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Tutorialbeschreibung

Teil 08 von 23: Die Bildwirkung von Linien nicht unterschätzen

Teil 08 von 23: Die Bildwirkung von Linien nicht unterschätzen

Bevor der Mensch Treppe und Geländer sieht, hat das Gehirn bereits die Linien wahrgenommen. Linien und deren Verlauf sind daher von essenzieller Bedeutung für die Wirkung vieler Fotografien.

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BITTE NICHT

Die Bildwirkung von Linien unterschätzen

Linien haben eine enorme Bildwirksamkeit. Ähnlich wie andere fundamentale Dinge - etwa Farben (siehe #4 dieser Tutorialserie) und Formen, Muster und Kontraste - werden Linien wahrgenommen und bewertet, noch bevor die gegenständliche Bildanalyse einsetzt, d. h. die Frage gestellt wird, was auf einer Fotografie zu sehen ist. Nicht nur beim Betrachten von Fotos spielt dieser wahrnehmungspsychologische Prozess eine Rolle, sondern ständig, solange wir mit offenen Augen die Welt betrachten. Stets ist das Gehirn damit beschäftigt, die wahrgenommenen Eindrücke zu vereinfachen, zu reduzieren, auf wesentliche Elemente zu konzentrieren.

 
Wie mächtig dieser Automatismus ist, kann daran erkannt werden, dass auch in Wahrheit „unsichtbare“ Linien als solche wahrgenommen werden, sobald es dazu eine Veranlassung gibt. Beispielsweise wird eine Serie von Punkten oder anderen gleichartigen Objekten vom Gehirn automatisch zu einer Linie verbunden. Bekannt ist auch das sogenannte „Kanizsa-Dreieck“, bei dem die Wahrnehmung ein helles Dreieck vortäuscht:

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Kanizsa-Dreieck: Die Wahrnehmung ist darauf gerichtet, einfache Linien und Figuren, bekannte Strukturen zu erkennen, notfalls auch zu bilden, wie dieses real nicht existierende „weiße Dreieck“ im „Vordergrund“. Im Übrigen wird auch ein schwarz umrahmtes Dreieck „gesehen“, obwohl es in seiner Vollständigkeit nicht vorhanden ist, weil vorhandene Linien im Geiste ergänzt werden.


 
Ein weiteres Beispiel ist die folgende Grafik:

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Obwohl streng genommen lediglich blaue Kreise existieren, die durch Linienmuster unterbrochen sind, strebt die menschliche Wahrnehmung zur Ergänzung der Linien und damit zur Bildung eines Würfels in Gitterbauweise. Selbst eine starke Konzentration kann diesen Automatismus nicht dauerhaft unterdrücken: Allenfalls für kurze Momente gelingt es, nur die Kreise und nicht den Würfel wahrzunehmen.

 
Eine ganz besonders eindrückliche Geschichte ist die der Marskanäle. Ein italienischer Astronom behauptete im Jahr 1877, mit seinem Fernrohr auf dem Planeten Mars schnurgerade „Kanäle“ entdeckt zu haben. Auch viele andere Beobachter nahmen daraufhin die Kanäle wahr und es entstanden Kartenwerke mit fest eingezeichneten Marskanälen:

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Angebliche Marskanäle überziehen den gesamten Globus, hier nach Zeichnungen von Eugène Michel Antoniadi, der ab dem Jahr 1909 allerdings einsah, dass die Kanäle optische Täuschungen sein mussten.


 
Der Glaube an die Marskanäle hielt sich bis in die 1930er Jahre. Moderne Raumsonden-Fotos zeigen in aller Eindeutigkeit, dass es keine solchen Strukturen auf dem Planeten gibt.

Die Marskanäle zeigen in kaum zu überbietender Deutlichkeit, wie vehement die menschliche Wahrnehmung darauf erpicht ist, Linien zu sehen! Wahrscheinlich entsprangen sie komplett der Fantasie der Beobachter. Manche könnten auch die Verbindungslinien von kleinen, dunkleren Regionen sein, die mehr oder minder auf einer Linie angeordnet sind. Statt der einzelnen Gebiete wurden verbindende Linien wahrgenommen!

Auf Fotos bezogen heißt das, dass vorhandene und nicht vorhandene, aber „wahrnehmbare“ Linien zum Gesamteindruck bedeutend beitragen. Unterlässt es der Fotograf, sich über das Vorhandensein und den Verlauf von Linien innerhalb seines Bildes im Klaren zu sein, kann im schlimmsten Fall die Bildwirkung durch ungünstige Linienführung zunichte gemacht werden.

Ungünstig sind Linien, die nahezu parallel zu einem der Bildränder verlaufen, ohne jedoch wirklich parallel zu sein.

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Hier sorgen die Perspektive und die Ausrichtung der Kamera dafür, dass keine der Gebäudekanten parallel zu den Bildrändern verläuft. Gleichzeitig bilden sie aber auch keine wirklichen Diagonalen, sodass alles „irgendwie schief“ aussieht.


 
Auch bei dieser Aufnahme gibt es weder echte Diagonalen noch exakt zu den Bildrändern parallel verlaufende Linien. Grund ist nicht etwa eine zweifelhafte Perspektive, sondern die Hanglage und die Architektur. Dennoch ist das Foto ist nicht überzeugend.

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Zu viele Linien bilden ein Linien-Wirrwarr, in dem das Auge des Betrachters keine Ruhe findet.


 
Diese Linien samt ihren Spiegelungen in den Fenstern der Fassade bilden ein heilloses Durcheinander mit wenigen Diagonalen und keinen zu Bildrändern parallelen Linien. Das ist eindeutig des Guten zu viel.

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Linien können dabei helfen, den Blick auf das Hauptmotiv zu lenken, in ungünstigen Fällen aber auch den Blick aus dem Bild herausführen. Das ist negativ zu bewerten, denn desto länger der Blick auf einem Foto verweilt, desto „schöner“ (interessanter) wird es von Betrachtern empfunden.

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Die schönen diagonalen Linien weisen dem Auge den Weg zur Person, führen aber anschließend nach rechts oben aus dem Bild hinaus.


 

BESSER MACHEN

Auf die Linienführung im Bild achten

Grundsätzlich sollte bei allen Motiven geprüft werden, ob Linien auf dem Bild vorkommen. Wenn ja, muss festgestellt werden, in welcher Weise sie verlaufen und ob sie gegebenenfalls durch eine Korrektur des Bildausschnitts oder durch eine Drehung der Kamera wirkungsvoller zum Gesamteindruck beitragen. Gelingt das nicht, kann die Linienkorrektur in manchen Fällen einer späteren Bildbearbeitung überlassen werden. Nicht vergessen werden darf außerdem die Suche nach Objekten, die ausschließlich durch Linien zu einem fotogenen Objekt werden.

Die folgenden Faustregeln, die in der Praxis leicht umsetzbar sind, sollen dabei helfen, interessante Linienführungen in euren Fotos zu realisieren:


Wenige statt vieler Linien

Was geschehen kann, wenn zu viele Linien ein Foto bevölkern, zeigt die vorletzte Abbildung. „Weniger ist oftmals mehr“, so lautet die Devise. Selbst eine einzige Linie kann, wenn sie wirkungsvoll platziert wird, ein Foto beherrschen und prägen: Eine einzige Linie prägt – neben dem Tropfen – diese Aufnahme. Die Linie verläuft diagonal.

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Treffen zwei Linien wie in diesem Bild fast senkrecht aufeinander, entsteht ein Spannungsmoment. Der Kondensstreifen bildet eine Linie, die Turmspitze eine zweite.

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Linien parallel zu den Bildkanten

Linien, die parallel zu einer Bildkante verlaufen, sind zu begrüßen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine akkurate Parallelität, denn das Auge kann selbst kleinste Winkelbeträge erkennen.

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Diese Fassade wurde mit einem Weitwinkelobjektiv aufgenommen, wobei die Kamera genau waagerecht zum Horizont ausgerichtet war. Aufgrund der stürzenden Linien, also der perspektivischen Abbildung, verläuft keine der Linien parallel zur Bildkante.


 
Durch Drehen der Kamera ist es gelungen, die rechte Gebäudekante exakt parallel zur Bildkante auszurichten. Im Vergleich zur letzten Aufnahme eine Verbesserung.

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Bei manchen Spiegelreflexkameras gibt es die Möglichkeit, durch auswechselbare Einstellscheiben oder Einblendung ein Gitternetz im Sucher sichtbar zu machen. Ein solches Gitternetz erleichtert das exakte Ausrichten von Linien ganz enorm.

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Die wichtigen Gebäudekanten verlaufen exakt parallel zu den Bildrändern. Nur die ins Bild führende Brücke und die Spiegelung in der Glasscheibe bilden Ausnahmen.

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Auch bei dieser strengen Komposition wurde auf die Parallelität der Linien geachtet.

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Diagonale Linien

Noch effektvoller als zu den Bildkanten parallele Linien sind Diagonalen. Auch bei der Diagonale muss die Absicht des Fotografen deutlich erkennbar sein, d. h., die Diagonale muss „schräg“ genug sein. Andernfalls entsteht unter Umständen der Eindruck, die Kamera wurde bei der Aufnahme versehentlich ein wenig verkippt, so wie es bei vielen Fotos mit leicht schrägem Horizont der Fall ist.

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Hübsche wellenförmig gebogene Linien verlaufen diagonal, von links oben nach rechts unten durch das Bild. Wahrgenommen wird aber auch eine weitere Linie, die von links unten nach rechts oben verläuft und die als solche gar nicht existiert, nämlich die, an der die roten und die grauen Dachziegel aneinandergrenzen. An diesem Beispiel wird deutlich, dass gleichartige Strukturen vom Auge automatisch zu Linien verbunden werden.


 
Diagonalen beherrschen diese Aufnahme, während die Gebäudekante am linken Bildrand exakt senkrecht steht.

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Die Architektur dieses Gebäudes enthält keine nennenswerten Diagonalen.

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Durch eine schräg gehaltene Kamera ist es dennoch möglich, diagonal verlaufende Linien zu erhalten, um die Dynamik und die Dramatik des Bildaufbaus zu steigern. Meines Erachtens sollte das Schiefhalten der Kamera nicht zum reinen Selbstzweck verkommen, sondern nur eingesetzt werden, um die Linienführung einer Aufnahme gezielt zu verbessern.

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Wo ist hier die Diagonale, wirst du dich vielleicht fragen …

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… um sie hier anhand des roten Doppelpfeils zu erkennen. Sie ist auf dem Bild unsichtbar, entsteht erst durch den Blickkontakt der beiden Tanzenden. Die Blickrichtung einer Person bildet bereits eine „unsichtbare“ Linie, ebenso wie der Blickkontakt zweier Personen. Für den Verlauf solcher unsichtbarer Linien gelten die gleichen Faustregeln wie für „echte“ Linien.

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Diagonalen I: Auf- und absteigende Linien

Menschen, die in westlichen Kulturkreisen aufgewachsen sind, „lesen“ Fotos auf die gleiche Weise wie Text, also von links nach rechts. Durch diese „Leserichtung“ verkörpert eine Diagonale, die von links unten nach rechts oben verläuft, etwas Wachsendes, Aufstrebendes, Zunehmendes, Konstruktives und Belebendes. Kurzum: Etwas Positives. Von links oben nach rechts unten verlaufende Diagonalen haben vielfach die umgekehrte Wirkung, sie erwecken abfallende, abnehmende, destruktive und desolate Gefühle, verkörpern also eher das Negative.

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Ein steigender Aktienkurs symbolisiert die aufsteigende Linie von links unten nach rechts oben.


 
Fällt der Kurs, verläuft die absteigende Linie von links oben nach rechts unten.

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Die meisten Menschen, die in westlichen Kulturen aufgewachsen sind, würden bei diesem Foto den Eindruck haben, es geht die Treppe hinauf.

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Anders bei diesem Bild, das durch horizontale Spiegelung des letzten Fotos entstanden ist. Hier herrscht der Eindruck vor, die Treppe führe nach unten.

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Diese Treppe führt nach „oben“, bei der das Geländer samt seinem Schatten den Eindruck unterstützt, indem „aufsteigende Geraden“ gebildet werden.

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Die rote Dachabdeckung bildet eine „fallende Linie“ und unterstreicht damit das zerfallende, morbide Erscheinungsbild des Gebäudes, das seine besten Tage offenbar hinter sich hat.

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Krawattenläden sind der beste Beweis für die genannte Theorie der „aufsteigenden Geraden“: Eine gestreifte Krawatte, deren Streifen von links oben nach rechts unten laufen, also „fallende Geraden“ bilden, wird man dort vergeblich suchen!

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Diagonalen II: Eckläufer

Als besonders wirksam erweisen sich immer Diagonalen, die in ein Eck des Bildes laufen, so genannte „Eckläufer“.

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Dynamisch steigt eine Linie aus dem linken unteren Bildeck nach oben auf, um sich dann – fast wie eine Blüte – zu verzweigen. Hier wurde der Fotograf auf der Suche nach interessanten Linien auf der Toilette fündig, bei den beiden Bedienfeldern der Spülung.


 
Durch eine schräge Kamerahaltung gelang es nicht nur, eine positive, aufsteigende Diagonale zu erhalten. Der Clou ist der doppelte Eckläufer: Das Gebäude entspringt der linken, unteren Ecke und seine Spitze zielt auf die rechte, obere.

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Geschwungene Linien

Ein „Geheimtipp“ für Liebhaber von Linien sind schwungvolle, in rasanten Kurven verlaufende Linien. Spätestens bei s-förmig gebogenen Linien sollte die Kamera ergriffen werden, denn daraus lässt sich meistens ein gutes Foto machen.

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Dieses Foto enthält mehrere Linien, von denen die geschwungene am meisten Wirkung entfaltet.


 
Hier zeigt die rote Linie den schwungvollen Verlauf der Linie, die durch den Weg einerseits und den Baumschatten andererseits gebildet wird.

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Linienschwung, aufsteigende Linienführung und Eckläufer sind auf diesem Foto vereint.

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Die spiralig angeordneten Stufen einer Wendeltreppe sind bereits ein lohnendes Motiv. Gekrönt wird der Bildaufbau aber durch den bogigen Verlauf des Treppengeländers.

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Diese geschwungen aufsteigende Linie fand der Fotograf bei einem Baumpilz.

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Eine schöne Biegung nimmt dieses Treffengeländer. Es führt von oben nach rechts unten, folglich entsteht der Eindruck, dass die Treppe nach unten führt (absteigende Gerade).

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Bei dieser Aufnahme einer s-förmig gebogenen Linie wurde darauf geachtet, dass sie aus einem Eck entspringt (Eckläufer) und die Kanten von Gebäude, Fenstern und Lichtern genau senkrecht verlaufen.

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Dass außer einer s-förmig geschwungenen Linie kaum andere Zutaten zu einem guten Foto benötigt werden, zeigt auch diese Aufnahme.

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Schlangenlinien sind in aller Regel gute Motive, schon ihrer Linie wegen. Hier ist es der Verlauf eines Wegs.

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Linienschar

Die Faustregel, dass wenige Linien besser als viele sind, gilt nicht für Linienscharen. Darunter ist eine mehr oder weniger regelmäßige Anordnung mehrerer Linien zu verstehen, kein wahlloses Kreuz-und-Quer von Linien. Eine Linienschar kann zum Beispiel aus Linien bestehen, die einem gemeinsamen Punkt entspringen. Oder aus solchen, die parallel zueinander verlaufen. Selbst fächerartig angeordnete Linien können sehr wirksam sein, wenn ihre Winkel ein regelmäßiges Muster erkennen lassen. Besonders spannend sind auch solche Muster, deren Regelmäßigkeit durch eine Ausnahme unterbrochen wird.

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Diese Treppe im Gegenlicht bilden ein Linienmuster, das nur durch den Schatten eines Menschen unterbrochen wird.


 
Die Linienschar einer Blattstruktur läuft in einem Punkt zusammen, der vom Betrachter immer wieder fixiert wird. Die Linien bilden sozusagen „Wegweiser fürs Auge“.

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Diese Treppe bildet eine absteigend orientierte Linienschar, denn sie verläuft von links oben nach rechts unten. Dass die Treppe „nach unten führt“, unterstreichen auch die beiden Menschen, die sie genau in dieser Richtung benutzen.

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Auf- und absteigende Linien wechseln sich auf diesem Foto ab. Um ein Linien-Chaos zu vermeiden, laufen einige der Linien streng parallel zu den Bildkanten.

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Wer Linien liebt, braucht als „Hauptmotiv“ nichts anderes als eine Linie oder – wie in diesem Fall – eine Linienschar. Die schräg gehaltene Kamera führte zum diagonalen Verlauf der Linien, deren regelmäßiges Muster durch eine Ausnahme unterbrochen wird. Das sorgt für etwas Spannung. Wenn grafische Elemente wie Linien ein Bild bestimmen, bietet sich die Schwarz-Weiß-Fotografie an, damit Farben die Bildidee nicht verwässern.

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Auf diesem Foto führen zahlreiche Linien den Blick immer wieder zurück zum Hauptmotiv. Neben den meisten Kondensstreifen sind es die Horizontlinie und der dunkler abgesetzte Weg.

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Linien verbessern durch Bildbearbeitung

Nicht immer gelingt es, durch die Wahl einer geeigneten Perspektive die Linienführung zu optimieren. Dann bleibt als letzter Ausweg nur die Korrektur durch Bildbearbeitung. Dabei geht es keineswegs nur darum, die „stürzenden Linien“ auszugleichen, die beim Kippen einer Kamera entstehen, wenn Gebäude mit einem Weitwinkelobjektiv aufgenommen werden. Vielmehr kann durch bildverzerrende Bearbeitungsmethoden in vielfacher Hinsicht die Linienführung verbessert werden. Dabei ist stets zu prüfen, ob die Verzerrungen anderweitige Effekte nach sich ziehen, die unerwünscht oder bei strengen Architekturaufnahmen gar unzulässig sind.

Betrachten wir uns als Beispiel die folgende Aufnahme, die von einem leicht erhöhten Standpunkt aus fotografiert worden ist. Daher laufen die Gebäudekanten (bzw. die Linie des Fallrohrs) und die Fensterlinien nach unten leicht zusammen. Das und die Tatsache, dass das aufgenommene Eckgebäude keinen rechten Winkel bildet, führen dazu, dass auf der Aufnahme keine der Linien parallel zum Bildrand, viele jedoch fast parallel dazu verlaufen:

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Weil keine der Linien parallel zu den Bildrändern verläuft, muss durch Bildverarbeitung das Ziel erreicht werden.


 
Die Datei wird in Adobe Photoshop geöffnet, das Dateifenster auf das Maximum vergrößert und das Bild so weit verkleinert, bis um das Bild herum die graue Umgebung der Arbeitsfläche zu sehen ist. Dann wird das Bild vollständig ausgewählt (Befehl Auswahl>Alles auswählen, Tastenschlüssel Strg+A) und das Verschieben-Werkzeug benutzt (Tastenschlüssel V). Falls nicht bereits geschehen, wird in der Eigenschaftenleiste unterhalb der Menüleiste die Option Transformationssteuerung angehakt.

Spätestens jetzt werden um das Bild herum acht kleine Quadrate („Anfasser“) sichtbar. Wenn du mit der Maus einen der Anfasser an den Bildecken verschiebst, während du die Strg-Taste gedrückt hältst, gelingt es dir, nur dieses eine Eck des Bildes zu verschieben und damit Verzerrungen hervorzurufen. Etwas außerhalb der Eckpunkte mutiert der Mauszeiger zu einem gebogenen Doppelpfeil, mit dem das Bild interaktiv gedreht werden kann. Probiere auch aus, was passiert, wenn du die folgenden Tasten gedrückt hältst:

Alt-Taste
Strg+Alt-Tasten
Umschalt-Taste
Umschalt+Alt-Tasten
Umschalt+Strg+Alt-Tasten

Die erwähnten Tastenkombinationen können in beliebiger Reihenfolge abgewechselt und nacheinander angewandt werden, wobei zwischendurch sogar in das Bild hineingezoomt werden kann, um besonders präzise zu arbeiten. Nachdem das gewünschte Ergebnis erreicht ist, drückt man die Eingabetaste (Enter), um die Transformation zu bestätigen. Erst dann berechnet Photoshop das Bild tatsächlich neu in voller Auflösung.

 
Das erwähnte Bild wurde durch das „Ziehen“ an drei Ecken mit gedrückter Strg-Taste massiv verzerrt:

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Dateifenster aus Photoshop: Die blauen Pfeile zeigen die vorgenommene Verzerrung von drei Bildecken. Der rote Pfeil weist auf die Ecke hin, die gerade in Bearbeitung ist und bei gedrückter Strg-Taste einzeln verschoben wird.


 
Nach dem Eingriff sind zumindest die senkrechten Linien auch wirklich senkrecht und verlaufen parallel zu den Bildrändern. Außerdem wurde eine Linie zu einem Eckläufer, der in die rechte obere Ecke mündet. Dadurch ergibt sich ein insgesamt deutlich beruhigter und in sich schlüssiger Bildaufbau:

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Das korrigierte Foto weist zumindest einige streng senkrecht stehende Linien auf und kann daher gegenüber dem Original punkten. Als Tüpfelchen auf dem i läuft eine Gebäudekante direkt in das rechte, obere Eck.

Tipp: Nachdem eine Transformation mit Enter bestätigt wurde, sollte keine weitere Transformation mehr erfolgen, weil bei jeder Transformation mit geringfügigen Qualitätsverlusten zu rechnen ist. Hat die erste Transformation nicht das erhoffte Ergebnis gebracht, ist sie rückgängig zu machen und ein erneuter Versuch zu starten.


 

Weitere Beispiele

Dieses Foto profitiert von der s-förmigen Form des Tisches, der das Auge gerne und mit Genuss folgt.

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Hier weist eine prominente, aufsteigende Gerade in Form der Straße zum Hauptmotiv, dem Baum. Auch die Horizontlinie führt das Auge dorthin zurück.

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Eine Schar von Diagonalen steht exakt senkrechten Linien aufstrebend gegenüber, was eine insgesamt eher strenge Bildkomposition ergibt.

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Motive für Fotos, die ihre Wirkung aus Linien beziehen, liegen buchstäblich auf der Straße. Die schräg gehaltene Kamera verbesserte die Linienführung dieser Aufnahme entscheidend.

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Gerade und gebogene Linien wechseln einander in dieser Aufnahme fast spielerisch ab.

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Übung

1. Fotografiere eine Treppe, Rolltreppe oder eine Straße mit Steigung/Gefälle von der Seite, sodass eine Diagonale entsteht. Betrachte das Original und eine horizontal gespiegelte Variante (Photoshop-Befehl Bild>Bilddrehung>Arbeitsfläche horizontal spiegeln) und versuche, die Wirkung einer aufsteigenden und einer absteigenden Linie nachzuvollziehen. Bei welcher Aufnahme geht „die Treppe/Straße nach oben“, bei welcher „die Treppe/Straße hinab“? Frage ruhig auch andere Personen nach deren Empfindung in dieser Sache.

2. Suche ein Gebäude mit waagrechten und senkrechten Kanten als Motiv. Fotografiere es aber aus einer Perspektive mit gedrehter Kamera, sodass „aufsteigende Linien“ (von links unten nach rechts oben) entstehen, um die Bildwirkung zu steigern.

3. Fotografiere die Ecke eines Zimmers, wo zwei rechtwinklig aneinandergrenzende Wände und die Decke so im Bild angeordnet werden, dass keine der drei Linien parallel zu den Bildrändern verläuft, sondern deutliche Diagonalen bilden. Außerdem sollten die drei entstehenden Flächen unterschiedlich groß sein. Idealerweise bilden zwei der drei Linien „Eckläufer“:

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In dieser Weise ist die Ecke eines Raums zu fotografieren, wobei die beiden roten Pfeile auf die Eckläufer hinweisen, bei denen Linien direkt in eine der Bildecken laufen.

 
Ignoriere eine eventuell vorhandene, gleiche Helligkeit von Wänden und Decke sowie das Muster einer Tapete, sondern konzentriere dich ausschließlich auf den Linienverlauf. Eine sorgfältige Wahl des Bildausschnitts durch Kamerabewegungen und -drehungen ist notwendig, um diese Übung zu meistern.

4. Verwende ein rundes, zweidimensionales Objekt als Motiv, beispielsweise einen Kanaldeckel oder einen runden Tisch. Versuche, einen Ausschnitt des Kreises aufzunehmen und die folgende Linienführung durch die Wahl der richtigen Perspektive, des richtigen Bildausschnitts und durch Drehen der Kamera zu erzielen:

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Dieser Kurvenverlauf ist zu erreichen, wobei die Linie in einem Eck münden soll.


Die Linie soll schwungvoll durch das Bildfeld laufen und es harmonisch aufteilen. Wichtig ist der „Eckläufer“, d. h., die Linie sollte genau in einem Eck münden. Achtung: Diese Übung ist nicht so trivial, wie man vielleicht annehmen würde.

Weiter geht es mit Teil 9: „Mut für Experimente zeigen“

Kommentare
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Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 05.01.2015 - 18:10

Super interessantes Tutorial, danke vielmals.

Portrait von Tilli88
  • 11.12.2014 - 10:37

Gutes Tutorial, aber für mich nicht neu.

Portrait von Figib
  • 30.12.2013 - 08:29

Vielen Dank für das Tutorial!

Portrait von Sir Jeffrey
  • 23.06.2013 - 08:41

Wieder top erklärt, herzlichen Dank.

Portrait von hansi4711
  • 12.03.2013 - 19:18

Anschaulich erklärt, vor allem das Wahrnehmen von Linien und die Überlistungstricks.

Portrait von gulag
  • 11.03.2013 - 21:17

Ich glaube das haben schon die ersten großen Künstler in den Arbeiten beachtet!

Portrait von robert3
  • 20.02.2013 - 19:01

Gefällt mir wieder sehr gut.

Portrait von beyou
  • 05.02.2013 - 11:50

top! gutes tutorial!

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 31.10.2012 - 16:14

wie immer sehr hilfreich!

Portrait von spuellana
  • 27.10.2012 - 17:00

danke für das hilfreiche tutorial ;)

Portrait von stefan_seip
  • 03.09.2012 - 12:03

@masicla51: Völlig korrekt - nichts sollte 'übertrieben' werden. In dieser Tutorialserie jedoch geht es um konkrete Hinweise, wie die eigenen Photos besser werden können. Und da darf der 'Eckläufer' als Empfehlung nicht ausgelassen werden.

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 02.09.2012 - 18:44

Hallo,
ich bin zum ersten Mal hier. Das Tutorial ist sehr gut gemacht. Zum Thema "Eckläufer" bin ich allerdings der Meinung, dass diese nicht übertrieben werden sollten. Ich kenne Fotografen, für die jedes Bild mit Linien, die nicht zu Eckläufern werden, ein schlechtes Bild ist. Deren Galerien wirken m. E. statisch und unlebendig.
Gruß
masicla51

Portrait von yorker976
  • 03.07.2012 - 10:32

Danke für diese Serien! Erst lesen, dann ausprobieren, dann über das Ergebnis sich freuen. Das passt. Danke!

Portrait von Gismo77
  • 20.06.2012 - 19:36

Danke für das Tutorial, echt klasse

Portrait von Arcangelo
  • 20.06.2012 - 11:10

Das war sehr interessant und hilfreich.

Portrait von Denna
  • 26.05.2012 - 07:37

Vielen Dank für das Tutorial.

Portrait von nathanmd
  • 11.05.2012 - 10:55

Vielen Dank, es hilft doch sich hier und da die Augen öffnen zu lassen! ;D

Portrait von Septaros
  • 30.04.2012 - 10:21

Obwohl ich nicht so viel mit der Photografie zu tun hab (komm aus dem 3D-Bereich), find ich das sehr interessant. Auch in 3D-Programmen hat man seine Kamera, und die will ja auch ausgerichtet werden ;)

Vielen Dank für den schönen Blick über den Tellerrand

Portrait von Dascha_75
  • 13.03.2012 - 17:18

Tutorial gelesen, anschließend spazieren gegangen und überall Linien gesehen. ;-)
Die Übungen werde ich auf jeden Fall ausprobieren, vielen Dank für das inspirierende Tutorial!

Viele Grüße

Portrait von Raimund
  • 11.02.2012 - 22:18

Danke für dieses sehr gute und anregende Tutorial. Es hat mir wertvolle Impulse gegeben.

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