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Tutorialbeschreibung

Die 10 Gebote der Typografie

Die 10 Gebote der Typografie

Gute Typografie braucht gute Regeln. Diese zehn Regeln helfen uns dabei, unsere schriftlichen Erzeugnisse ästhetischer, harmonischer und besser zu gestalten.


Wenn man wie ich Schriften liebt, dann hat man einige Blogs und Websites abonniert, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen. So stolperte ich auch eines schönen Januartages über diesen tollen Blogbeitrag "10 Commandments of Typography"  Den Artikel musste ich sofort mit Stefan Riedl teilen, weil ich ihn so gelungen fand, und dann haben wir beschlossen, dass wir ihn auf Deutsch den Commag-Lesern zugänglich machen, mit eigenen, von mir erstellten Grafiken und auch noch eigenen Ideen zu dem einen oder anderen Gebot.

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1. Du sollst nicht deformieren!

Eigentlich ein No-Go, das Deformieren von Schriften. Schriften sind Kunstwerke, die Typografen, die sie kreieren, haben sich viele Gedanken gemacht, um das Optimale in ihre Schriften zu legen.

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Wie ihr am Beispiel der im Commag verwendeten Myriad Pro seht, gibt es für viele Schriften verdammt viele Schriftschnitte, also braucht ihr die armen Schriften nicht mit Verformen zu quälen. Also wenn ihr etwas kursiv setzen wollt, dann bitte nicht die Schrift einfach schräg stellen. Die Unterschiede solltet ihr leicht beispielsweise beim „e“ erkennen!

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Wenn ihr etwas durch eine fette Schrift hervorheben wollt, bitte keine Linie drum herumbasteln. Wenn ihr nämlich eine serifenbetonte Schrift habt, dann werden die Serifen damit wahrscheinlich kaputtgemacht. Ich habe euch da mal ein Beispiel gemacht. Oben ist das Wort Bold im Schnitt Regular mit jeweils einer Kontur von 1–3 px versehen worden, unten habe ich die Schnitte Semibold, Bold, Black verwendet.

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Auch Kapitälchen einfach vom Programm erzeugen zu lassen, sollte ein No-Go sein. Wenn die Schrift das nicht hergibt, dann hat es der Typograf nicht vorgesehen, und wenn ihr das braucht, dann sucht bitte eine Schrift, die das in ihren Schnitten drin hat.

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2. Kombiniere nicht mehr als zwei Schriftfamilien

Wenn ihr eure Schrift sorgfältig auswählt, dann muss man fast keine andere Schriftart dazunehmen. Bestes Beispiel ist wieder mal die im Commag verwendete Myriad mit ihren vielen verschiedenen Schnitten. Eine Schrift mit ihren Schnitten nennt man übrigens Schriftfamilie. Wenn es denn notwendig ist, dann kombiniert zwei oder maximal drei Schriftarten. Persönlich finde ich drei schon grenzwertig. Gut gehen Serifenlose mit serifenbetonten Schriften.

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Warum nicht mehr Schriften?

Weil es nicht gut aussieht, weil es wie ein schlecht sortierter Gemischtwarenladen wirkt und weil es die Lesbarkeit behindert.

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3. Vermeide zu kurze oder zu lange Zeilen

Hierbei geht es natürlich um die Lesbarkeit. Zu kurze Zeilen können manchmal witzig sein, zu lange Zeilen werden auf jeden Fall die Augen anstrengen.

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Die Zeile wird zu kurz oder zu lang, bezogen auf die Textmenge, wenn wir die falsche Schriftgröße wählen oder wenn wir zu wenige Worte in zu große Spalten setzen wollen.

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Wie findet man nun die richtige Schriftgröße?

Hier wird gerne auf Robert Bringhurst verwiesen. Bringhurst ist ein kanadischer Dichter und Typograf, der empfiehlt, den Blocksatz wie folgt zu berechnen: Schriftgröße x 30 = Zeilenlänge.

Wenn man nun eine Schriftgröße von 10 px hat, dann wäre die Zeilenlänge 300 px, was ungefähr 65 Zeichen in der Zeile ergeben würde.


 

4. Nutze gute Regeln im Schriftsatz

Hier geht es einfach darum, die Einstellungen in eurer Software richtig und gut zu wählen. Klar sind die meisten Programme schon von Hause aus irgendwie eingestellt (Werkseinstellung).

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Aber natürlich können die meist amerikanischen Programmierer gar nicht so recht wissen, wie die optimale Einstellung für dein Projekt ist. Die Einstellungen bei den Abständen zum Beispiel sollten so definiert werden, dass vor allem beim Blocksatz zu große Lücken zwischen den Worten vermieden werden oder auch nicht zu viele Trennungen hintereinander folgen. Beides sieht nicht hübsch aus und erschwert den Lesefluss obendrein.

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Im folgenden Bild findet ihr mal ein Beispiel, wie ihr in InDesign eure Silbentrennung und auch die Abstände in der Zeile beeinflussen könnt.

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Natürlich könnt und sollt ihr auch den Text manuell bearbeiten. Wenn trotzdem zu große Lücken entstehen, dann sollte man schon von Hand ein paar Trennungen einfügen, um ein harmonischeres Bild zu erreichen. Damit eure Einstellungen im Bereich Silbentrennung greifen, muss diese für die Absätze auch aktiviert sein. Worauf ihr bei den Definitionen euer Absatzformate auf jeden Fall achten solltet, ist die Schusterjungen-/Hurenkindregelung.

Ein Schusterjunge und ein Hurenkind ist ein sogenannter Satzfehler. Manche nennen den Schusterjungen Waisenkind und das Hurenkind wird als Witwe bezeichnet. Wenn beispielsweise die Seite oder die Spalte nach der ersten Zeile eines neuen Absatzes umgebrochen wird, dann sprechen wir vom Schusterjungen, erfolgt der Umbruch auf eine Weise, dass die letzte Zeile eines Absatzes in die neue Spalte oder auf die neue Seite rutscht, dann haben wir ein Hurenkind. Das ist sehr unschön.

 
Und am "unschönsten" ist es, wenn das Hurenkind dann auch nur ein Wort ist oder gar ein halbes Wort, resultierend aus einer Worttrennung. Dies wird dann als sogenannter "Fliegenschiss" bezeichnet. Aber auch hier könnt ihr vorbauen, indem ihr die Absatzumbruchoptionen so einstellt, dass zwei Zeilen am Beginn des Absatzes und am Ende nicht getrennt werden. Natürlich könnt ihr auch mehr Zeilen zusammenhalten oder auch den ganzen Absatz. Probiert einfach aus, was sinnvoll ist.

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5. Hüte dich vor falschen Freunden

Auszugsweise haben wir dieses Thema bereits in der Dezember-Ausgabe behandelt. Klickt euch rein!

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Es ist wichtig, auf die richtigen Anführungszeichen zu achten. Im Deutschen unten „99“ und oben „66“. Andere Sprachen haben andere Regelungen. Und natürlich sollten die Anführungszeichen nicht mit Sekundenzeichen " verwechselt werden! Genauso heikel kann der Apostroph sein. Ein Minutenzeichen ' ist kein Apostroph. Im Deutschen ist ein korrekter Apostroph eine „9“ = ’. Weiter gibt es die Auslassungspunkte, die gerne mal mit drei Punkten in Folge dargestellt werden: ... Der Abstand zwischen den einzelnen Punkten ist anders als bei korrekten Auslassungspunkten: …

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6. Setze Akzente auf Versalien

Gut, wird jetzt der eine oder andere sagen, mit Akzenten haben wir es im Deutschen ja nicht so unbedingt.

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Aber wir haben auch oft mit fremden Sprachen zu tun.

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Und es geht nicht nur um Akzente auf den Großbuchstaben, sondern auch um die Çedillen. In Berlin haben wir viel mit Türkisch zu tun, auch hier kommen Versalien mit Punkten oder Akzenten ins Spiel, die sich der Durchschnittsdeutsche nicht träumen lässt. Und ehrlich, ein CAFE ohne Akzent sieht äußerst bescheiden aus, doch da kann nachgeholfen werden: CAFÉ.


 

7. Lerne Abkürzungen

Wir wollen ja, dass unsere Texte verstanden werden.

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Deswegen geben wir uns auch so viel Mühe mit Schrift und Layout.

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Und deswegen ist es auch wichtig, dass die Kleinigkeiten stimmen = die Abkürzungen.


 

8. Respektiere Leerräume

Im Deutschen haben wir vor der Interpunktion keinen Leerraum, im Englischen ist es genauso, im Französischen gibt es einen kleinen Leerraum. Vor und nach einem Gedankenstrich stehen auch Leerräume, vor Bindestrichen stehen keine Leerzeichen. Einen Leerraum brauchen wir auch bei manchen Abkürzungen, es ist immer z. B., niemals z.B. Manchmal kommt das Argument: Aber das muss auch richtig sein, z.B. ohne Leerzeichen oder der Gedankenstrich ohne Leerzeichen. Merke: Nur weil es oft wiederholt wird oder weil wir es schon x-mal im Internet gesehen haben, wird es dadurch nicht richtig!

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9. Respektiere Schriften

Wie schon eingangs gesagt: Schriften sind Kunstwerke.
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Der Typograf hat sich Gedanken über die Schriften gemacht. Und wir zollen der Schrift Respekt, indem wir keinen Schweinkram wie in die Länge ziehen oder stauchen damit machen. Wenn du eine größere Schriftgröße brauchst, dann zieh die Schrift nicht unproportional in die Höhe, sondern erhöhe die Schriftgröße via Zeichenbedienfeld.

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Eine weitere Art, die Schrift zu respektieren, ist, auch dafür zu bezahlen. Die meisten Schriften kosten heute nicht mehr die Welt. Und wer mit der Arbeit, die er mithilfe der Schriften leistet, Geld verdienen will, der sollte sowieso dafür zahlen. Ansonsten gibt es natürlich auch einige Schriften im Netz, die Freeware sind. Wie bei Bildern gilt auch bei Schriften: Die Lizenzbedingungen genau lesen.


10. Diese Schriften solltest du nie nutzen!

Dies ist sicher ein Punkt, der unter Geschmack fällt. Jeder hat hier bestimmt andere Schriften, die ein absolutes No-Go sind.

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Und eigentlich gibt es für jede Schrift ihre Berechtigung, es kommt eben auch immer darauf an, wo.

 
Unten im Bild findet ihr meine ganz persönliche Auswahl von Schriften, die ich verbannen würde. Natürlich solltet ihr jetzt die „10 Gebote der Typografie“ nicht zu streng sehen. Es sind gut gemeinte Ratschläge, die euch eventuell helfen, eure Schriftstücke noch besser zu machen.

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Kommentare
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Portrait von HansoO
  • 21.01.2016 - 12:56

Hallo, danke für diese Übersicht!

Einige Gebote habe ich glaube ich gottseidank schon vorher einigermaßen verinnerlicht. Es hilft aber, sich diese "Grundregeln" immer mal wieder vor Augen zu führen.

Wenn ich darf, würde ich aber gern auch etwas Kritik zum "Tutorial" anbringen:

- es wird über die 10 Gebote der Typografie geschrieben, aber schon die Gebotstafeln sind rein typografisch betrachtet nicht das Non-Plus-Ultra :(
- Comic Sans ist natürlich auf der Liste der "verbotenen" Schriften. Die Schrift in Gebot 5 sollte aber ebenfalls verboten werden

Das ist natürlich nur mein persönlicher ästhetischer Anspruch und muss nicht als allzu negativ aufgefasst werden ;)

Vielen Dank :)

Portrait von vinc01
  • 07.01.2016 - 11:50

Danke für das Tutorial, echt hilfreich

Portrait von MattLis
  • 23.12.2015 - 11:57

Danke Dir dreamie - das ist richtig toll

Portrait von mabro
  • 17.11.2015 - 09:35

Danke für das Tutorial.

Portrait von schnittmarke
  • 11.11.2015 - 13:15

Danke für die Ausarbeitung. Ich hatte meinen Spaß beim Lesen und werde ggf. neues auch beherzigen, weil ich mit den Sachen die ich schon beachtet habe ganz gut gefahren bin.

Portrait von psd_list
  • 11.11.2015 - 11:45

Vielen Dank!

Portrait von Anette.F
  • 11.11.2015 - 11:39

vielen Danke – kurz und knapp.
Wer sich eingehender mit dem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich folgendes Buch wärmstens empfehlen:
„Detailtypografie“ von Friedrich Forssman, Ralf der Jong (Verlag Hermann Schmidt Mainz)

Portrait von lucyblitz
  • 11.11.2015 - 11:11

Vielen Dank für die wertvollen Tipps.

Portrait von sv_photo
  • 11.11.2015 - 08:34

Echt tolles Tutorial, vielen Dank!

Portrait von HarrisM2
  • 11.11.2015 - 08:19

Vielen dank für dieses Tut! Ertappe mich auch immer wieder ................. :-)

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 10.11.2015 - 21:16

danke dir.
auch als blogger kann man mit ein paar gedanken zur typographie einiges reißen :D

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-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 10.11.2015 - 21:15

was sind denn deine lieblingsfonts?
und ich bin ja nicht der große typo-gott, der dir das verbieten könnte :P
also tu, was du nicht lassen kannst :D

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 10.11.2015 - 21:14

sorry

manchmal ist man etwas umnachtet
und sieht den wald vor lauter bäumen nicht

Portrait von fuchs50
  • 10.11.2015 - 19:57

Vielen Dank! Die zehn Gebote sind für mich sehr hilfreich. Danach habe ich schon lange gesucht.
Die Übersetzung und Bebilderung war bestimmt zeitaufwendig. Dafür nochmals meinen herzlichen Dank!

Portrait von 4lmdudler
  • 10.11.2015 - 17:50

Recht herzlichen Dank für das Tutorial. Sehr hilfreich!

Portrait von Eugen812
  • 10.11.2015 - 17:21

Vielen Dank für dieses Tutorial!

Portrait von igel16
  • 10.11.2015 - 16:44

Vielen Dank für die 10 Gebote.
Da sieht man, was man alles verlernt hat.

Portrait von Stavros
  • 10.11.2015 - 16:38

Schön, die alten Regeln wieder ins Gedächtnis zu holen. Sehr schön beschrieben. :)

Portrait von TheMoD
  • 10.11.2015 - 16:26

Ein schönes Tutorial; hat mir genau so gut wie die TOP20 der Druckersprache gefallen !

Portrait von pallasathena
  • 10.11.2015 - 16:26

vielen Dank, das is sehr brauchbar bzw hat es mein intuitives Empfinden bestätigt

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