Lockerer Zucker müsste natürlich Abdrücke aufweisen, wenn sich schweres Arbeitsgerät darauf bewegt. Um eine computergenaue Anmutung auszuschließen, habe ich das Profil in Photoshop frei Hand gezeichnet und mich dabei am gut sichtbaren Reifenprofil der Vorderräder orientiert. Der Ebeneneffekt Abgeflachte Kante und Relief produziert eine reliefartige Vertiefung, die einem echten Abdruck sehr nahe kommt.

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Abdrücke verzerren

Damit der Abdruck perspektivisch korrekt abgebildet wird, habe ich ihn über den Bearbeiten-Dialog Verzerren an die Fahrtrichtung des Schleppers angepasst. Natürlich musste der Abdruck für die zweite Achse verdoppelt und, wegen etwas schmalerer Reifen, auch verkleinert werden. Dass der Schlepper auch noch einen Anhänger besitzt, der ebenfalls Spuren hinterlassen müsste, habe ich großzügig ignoriert, da ansonsten die Spuren zu verfahren wirken würden und nicht mehr nachvollziehbar wären.

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Vordergrund gestalten

Die Würfellawine im Vordergrund ist aus zwei Gründen notwendig: Der wichtigere ist, dass auf diese Weise eine weitere Aktionsebene ins Bild gefügt wird. Der zweite Grund ist der relativ langweilige Wüstenstreifen, der auf diese Weise elegant verdeckt wird. Ursprünglich hatte ich vor, die Würfel von oben auf die Szene herunterfallen zu lassen, deswegen wurde sie quasi hängend fotografiert. Dann aber haben wir uns entschlossen, sie doch lieber ins Bild gleiten zu lassen, so als ob sie eben von einer Baggerschaufel abgeladen worden wären.

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Anpassen von Farbe und Kontrast

Als Nächstes werden Farbe und Kontrast angepasst. Um den Würfeln den nötigen "Knack" zu geben, wird der lokale Kontrast über den Unscharf-maskieren-Filter erhöht. Anschließend werden die Tonwerte über eine Korrektur der Farbbalance in Richtung Cyan und Blau getrimmt. Wichtig dabei ist, hauptsächlich die Tiefen zu verändern, denn so werden die dunklen Tonwerte gesättigter dargestellt und lassen die Würfel wirken, als befänden sie sich sehr nahe am Betrachter.

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Rieselzucker fotografieren

Für eine der Baggerschaufeln wird eine rieselnde Zuckerspur benötigt. Sie wird vor schwarzem Hintergrund fotografiert und durch einen kleinen Handblitz beleuchtet. Der Handblitz eignet sich deswegen sehr gut, weil er eine geringe Leistung hat, was mit einer kurzen Leuchtdauer einhergeht. So werden die einzelnen Körnchen scharf in der Bewegung "eingefroren". Was da rieselt, ist übrigens kein Zucker, sondern Sand ...

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Rieselzucker einbauen

Das Rieselbild ist zwar nur ein kleines Detail, doch hat es eine immens wichtige Wirkung: Das Detail wird mehr unbewusst als bewusst wahrgenommen. Genau solche Kleinigkeiten täuschen einem Betrachter die "Echtheit" eines Composings vor und erhöhen damit massiv den Realitätsanspruch des Bildes. Da der Hintergrund der Aufnahme komplett schwarz ist, kann die Rieselebene einfach im Modus Negativ multiplizieren verrechnet werden.

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Finish

Um die Würfel im Vordergrund zu begründen, wird noch die Baggerschaufel auf der linken Seite maskiert und ins Bild eingefügt. Sie ist an dieser Stelle wichtig, da sie mit dem Übereinanderpurzeln der Zuckerwürfel in Verbindung gebracht wird, diese also nicht aus dem Off kommen. Ein paar abgesplitterte Zuckerkörnchen, wie die Rieselspur vor Schwarz fotografiert, werden ebenfalls im Modus Negativ multiplizieren eingebaut. Zum Schluss kommt durch den Radialen Weichzeichner, im Modus Strahlenförmig eingesetzt, Bewegung in die Würfel.

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Kommentare
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Portrait von Eyelightzone
  • 24.07.2012 - 17:21

sehr inspirierend, tausend dank für den "blick über die schulter" hut ab!!!

Portrait von ninochka
  • 17.06.2012 - 00:33

Super gutes Tutorium und so viele Arbeit :O Muss ich auch mal probieren das Ganzes zu machen ;)

Portrait von hamsibone
  • 19.07.2011 - 22:04

Vielen Dank für das Tutorial

Portrait von Cool_Chris
  • 02.05.2011 - 13:09

Wahnsinn, ich bin begeistert! Da steckt viel Arbeit dahinter! Wenn ich mal genug Zeit finde, versuch ich so was auch mal^^

Portrait von ps_top
  • 07.04.2011 - 19:41

Sehr lehrreich. Und dass der Autor ein guter Beobachter ist - und sein muss um die Realität auch nachzubauen - beweist er mit seinen lichtphysikalischen Hinweisen zum Schatten. (Kernschatten, von hartem Schatten zum weicheren mit zunehmender Entfernung vom Objekt, etc.) Hier machen Anfänger gerne viele Fehler. Natürlich gibt es bei einer solchen Komposition noch viel mehr zu beachten: Perspektive, Transparenzen, Reflexionen. Viel Substanz also in diesem Workshop.
Nur mit dem Hinweis, dass der Workshop gar nichts besonderes sei, da keine besonderen Aufnahme oder Lichttechniken angewandt wurden, untertreibt er wohl ein wenig. Auch um dies alles in Photoshop nachzubauen, braucht es doch mehr als nur ein bisschen Photoshop Kenntnisse. Die sind wohl gut zu erlernen, ich habe aber Kollegen erlebt, die mit diesen Techniken einfach nicht klar kamen und sich frustriert abwandten. Aber ein guter Pianist sagt auch, dass die Walzer von Chopin relativ einfach zu spielen seien...

Portrait von ps_top
  • 07.04.2011 - 19:39

Sehr lehrreich. Und dass der Autor ein guter Beobachter ist - und sein muss um die Realität auch nachzubauen - beweist er mit seinen lichtphysikalischen Hinweisen zum Schatten. (Kernschatten, von hartem Schatten zum weicheren mit zunehmender Entfernung vom Objekt, etc.) Hier machen Anfänger gerne viele Fehler. Natürlich gibt es bei einer solchen Komposition noch viel mehr zu beachten: Perspektive, Transparenzen, Reflexionen. Viel Substanz also in diesem Workshop.
Nur mit dem Hinweis, dass der Workshop gar nichts besonderes sei, da keine besonderen Aufnahme oder Lichttechniken angewandt wurden, untertreibt er wohl ein wenig. Auch um dies alles in Photoshop nachzubauen, braucht es doch mehr als nur ein bisschen Photoshop Kenntnisse. Die sind wohl gut zu erlernen, ich habe aber Kollegen erlebt, die mit diesen Techniken einfach nicht klar kamen und sich frustriert abwandten. Aber ein guter Pianist sagt auch, dass die Walzer von Chopin relativ einfach zu spielen seien...

Portrait von sebaddel
  • 07.01.2011 - 13:46

5 Punkte! Was soll man mehr sagen?!

Portrait von Imagination
  • 21.12.2010 - 12:47

Sehr schön. Ich steh' auf das Farbschema total. :)

Portrait von RollyRocket
  • 26.11.2010 - 12:28

Super Sache! Man muss sich nur zu helfen wissen! :)

Portrait von mdPhotography
  • 03.11.2010 - 16:17

Einmal mehr ein absolut fantastisches und inspirierendes Tutorial. Es ist unglaublich wie viel Aufwand du vorab in deine Bilder investierst. Aber wie man sieht lohnt es sich!

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 21.10.2010 - 08:09

Wow das sieht einfach nur hammer aus!!!

Portrait von r0n
r0n
  • 07.10.2010 - 18:21

krasse sache. gefällt mir gut

Portrait von navostat
  • 06.09.2010 - 13:39

Wahnsinn! Sehr tolles Tutorial mit einem brillianten Ergebnis. Bin wirklich ein großer Fan und immer wieder tief beeindruckt von Deinen Tutorials. Das regt auf jeden Fall zum Nacheifern an!

Portrait von B00mer
  • 22.08.2010 - 22:51

Toll gemacht. Kam mir vor wie in der Miniaturenwelt in Hamburg.

Portrait von aalouis
  • 09.08.2010 - 16:05

Klasse Idee und die Umsetzung ist auch wieder einmal sehr gut gelungen.

Portrait von normdew
  • 03.08.2010 - 14:31

Ich bin beeindruckt, das Ergebnis ist zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, doch die Idee und die Umsetzung sind inspirierend! Danke!

Portrait von MrBoomBaltec
  • 01.08.2010 - 17:13

Soviel Aufwand, aber für das Ergebniss lohnt sich das allemal :)

Portrait von EL1985
  • 30.07.2010 - 21:52

Spitze tutorial danke :-) echt toll

Portrait von a_ndi
  • 21.07.2010 - 21:45

wow super idee, super umsetzung mit viel arbeit mit details, echt hammer ;)

Portrait von Splithead
  • 29.06.2010 - 12:51

Da gibts nichts zu beanstanden. Tolle Arbeit!

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