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Tutorialbeschreibung

Teil 06: Perspektive statt der Brennweite ändern

Teil 06: Perspektive statt der Brennweite ändern

BITTE NICHT

Zoomen statt Perspektivenwechsel


BESSER MACHEN

Erst die Perspektive, dann die Brennweite festlegen

Bilder

Das Arrangement ist das gleiche, die Aufnahmerichtung unverändert, in beiden Fällen ist der Apfel gleich groß abgebildet. Doch unterschiedliche Perspektiven schufen unterschiedliche Bilder.


 

BITTE NICHT: Zoomen statt Perspektivenwechsel

Zuallererst eine wichtige Feststellung:

Die Perspektive wird ausschließlich durch den Ort der Kamera während der Aufnahme bestimmt.

Nicht durch das Objektiv oder dessen Eigenschaften, z. B. die Brennweite. Daher haben Objektive grundsätzlich keine ihnen eigene Perspektive. Einen Wechsel der Perspektive bewerkstelligt einzig und allein der Fotograf, indem er Ortswechsel durchführt. Solange der Fotograf also an einer Stelle verharrt, kann er demnach durch einen Objektivwechsel oder durch Zoomen seine Perspektive nicht verändern.

Mir ist es sehr wichtig, diese Feststellung klipp und klar an den Beginn dieses Tutorials zu stellen, weil es gerade an diesem Punkt immer wieder zu Missverständnissen kommt. Meistens ausgelöst durch die irrige Annahme, Weitwinkel- und Teleobjektive würden jeweils über spezielle Perspektiven verfügen. Das ist nicht korrekt.

Die Perspektive, also der Blickpunkt, von dem aus ein Motiv abgelichtet wird, entscheidet bei dreidimensionalen Motiven über die Proportionen von Vorder- zu Hintergrundobjekten. Mithin ist die Perspektive einer der entscheidenden Faktoren bei der Gestaltung von Fotos.

Praktisch jeder Fotograf verfügt heute über einen Brennweitenbereich, meistens durch Verwendung eines oder gar mehrerer Zoomobjektive. Der damit variable Bildwinkel deckt vielfach einen großen Bereich ab, der von großen (Weitwinkel) bis kleinen (Tele) Aufnahmewinkeln reicht.

 
Dieses Zoomobjektiv lässt eine Verstellung der Brennweite im Bereich von 18mm (Weitwinkel) bis 55mm (Tele) zu. Mit einem Punkt gekennzeichnet ist die Brennweite 28mm, die als „Normalbrennweite“ weder ein Weitwinkel noch ein Tele darstellt.

Bilder



 
Mal bitte die Hand aufs Herz: Wer könnte der Versuchung widerstehen, nach der Sichtung eines Motivs einfach stehen zu bleiben, solange zu zoomen, bis das Motiv formatfüllend im Bild platziert ist, um dann abzudrücken? Du ahnst es sicher schon: Genau das ist die falsche Vorgehensweise!

Als konkretes Beispiel können die folgenden drei Aufnahmen dienen, die von ein und demselben Standort aus fotografiert wurden. Lediglich die Brennweite wurde geändert:

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Ein Weitwinkelobjektiv erfasst einen großen Bildwinkel und bildet außer dem Schloss noch weite Bereiche des Umfeldes ab.


 
Das „Normalobjektiv“ hat einen kleineren Bildwinkel und stellt das Schloss zwar größer dar, aber nicht mehr vollständig:

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Noch enger ist der Bildwinkel eines Teleobjektivs. Es erfasst nur noch ein Detail und rückt es in eine scheinbar nähere Entfernung. Oft wird gesprochen von dem Effekt des „Heranholens“ oder gar „Heranzoomens“, obwohl es auch Weitwinkel-Zoomobjektive gibt und starke Teleobjektive oft eine fixe Brennweite haben. Wichtiger jedoch ist die Feststellung, dass die drei folgenden Fotos aus einer unveränderten Perspektive entstanden sind.

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Sinn und Zweck der Zoomobjektive (oder auch der Wechselobjektive) besteht nicht darin, dem Fotografen die Suche nach der besten Perspektive und damit „Laufarbeit“ zu ersparen. Diese Funktion können sie gar nicht übernehmen, denn der Ortswechsel des Fotografen ist nicht durch den Brennweiten- oder Objektivwechsel ersetzbar. Anders ausgedrückt: Bei einem dreidimensionalen Motiv ist es ein bedeutender Unterschied, ob das Hauptmotiv aus kurzer Distanz mit einer kurzen Brennweite (Weitwinkel) oder ob es aus großer Distanz mit langer Brennweite (Tele) aufgenommen wird, auch wenn es auf beiden Fotos in identischer Größe abgebildet wird!

Genau betrachtet sind es natürlich nicht die Zoomobjektive selbst, denen ein „Vorwurf“ zu machen ist. Unbestritten jedoch ist es eine Tatsache, dass sie ein wenig zur „Bequemlichkeit“ erziehen und allzu leicht in Vergessenheit geraten lassen, dass der Wechsel der Perspektive etwas grundsätzlich anderes ist als ein Wechsel der Brennweite.

Sehen wir uns daher an, was passiert, wenn ein Motiv aus unterschiedlicher Perspektive abgelichtet wird. Die folgenden drei Bilder zeigen ein Motiv, die Krone, in jeweils identischer Größe. Allerdings wurden sie aus verschiedenen Entfernungen mit unterschiedlichen Brennweiten aufgenommen:

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Für dieses Foto wurde ein „Normalobjektiv“ benutzt. Die Entfernung zur Krone betrug zehn Meter.


 
Diese Aufnahme entstand mit einem Weitwinkelobjektiv, nachdem der Fotograf seine Distanz zur Krone von zehn auf fünf Meter reduziert hatte. Er achtete darauf, dass die Krone in der gleichen Größe wie auf dem letzten Bild erscheint.

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Für dieses Foto, das mit einem Teleobjektiv entstand, entfernte sich der Fotograf dreißig Meter weit von der Krone. Wiederum wird die Krone in der absolut gleichen Größe abgebildet.

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Die Dreierserie zeigt eindrucksvoll, dass ein Perspektivenwechsel zu völlig unterschiedlichen Bildresultaten führt. Der Fotograf hat es in der Hand und muss entscheiden, welche Art der Abbildung er bevorzugt.


 
Ein weiteres Beispiel ist dieser Oldtimer. Hier wurde er aus kurzer Entfernung mit einem Weitwinkel und entsprechend großem Bildwinkel fotografiert. Dadurch ist viel des Hintergrundes zu sehen und die Proportionen des Wagens wirken sehr „dynamisch“, entstellen das Erscheinungsbild des Maybach-Fahrzeugs aber auch gewaltig.

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Die Aufnahme mit dem Tele aus größerer Entfernung bildet den Kühlergrill gleich groß ab, erfasst aber bedeutend weniger vom Hintergrund. Die Karosse erscheint in gänzlich anderen Proportionen, weil es sich bei dem Fahrzeug natürlich auch um ein Motiv mit Tiefenausdehnung, also ein dreidimensionales Gebilde handelt.

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Das Foto dieser Kirche entstand aus einer ungünstigen Perspektive, nämlich aus kurzer Distanz mit einem Weitwinkel. Das Schiff ist übermächtig und der in Wirklichkeit gewaltige Turm wirkt bedeutungslos klein. Rein geometrisch überragt die Dachspitze des Kirchenschiffs den Turm auf dem Foto sogar!

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Entscheidend ist die Perspektive nur bei dreidimensionalen Motiven. Nur bei einer Fläche ohne Vorder- und Hintergrund spielt sie keine Rolle, wie die folgenden Bilder beweisen:

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Ausschnitt eines Bildes mit Weitwinkelobjektiv aus kurzer Distanz. Das gesamte Bild kannst du auf dem übernächsten Foto sehen.


 
Der gleiche Ausschnitt, fotografiert mit einem Teleobjektiv aus größerer Entfernung, also aus einer anderen Perspektive. Die beiden Fotos unterscheiden sich nicht, weil das Motiv ein rein zweidimensionales ist. Das übernächste Foto zeigt die Gesamtaufnahme.

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Das ist die nicht beschnittene Weitwinkelaufnahme-Aufnahme …

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… und dieses die Tele-Aufnahme. Sobald Vorder- und Hintergrundobjekte ins Spiel kommen, werden die Unterschiede deutlich:

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BESSER MACHEN: Erst die Perspektive, dann die Brennweite festlegen

Nicht die Brennweite, sondern der Ort der Kamera während der Aufnahme entscheidet, aus welcher Perspektive, aus welchem Blickwinkel ein Foto aufgenommen wird. Die gewünschte Perspektive sucht der Fotograf aus, indem er sich mit seiner Kamera an diesen Ort begibt. In der Praxis findet er die passende Perspektive durch Herumlaufen, zum Beispiel, indem er sich einem Motiv nähert und wieder entfernt, bis er die günstigste Perspektive gefunden hat. Erst nachdem dieser Prozess abgeschlossen ist, wird die Brennweite und damit der Bildwinkel festgelegt, um das Motiv in der gewünschten Größe und mit dem geeigneten Ausschnitt zu erfassen.

Die folgenden drei Fotos zeigen ein Hauptmotiv (mit Hintergrund) aus unterschiedlichen Perspektiven. Durch die Verwendung von unterschiedlichen Brennweiten wurde es aber in jeweils gleicher Größe abgebildet. Trotzdem unterscheiden sich die Ergebnisse eklatant:

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Weitwinkel-Aufnahme aus geringer Entfernung.


 
Aufnahme mit „Normalobjektiv“ aus mittlerer Entfernung:

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Aufnahme mit Teleobjektiv aus großer Entfernung:

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Der Grund für die andersartige Darstellung vor allem in Bezug auf den Hintergrund sind die Verhältnismäßigkeiten der Abstände. Bei dem Weitwinkelfoto ist das Hauptmotiv nur drei Meter weit entfernt, der Hintergrund 90 Meter. Der Hintergrund ist demnach dreißigmal weiter entfernt als das Hauptmotiv im Vordergrund. Bei der Aufnahme mit Teleobjektiv beträgt die Entfernung zum Hauptmotiv 45 Meter, die zum Hintergrund folglich 132 Meter. Das bedeutet, dass jetzt der Hintergrund nur dreifach so weit weg ist wie das Hauptmotiv.

An dieser Verhältnismäßigkeit der Entfernungen ändert das Verstellen des Zooms oder ein Objektivwechsel nichts, solange der Fotograf seinen Standort beibehält. Offensichtlich wird das bei der Analyse der folgenden Bildbeispiele, die alle aus der gleichen Perspektive, also vom gleichen Standort aus entstanden sind:

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Weitwinkel-Aufnahme.


 
Aufnahme mit Teleobjektiv bei unveränderter Kameraposition:

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Das erste Foto wurde mit einem Weitwinkel-, das zweite mit einem Teleobjektiv aufgenommen, beide vom gleichen Standpunkt aus, ohne dass ein Perspektivenwechsel stattgefunden hat. Selbstredend erfasst das Weitwinkel einen größeren Bildausschnitt als das Tele. Aber wie ist es um die Perspektive bestellt, denn die sollte sich ja theoretisch nicht unterscheiden?

 
Um zu zeigen, dass die Theorie durch die Praxis vollumfänglich bestätigt wird, habe ich aus dem Weitwinkelfoto den Bereich herausgeschnitten und vergrößert, den das Teleobjektiv formatfüllend erfasst hat. Hier ist das Resultat:

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Das ist noch einmal die Weitwinkel-Aufnahme, in die ich jenen Bereich in roter Farbe einzeichnete, den ich für das folgende Bild herausvergrößert habe.


 
Durch die Ausschnitts-Vergrößerung ist das Bild nicht so scharf wie die Teleaufnahme. Aber sie zeigt die absolut identische Perspektive!

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Wie du sehen kannst, entspricht die Perspektive der Ausschnitts-Vergrößerung exakt derjenigen vom Teleobjektiv. Damit ist bewiesen, dass Objektive aufgrund ihrer Brennweite keine „Perspektive“ haben. Infolge ihres Bildwinkels verfügen sie allerdings über bestimmte Bildwirkungen:


 

Weitwinkel:

Viel Hintergrund kommt aufs Bild, der aufgrund der ausgedehnten Schärfentiefe auch oft scharf abgebildet wird. Die Wahl eines geeigneten Hintergrunds fällt schwer.

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Wird ein Vordergrundmotiv („Person“) aus geringer Entfernung mit einem Weitwinkelobjektiv formatfüllend fotografiert, wird ein großer Bereich des Hintergrundes erfasst, in diesem Beispiel das gesamte Haus.


 
Die „Tiefe“ und Dreidimensionalität wird betont, da der Hintergrund im Verhältnis zum Vordergrund sehr klein dargestellt wird. Die Distanz vom Vorder- zum Hintergrund erscheint größer, als sie tatsächlich ist, die Raumtiefe wird „gedehnt“. Bei Verkippung der Kamera treten leicht „stürzende Linien“ auf, wenn parallel verlaufende Linien – etwa die Kanten eines Gebäudes – nicht mehr parallel abgebildet, sondern zentralperspektivisch wiedergegeben werden und aufeinander zulaufen. Ein Gebäude erweckt dadurch den Eindruck, als würde es nach hinten umfallen:

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Die stürzenden Linien auf diesem Foto sind keine Abbildungsfehler des Objektivs, sondern perspektivisch bedingt.


 

Teleobjektiv:

Vergleichsweise wird ein kleinerer Ausschnitt des Hintergrunds erfasst, dadurch fällt es durch einen kleinen Standortwechsel bedeutend leichter, einen anderen, vielleicht besser geeigneten Hintergrund auszuwählen.

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Aus größerer Entfernung mit dem Teleobjektiv wird das Vordergrundmotiv („Person“) ebenfalls formatfüllend erfasst, doch im Vergleich zum Weitwinkelfoto (s. vorletzte Abbildung) ein kleinerer Bereich des Hintergrundes, also nur noch ein Teil des Hauses.


 
Längere Brennweiten tendieren zu weniger Schärfentiefe, d. h. zur unscharfen Abbildung des Hintergrunds. Die Räumlichkeit geht mit steigender Brennweite mehr und mehr verloren, dreidimensionale Motive wirken eher flach und zweidimensional. Der Abstand zwischen Vorder- und Hintergrund wirkt geringer, als er tatsächlich ist, die Raumtiefe wird „gestaucht“. Stürzende Linien treten kaum oder in geringem Umfang auf:

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Im Gegensatz zum Weitwinkel tendiert das Teleobjektiv zu einer parallelperspektivischen Abbildung, bei der in Wahrheit parallele Linien auch parallel wiedergegeben werden. Stürzende Linien treten nicht oder in geringerem Maße auf.

Wie gehört, fällt es mit dem Teleobjektiv leichter, einen passenden Hintergrund auszuwählen. Sehen wir uns dazu die folgenden Bildbeispiele an:

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Weitwinkel-Foto aus kurzer Distanz. Ein oder zwei Schritte zur Seite würden kaum etwas daran ändern, welcher Hintergrund zu sehen ist.


 
Foto mit Normalobjektiv aus mittlerer Entfernung:

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Aufnahme mit Teleobjektiv aus größerer Entfernung. Störend ist die weiße Häuserfassade, vor der sich die weiße Statue nicht gut abhebt:

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Durch nur einen Schritt nach rechts konnte der Fotograf mit dem Teleobjektiv statt der Häuserfassade eine dunkle Glasfassade als Hintergrund auswählen, vor dem die Venus-Statue deutlich besser zur Geltung kommt:

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Beispiel „Porträt“

Betrachten wir den Sachverhalt noch einmal am Beispiel eines Porträts, bei dem die korrekte Perspektive ganz besonders wichtig ist. Mit einer zu kurzen Brennweite werden die Proportionen eines Gesichts so stark verzerrt wiedergegeben, dass eine fratzenhafte, wie eine Karikatur wirkende Abbildung die Folge ist. Mit zu langer Brennweite geht der dreidimensionale Eindruck, die Plastizität des Gesichts verloren, was ebenfalls nicht erwünscht ist. In beiden Fällen sind es nicht etwa Abbildungsfehler des Objektivs, die zutage treten, sondern eine falsche Perspektivenwahl. Die Art der Abbildung folgt den Gesetzen der optischen Abbildungsgeometrie, die kein Objektiv überwinden kann.

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Weitwinkel:

Wird die Kamera direkt vor das Gesicht gehalten, ist das Ohr doppelt so weit von der Kamera entfernt wie das Auge. Die rote und blaue Strecke sind gleich lang. Dadurch entsteht eine wenig schmeichelhafte, fratzenartige Abbildung des Gesichts:

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Tele:

Aus größerer Entfernung ist das Ohr nur noch ein Sechstel weiter weg als das Auge, wodurch eine natürlich wirkende Abbildung des Gesichts entsteht.

Doch betrachten wir die Fälle an konkreten Beispielen.


 

Weitwinkel

Mit einem Weitwinkelobjektiv muss man sich dem Modell sehr stark nähern, wenn man einen Kopf mit Hals formatfüllend aufnehmen möchte. Abgesehen von der Tatsache, dass es für das Modell keine Freude ist, wenn die Frontlinse nur wenige Zentimeter vor das Gesicht gehalten wird, betrachtet die Kamera das Gesicht aus einer uns ungewohnten Perspektive. Es ist nicht üblich, aus so kurzer Distanz in andere Gesichter zu blicken. Aus Sicht der Kamera ist die Nase bei einem Modell, das in die Kamera schaut, nur halb so weit entfernt wie die Ohren, die dementsprechend wesentlich kleiner abgebildet werden. So entsteht die perspektivisch stark verzerrte Abbildung, die dem Objektiv nicht zur Last gelegt werden kann.

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Weitwinkelfoto der 2,2 Meter hohen Bronze-Plastik „Denkpartner“ von Hans-Jörg Limbach. Die Proportionen des Gesichts wurden perspektivisch stark verzerrt wiedergegeben. Den entsprechenden Versuch mit lebenden Modellen überlasse ich euch (s. Übungen).

 

Tele

Ein starkes Teleobjektiv stellt das genaue Gegenteil dar. Aus großer Entfernung kann damit ein Kopf formatfüllend fotografiert werden, sodass die Verständigung zwischen Fotograf und Modell schon beinahe zum Problem wird. Doch auch dann, wenn das nicht der Fall sein sollte, werden auf den Fotos Gesichter eher flächenhaft erscheinen, während man die Räumlichkeit vermisst. Grund ist auch hier eine ungewohnte, für ein klassisches Porträt demnach „falsche“ Perspektive:

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Das starke Teleobjektiv führt zu einer flächenhaften Darstellung, bei der Räumlichkeit des Gesichtsreliefs verloren geht.


 

Porträtobjektiv

Bevor wir die Frage erörtern, was ein Porträtobjektiv ist, wollen wir die Problematik zunächst einmal ganz im Sinne des oben erwähnten Ratschlags beleuchten, indem wir zunächst die Perspektive und dann die Brennweite wählen. Als Fotograf nehmen wir gegenüber dem Modell einen Platz ein, den wir auch wählen würden, wenn wir uns mit jemandem unterhalten oder zusammen eine Tasse Kaffee trinken wollten.

Je nach Vertrautheit wird ein Abstand von etwa 1 bis 1,5 Meter jene Entfernung sein, die zwei Gesprächspartner als angenehm, aber nicht aufdringlich empfinden. Nachdem diese Distanz gefunden wurde, muss nur noch eine Brennweite gewählt werden, die aus dieser Distanz formatfüllende Kopfbilder ermöglicht.

In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass ein leichtes bis mittleres Teleobjektiv die richtige Wahl ist, bezogen auf das Kleinbildformat („Vollformat“) etwa 70 bis 135mm, bezogen auf die weit verbreiteten Kameras mit kleinerem APS-C-Sensor („Crop-Faktor“ = 1,5 oder 1,6) circa 50 bis 90mm.

Damit ist auch bereits die Frage nach dem „Porträtobjektiv“ beantwortet: Gemeint sind schlicht und ergreifend Objektive mit eben jenen Brennweiten, nicht etwa solche mit besonderen Abbildungseigenschaften.

Wer nicht weiß, wie groß der Sensor seiner Kamera ist und sich mit Brennweiten-Angaben nicht herumschlagen will, braucht sich nicht zu sorgen. Wer aus der erwähnten, „angenehmen“ Distanz, also aus einer Entfernung von 1 bis 1,5 Meter ein formatfüllendes Porträt aufnimmt, verwendet ganz automatisch die korrekte Porträtbrennweite.

 
Ein Standardobjektiv führt zu einer ziemlich gewohnten und gefälligen Wiedergabe von Proportionen. Nicht zuletzt deshalb heißt es ja auch so. Bei Gesichtern ist der Eindruck natürlich, doch ein minimaler Hang zur perspektivischen Verzerrung ist nicht abzustreiten, daher …

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… wird das beste Resultat mit einem leichten Teleobjektiv erreicht, das die anderthalbfache bis zweieinhalbfache Brennweite des Normalobjektivs hat. Objektive in diesem Brennweitenbereich sind „Porträtobjektive“:

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Was speziell beim Thema Porträt einleuchtend klingt, gilt in gleichem Maße für die allermeisten anderen Motive genauso. Sie werden völlig unterschiedlich abgebildet, wenn man sie aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.

Da durch die Wahl der Brennweite oder durch Objektivwechsel die Perspektive nicht beeinflusst werden kann, muss der Fotograf zunächst durch eigene Bewegungen, durch Herumlaufen, eine passende Perspektive entdecken, was ich gerne als „Turnschuhzoom“ bezeichne. Erst danach erfolgt die Wahl eines angemessenen Bildausschnitts durch Zoomen oder durch den Wechsel des Objektivs.

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Ein Objektiv mit einer festen Brennweite von 50 Millimeter ist ein perfektes Porträtobjektiv an Kameras mit Bildsensoren im APS-C-Format. Im Vergleich zu Zooms sind sie preiswert und lichtstark, was Aufnahmen mit sehr schön in Unschärfe verschwimmendem Hintergrund ermöglicht.


 
Der Turm dieser Kirche lässt zwar die Spitze vermissen, tritt aber durch eine falsch gewählte Perspektive gegenüber der Fassade trotzdem stark in den Hintergrund. Das Foto entstand mit einem starken Weitwinkelobjektiv aus geringer Entfernung:

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Aus größerer Entfernung ergibt sich eine weitaus bessere Perspektive, aus der mit längerer Brennweite die Proportionen des Bauwerks bedeutend natürlicher erscheinen:

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Aus großer Entfernung mit langer Brennweite rücken die Gebäude dieser Stadt scheinbar zusammen. Eine Weitwinkelaufnahme würde einen gänzlich anderen Eindruck vermitteln.

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Hier wurde bewusst eine kurze Brennweite verwendet, um einen möglichst großen Hintergrund in das Bild einzubeziehen. Dadurch wird das Biotop, in dem die Fliegenpilze wachsen, erkennbar:

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Ebenso bewusst entstand diese Aufnahme mit einem Teleobjektiv. Der Hintergrund konnte sorgfältig gewählt werden, sodass er keine störenden Strukturen enthält:

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Übung

1. Bitte eine dir vertraute Person, dir für zwei Fotos als Modell zur Verfügung zu stehen. Platziere sie etwa 10 Meter vor einer Häuserfassade, die als Hintergrund dienen soll. Fotografiere die Person zuerst aus geringer Entfernung mit kurzer Brennweite (Weitwinkel), danach aus großer Entfernung mit langer Brennweite (Tele). Die Person sollte auf beiden Fotos etwa gleich groß abgebildet sein. Markierungen im Sucher (z. B. AF-Felder) oder mit wasserlöslichem Fettstift („Marker“) auf dem Display der Kamera aufgebrachte Linien können als Orientierung dienen. Fotografiere mit kleiner Blendenöffnung (große Blendenzahl: z. B. 11, 16, 22, 32), damit die Person und der Hintergrund gleichzeitig scharf wiedergegeben werden. Vergleiche die beiden Bilder hinsichtlich ihres Hintergrundes miteinander.

2. Nimm drei formatfüllende Porträts einer dir vertrauten Person auf. Das erste schießt du aus sehr kurzer Distanz mit einem Weitwinkelobjektiv (kurze Brennweite), das zweite aus einer Entfernung von etwa 1,5 Metern mit mittlerer Brennweite und das dritte aus großer Entfernung mit einem Teleobjektiv (lange Brennweite). Der Kopf sollte auf allen drei Bildern etwa gleich groß abgebildet sein, während die Person in die Kamera schaut. Vergleiche die Ergebnisse miteinander und achte dabei sowohl auf die Proportionen der Gesichtsteile als auch den Hintergrund. Frage die porträtierte Person nach ihrer Meinung zu den Fotos und vergleiche diese mit deiner Sichtweise.

3. Unternimm einen Fotoausflug, bei dem du ausschließlich mit einer einzigen Brennweite arbeitest. Verwende entweder ein Objektiv mit fester Brennweite oder fixiere den Zoom-Ring eines Zoom-Objektivs mit Klebeband, damit du nicht in Versuchung kommst. Ideal für diese Übung ist eine „Standardbrennweite“, also ein Bildwinkel zwischen Weitwinkel und Tele. Versuche, fehlende Brennweiten durch Standortveränderungen zu kompensieren.


Weiter geht es mit Teil 7: „Nicht mit zu großer Schärfentiefe arbeiten“

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Kommentare
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Portrait von Mr.Perseus
  • 13.01.2017 - 13:00

Vielen Dank für das Tutorial

Portrait von Tilli88
  • 11.12.2014 - 10:21

Das die Perspektive mit dem Licht wahrscheinlich die Wichtigsten Merkmale eines guten Fotos sind, wußte ich. Aber mir war nicht klar, daß sich aufgrund der physikalischen Gegebenheiten Gesichter und Gebäude entsprechend verzerren oder zu flach bleiben und zu wenig räumlich wirken. Intuitiv natürlich häufig richig gemacht, aber wenn mans weiß achtet man besonders drauf! Danke!

Portrait von ingridmuc
  • 13.04.2014 - 09:32

Vielen Dank. Wie immer sehr interessant.

Portrait von ingridmuc
  • 13.04.2014 - 09:30

Vielen Dank. Wie immer sehr interessant.

Portrait von UBothmer
  • 19.03.2014 - 12:58

Tolles Tutorial. Werd das gleich mal ausprobieren. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie sehr die Perspektive ein Foto verändern und verbessern kann. Muss jetzt noch üben es immer zu erkennen.

Portrait von Figib
  • 30.12.2013 - 08:24

Vielen Dank für das Tutorial!

Portrait von Sunny
  • 26.12.2013 - 11:01

Kurz und doch informativ. Es ist in der Tat so, das man sich allzu schnell der Bequemlichkeit hingibt und eben doch "nur" zoomt. Werde versuchen die Erkenntnisse aus diesem Leitfaden bei der nächsten Fototour im Hinterkopf zu behalten. Danke

Portrait von firsthippi
  • 11.09.2013 - 08:51

Wertvolle Tipps auf dem Weg zu guten Fotos. Danke

Portrait von Sir Jeffrey
  • 20.06.2013 - 14:26

Auch dies Tutorial hat mir gut gefallen, es gibt viel zum experimentieren.
Herzlichen Dank.

Portrait von Pskarin
  • 01.06.2013 - 22:59

Danke für die hilfreichen Erläuterungen. Damit kann man eine Menge besser machen.

Portrait von fluzzy
  • 29.03.2013 - 18:10

Super. Besser kann man es nicht erklären...Danke!

Portrait von hansi4711
  • 12.03.2013 - 19:13

Gut erklärt. Manchmal ist mir nicht klar geworden, welches Foto denn nun nach Meinung des Autoren das bessere sein soll. Wird also dem persönlichen empfinden überlassen. Und auch hier: Bitte die EXIF-Daten zu den Foros nennen.

Portrait von gulag
  • 28.02.2013 - 19:14

Es werden die Unterschiede gut dargestellt.

Portrait von robert3
  • 20.02.2013 - 18:36

Klasse Tutorial!
Super gemacht und wieder sehr hilfreich!

Portrait von gremat
  • 08.01.2013 - 00:05

Sehr interessant. Heute ist es leider schon zu spät,aber morgen werde ich das gleich mal testen.

Portrait von dorkadana
  • 03.11.2012 - 20:44

Super. Habe dank des Tutorials gute neue Denkanstöße bekommen. Habe bisher den "Turnschuhzoom" seltener eingesetzt und mich fleißig des Tele bemächtigt. Vileicht habe ich nun die Erklärung bekommen, warum viele meiner Bilder nicht so wirkten wie gewünscht.

Portrait von dorkadana
  • 03.11.2012 - 20:44

Super. Habe dank des Tutorials gute neue Denkanstöße bekommen. Habe bisher den "Turnschuhzoom" seltener eingesetzt und mich fleißig des Tele bemächtigt. Vileicht habe ich nun die Erklärung bekommen, warum viele meiner Bilder nicht so wirkten wie gewünscht.

Portrait von yorker976
  • 29.06.2012 - 09:17

Dank des guten Tutorials neue Ideen für Fotos bekommen. Weiter so!

Portrait von Gismo77
  • 20.06.2012 - 19:32

Tolles Tutorial, sehr lesenswert

Portrait von zwaggel
  • 23.05.2012 - 15:01

super ,ich habs auch begriffen als absoluter fotografie neuling

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