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Tutorialbeschreibung

Von Nutzen, Klischee & Gräbern - Druckersprache im Detail: die Top 20

Von Nutzen, Klischee & Gräbern - Druckersprache im Detail: die Top 20

Druckersprache = schwere Sprache?

Nicht unbedingt. Manche Begriffe haben auch Einzug in unsere alltägliche Sprache gehalten, andere Begriffe sind ein Nachklang aus alten Zeiten und/oder haben eine für uns eigentümliche Definition.


Welcome to my world – heute beschäftige ich mich mal nicht damit, was für Regeln es gibt oder was man beim Gestalten von Texten besser machen kann.

Mein Sohn macht im Moment eine Ausbildung zum Medienassistenten, gepaart mit Fachabi. Und in diesem Schuljahr steht auch Mediendesign auf dem Plan. Und manchmal kommt er nach Hause mit Begriffen aus alter Zeit, also Fachwörtern aus der Zeit lange vor DTP, als Mediengestaltung noch Schriftsatz hieß und hauptsächlich in Druckereien stattfand. Das sind oft spannende, aber auch ermüdende Diskussionen mit dem Nachwuchs, der mal wieder alles unlogisch findet.

Also kommt heute mal mit auf die Spuren von Gutenbergs Kindern und Enkeln. Ich finde es eine spannende, interessante und inspirierende Welt. Deswegen habe ich uns mal meine persönliche Top 20 der Begriffe aus der Druckersprache zusammengestellt. Natürlich sind es viel, viel mehr Begriffe – ich habe ausgewählt – gut, ich gebe es zu, ich konnte mich nicht so entscheiden, deswegen 20 und keine 10. Ich hoffe, es macht euch aber trotzdem Spaß. Die „Platzierung“ ist keine Wertung.


 

Platz 20 - Übersatz

Übersatz ist ein Zuviel an Text, der nicht mehr untergebracht werden kann. Bei Zeitschriften oder auch Zeitungen wurde der Übersatz dann auch aufgehoben und wurde damit zum Stehsatz, den man in Ausgaben, wo nicht so viel Text vorhanden war, dann gut weiterverwenden konnte. Stehsatz ist aber auch Text, der immer weiterverwendet werden kann, wo bei Folgeaufträgen evtl. nur geringe Änderungen gemacht werden müssen.

Wenn du InDesign benutzt und Übersatz hast, dann wirst du mit diesem kleinen roten Kreuz am Rand deines Textrahmens gewarnt!

uebersatztextBilder



 

Platz 19 - Nutzen

Das ist auch so ein hübsches Wort, das oft zu Verwirrungen führt, vor allem, wenn man mit Kunden redet, die naturgemäß keine Ahnung haben.

Nutzen bezeichnet eine Anzahl von Duplikaten des gleichen Motivs, Beispiel: Visitenkarten. Da gehen acht Nutzen auf eine A4-Seite, oder eben: Achtmal kann ich die Visitenkarte auf eine A4-Seite setzen. Nutzenaufbau wird gemacht, um einen Druckbogen optimal auszunutzen. Hab euch mal hier eine Beispiel-A4-Seite mit einem Nutzenaufbau für Visitenkarten gebastelt. Natürlich ist sie etwas verkleinert dargestellt.

NutzenaufbauBilder



 

Platz 18 – Beschnitt

Das ist jetzt nichts Unanständiges! Das möchte ich mal gleich vorwegschicken. Und es tut auch nicht weh.

Beschnitt oder auch Anschnitt braucht man, wenn man Farbe bis an den Rand drucken will, was man ja verdammt oft möchte. Der arme Drucker könnte gar nicht so exakt schneiden, wenn wir unsere Farbe nur bis exakt an den Rand unserer Visitenkarte oder des Flyers setzen. Also haben die modernen Layoutprogramme eine Funktion, wo man eben den Beschnitt definieren kann. Wie viel man braucht, sagt einem die Druckerei. In der Regel sind das so 3–5 mm. Der orange Rand um unsere Visitenkarte simuliert den Beschnitt.

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Platz 17 – Auflage

Das ist recht einfach. Auflage bezeichnet bei allen Druckstücken die herzustellenden Druckprodukte. Also wenn du 1000 Visitenkarten bestellst, dann haben deine Visitenkarten eine Auflage von 1000. Es kann sein, dass du mehr geliefert bekommst, weil immer etwas mehr gedruckt wird.


 

Platz 16 – Setzkasten

Der Setzkasten ist ein ganz schön massives Teil. Früher in den Zeiten des Bleisatzes wurde er zum Vorsortieren und auch Aufbewahren der Lettern verwendet. Für jeden Schriftschnitt und jede Schriftgröße gibt es eigene Setzkästen. In Deutschland sind diese sogar mit einer DIN-Norm versehen. Wundert mich jetzt nicht wirklich. Ein sogenannter Brotschriftsetzkasten oder großer Kasten ist 96 cm lang und 61 cm breit. Die Anzahl der Fächer ist zwischen 125 und 116 in unterschiedlicher Größe.

Wir reden jetzt nicht von den kleinen, niedlichen Kästchen, in denen manche Leute ihre Ü-Eifiguren oder Parfümfläschchen sammeln.

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Platz 15 – Makulatur

Als Makulatur bezeichnet man nicht richtig bedrucktes Papier oder auch beschmutztes Papier. Das Wort Makulatur leitet sich vom lateinischen „maculatura“ – beflecktes Stück ab.


 

Platz 14 – Proof

Wer jetzt an Beweise denkt, liegt gar nicht so falsch.

Mit einem Proof versucht man, das Druckergebnis zu simulieren. Er ist somit ein Instrument der Qualitätskontrolle und wird 1:1 von der Druckvorlage hergestellt, die heute in der Regel eine PDF-Datei ist.


Platz 13 – Klischee

Nein nein, wir reden nicht von allgemeinen, eingefahren Vorstellungen wie beispielsweise „Die Deutschen sind pünktlich und fleißig“, dir fällt bestimmt noch ’ne Menge dieser Klischees ein, die manchmal die Vorstufe zum Vorurteil bilden. Wir befinden uns immer noch in den Tiefen der Druckersprache und in dieser Sprache ist Klischee eine Bezeichnung für sämtliche Arten von Hochdruckplatten. Das können Holzschnitte sein oder auch Bleisatzlettern. Und damit konnte ja immer wieder eine Kopie des Ursprünglichen hergestellt werden. Wie in unseren klischeehaften Vorstellungen.

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Platz 12 – Klappentext

Damit hatten im Buchcovercontest so einige zu kämpfen, galt es doch, eine Geschichte zum Cover zu erfinden.

Normalerweise steht der Klappentext oder auch Waschzettel – sind die Fachbegriffe nicht herrlich? – auf der Klappe des Schutzumschlags. In Zeiten von Taschenbüchern und Paperback ist der Schutzumschlag etwas aus der Mode gekommen. Also kommt der Klappentext jetzt auf die U4 aka letzte Seite des Covers.


Platz 11 – Marginalien

Kurz und knapp: Randbemerkungen. Das können kleine Kästen, einzelne Wörter, kleine Zeilen sein, die man in der Randspalte eines Buches oder einer Zeitschrift mitlaufen lässt, aber auch wenn du eine Notiz an den Rand deines Buches schreibst (macht ja wohl keiner, oder?), dann ist das eine Marginalie. Der Ursprung ist wieder lateinisch: „margo“ = Rand.


Platz 10 – Rubrik

Früher wurden die Überschriften in einem gesetzten Werk Rubrik genannt. Also diese blauen Überschriften im Commag sind auch Rubriken. Wie viele alte Begriffe kann auch die Rubrik ihren Namen aus dem Lateinischen ableiten. Als „rubrum“ wurden die mit roter Farbe geschriebenen Gliederungselemente und auch Zwischenüberschriften in den noch von Hand geschriebenen religiösen Büchern bezeichnet.


Platz 9 – Stereotyp

Hier höre ich gerade das Klischee husten. Das Stereotyp ist eine Weiterentwicklung der Gutenbergschen Hochdruckform. Es ist ein Metallduplikat und wird mithilfe einer Matrize erstellt, in die Metall gegossen wird.

Warum hat man das gemacht? Früher bestand die Druckform aus vielen einzelnen Lettern und anderen Elementen. Mit dem Stereotyp hatte man endlich eine Druckvorlage, die aus einem Stück bestand. Gerne wurden Stereotypen im Rotationsdruck bei Zeitungen verwendet.


 

Platz 8 – Brotschrift

Lapidar gesagt: Mit der Brotschrift verdiente der Setzer sein Brot. Also die Schrift, die den größten Teil eines Textes ausmacht, ist die Brotschrift. Alles, was in den Stilvorlagen unter „normal“, „Standard“, „allgemeiner Absatz“ oder „bodytext“ läuft, ist Brotschrift.

Kleine Anekdote am Rande: Ich besuchte im September eine Ausstellung im Finnlandinstitut in Berlin. Bei der Ausstellung wurde eine Schrift vorgestellt mit Namen „leipäteksti“ – Brotschrift. Eine Helferin war etwas aufgeregt, weil sie mir begreiflich machen wollte, was damit wohl gemeint sein könnte. Ihre Erleichterung war groß, als sie nach meiner Erklärung feststellte, dass es sich um einen allgemeinen Fachbegriff handelte.


Platz 7 – Gasse

Typografisch gesehen ist eine Gasse ein Druckfehler. So wurden senkrecht untereinander stehende Wortzwischenräume bezeichnet.

GasseBilder



Platz 6 – Bleiwüste

Du ahnst es schon, eine Bleiwüste bedeutet nichts Gutes. Das ist im Prinzip ganz viel Text ohne Auflockerungen durch Bilder oder Überschriften und sehr schwer zu lesen. Kam früher schon mal bei Zeitungen vor, dass eine ganze Seite eine Bleiwüste war. Man kann das Elend noch vergrößern, indem man den Text recht klein schreibt und geringen Zeilenabstand nimmt. Also bitte vermeiden!


Platz 5 – Zwiebelfisch

Was für ein wunderschönes Wort. Nein nein, es sind keine Zwiebeln und auch keine Fische involviert und aus vegetarischer Sicht ist ein Zwiebelfisch völlig unbedenklich.

Manchmal wird der Zwiebelfisch auch Blindfisch genannt. Das ist einfach ein kleiner Satzfehler: Ein Buchstabe aus einer anderen Schrift hat sich mitten in den Text geschlichen. Kann heute gar nicht mehr vorkommen.

Unseren Zwiebelfisch habe ich auch mal in einer anderen Farbe gestaltet.

ZwiebelfischBilder



Platz 4 – Leiche

Wir betreten nicht den typografischen DarkArt-Bereich. Keine Angst, auch unter 16-Jährige dürfen getrost weiterlesen. Leichen bezeichnen fehlende Zeichen, die noch eingefügt werden müssen. Das kann aber dazu führen, dass Übersatztext entstehen würde, der in diesem Fall nicht sein darf. Deswegen kommt jetzt schon Platz 3.


 

Platz 3 – Grab

Wenn Leichen am Start waren, schaufelte der Setzer gerne ein Grab, d. h., mit typografischen Tricks wurde Platz geschaffen, sodass der Absatz nicht neu umbrochen werden musste. Immer im Kopf behalten: Wir befinden uns in den Zeiten des Bleisatzes!

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Platz 2 – Männchensatz

Nein, ich werde jetzt auch nicht sexistisch. Als Männchensatz hat man im Bleisatz den exakten Nachsatz oder auch Neusatz eines Werkes bezeichnet. Die Bleilettern nutzen sich ja mit jedem Druck ab und hatten nur eine bestimmte Lebensdauer. Deswegen mussten für Neuauflagen die Werke oft neu gesetzt werden. Und wenn alles genauso sein musste wie bei den vorherigen Auflagen, dann war ein Männchensatz fällig.


Platz 1 – Jungfrau

Das Nonplusultra im Satzgewerbe, etwas, das jeder wollte: Eine Seite, die komplett ohne Fehler gesetzt wurde, wurde Jungfrau genannt.

Ich hoffe, dir hat der kleine Ausflug in die Welt der Druckersprache genauso viel Spaß gemacht wie mir.

Stefan Riedl hat sich im Mai 2014 mit dem typografischen Dschungel beschäftigt. Der Artikel lohnt auch sehr und beleuchtet eine Unzahl an anderen typografischen Fachbegriffen. Wenn du über einen Drucker- oder Typobegriff stolperst, den du dir so gar nicht erklären kannst, schick mir eine kurze PM und ich werde nachforschen, deine Helen Bogun

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Kommentare
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Portrait von Buko
  • 28.11.2015 - 01:55

Lieber spät als nie und heute habe ich es gelesen. Danke für den mit Augenzwinkern geschriebenen Artikel!

Portrait von BOPsWelt
  • 01.11.2015 - 14:50

Vielen Dank für diese Übersicht, sehr interessant. :-)

Portrait von ElkeKrueger
  • 01.11.2015 - 13:35

Hallo Helen, ich fühle mich mehr als 50 Jahre zurückversetzt bei Deiner so schönen Aufklärung über Druckersprache. Ich habe in einer Druckerei gelernt -allerdings Industriekaufmann- und durfte auch ab und an die Bleilettern setzen. Danke für den feinen Tripp in die Vergangenheit.
LG Elke Krüger

Portrait von pery
  • 01.11.2015 - 13:22

Mensch Helen, das ist ja cool!! Ich hab ja fast das Gefühl, alles extra für mich, hehee ... Bitte weitermachen, das ist total interessant, freue mich schon auf die Fortsetzung...

LG, pery :-)

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 01.11.2015 - 14:01

ach pery dein enthusiasmus freut mich sehr :)
du bist ja echt süß

Portrait von dagdavincy
  • 01.11.2015 - 13:18

Prima Beitrag!
Ich gehe auch davon aus, daß es noch eine Fortsetzung geben wird. Manche Begriffe/Regeln der "schwarzen Zunft" sind immer noch sehr präzise und werden nur vernachläßigt.

Portrait von Lilith66
  • 01.11.2015 - 12:32

Männchensatz... : )

War wirklich interessant und amüsant zu lesen, vielen Dank dafür ! Dem mehrfach geäußerten Wunsch nach Fortsetzungen im Druckerprache-Lehrgang schließe ich mich erwartungsvoll an.

Portrait von drawBe_44
  • 01.11.2015 - 12:16

War wirklich interessant und amüsant zu lesen, vielen Dank dafür ! Dem mehrfach geäußerten Wunsch nach Fortsetzungen im Druckerprache-Lehrgang schließe ich mich erwartungsvoll an.

Portrait von chris843
  • 01.11.2015 - 12:14

Tolles tutorial. Sehr informativ und hilfreich. Danke

Portrait von chipslette
  • 01.11.2015 - 11:57

Danke für das Tutorial!!

Portrait von Minaya
  • 01.11.2015 - 11:23

Wirklich tolles Tutorial, und auch sehr nützlich in der Zusammenarbeit mit Druckereien. Dankeschön!

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 01.11.2015 - 11:20

danke für eure lieben kommentare :)
bin happy
ist mein erstes "tutorial", ja nicht das klassische "wie man etwas macht", aber es hat mir viel spaß gemacht

Portrait von Domingo
  • 01.11.2015 - 10:57

Vielen Dank.

Portrait von Caesarion2004
  • 01.11.2015 - 10:54

Auch wenn es kein Tutorial im eigentlichen Sinn ist: dennoch Danke.

Portrait von aloh47
  • 01.11.2015 - 10:32

Vielen Dank für die Infos

Portrait von chr17
  • 01.11.2015 - 10:21

Danke, ein aufschlussreiches Tut.

Portrait von Faria
  • 01.11.2015 - 10:11

Ich habe das Tutorial mit großem Vergnügen gelesen. Vielen Dank dafür. Da merkt man, was man alles schon mal wußte und sprachlich kaum noch benutzt.

Portrait von Fosu
  • 01.11.2015 - 10:10

Prost Helen, dein Artikel versetzte mich wieder in eine frühere Zeit, als ich mich noch mit Winkelhaken und Nonpareille herum schlug. In eine Zeit, als die Kolumnenschnur noch das "Speichern" ersetzte. Danke.

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 01.11.2015 - 09:36

Überhaupt nicht mein Gebiet aber dennoch interessiert gelesen!

Vielen Dank :)

Portrait von subcomtom
  • 01.11.2015 - 09:18

Ich bin begeistert!
Bei Platz 13 (Klischee) hätte ich lieber ein Bild von Klischees gesehen.

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