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Tutorialbeschreibung

Teil 15: Auch die Hintergrundfigur beachten

Teil 15: Auch die Hintergrundfigur beachten

Unter einer Hintergrundfigur werden jene Bereiche verstanden, die auf diesen beiden Fotos rot eingefärbt sind. Auf dem oberen besteht die Hintergrundfigur aus zwei Teilflächen, auf dem unteren aus nur einer Teilfläche – ein Unterschied, der die Bildwirkung beeinflussen kann.

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BITTE NICHT

Nur die „Figur“ beachten.

Die menschliche visuelle Wahrnehmung basiert auf einer Reihe von „Funktionen“, die von der „Wahrnehmungspsychologie“ untersucht werden. Die Rede ist von Mechanismen, die keineswegs eine „objektive“ und „wertungsfreie“ Erfassung der Umwelt zum Ziel haben, sondern im Gegenteil eine Interpretation und eine Beurteilung des Gesehenen bedeuten.

Man könnte auch sagen, dass eine Art von „Bildverarbeitung“ stattfindet, noch bevor die erfassten Sinneseindrücke von uns bewusst wahrgenommen werden. Der Zweck davon liegt auf der Hand: Durch die Vorverarbeitung findet eine „Datenreduktion“ durch „Selektion“ bzw. „Deutung“ statt, die uns Menschen enorm hilft, das Gesehene sehr schnell verarbeiten zu können. Und Schnelligkeit ist Trumpf: früher bei der Flucht vor dem Säbelzahntiger, heute zum Beispiel beim Steuern von Fahrzeugen.

Die Trennung einer „Figur“ vor ihrem Hintergrund spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle. Damit gemeint ist, dass die Wahrnehmung stets bemüht ist, ein wichtiges „Subjekt“ zu detektieren und von einem vermeintlich unwichtigeren Hintergrund zu separieren. Dass diese Art der Wahrnehmung zwingend ist, beweist die folgende Abbildung.

 
Zwei Gesichter. Oder eine Blumenvase.

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Entweder sieht man die Profile zweier dunkler Gesichter vor einem hellen Hintergrund oder eine helle Blumenvase vor einem dunklen Hintergrund. Mit etwas Übung lassen sich beide Sichtweisen sogar willentlich umschalten. Niemals jedoch wird es gelingen, Gesichter und Vase gleichzeitig wahrzunehmen!

Damit wird klar, mit welcher Vehemenz und Konsequenz die Differenzierung von Figur und Hintergrund betrieben wird. Der nicht fotografierende Mensch begnügt sich damit, seine volle Aufmerksamkeit der „Figur“ zu widmen, während dem Hintergrund eine vergleichsweise geringe oder gar keine Bedeutung beigemessen wird. Tut der Fotograf das Gleiche, vernachlässigt er eine wichtige Sache, nämlich die Hintergrundfigur. Sie trägt zu Wohl und Wehe eines Fotos bei und darf aus diesem Grund nicht missachtet werden.


 

BESSER MACHEN

Auch die „Hintergrundfigur“ im Auge behalten.

Um sich die Hintergrundfigur besser vorstellen zu können, betreiben wir folgendes Gedankenexperiment: Man nehme ein ausgedrucktes Foto im Format DIN A4 und schneide mit einer Schere die „Figur“, also das „Hauptmotiv“, aus. Das, was übrig bleibt, ist die Hintergrundfigur!

Auf der originalen Aufnahme kann als „Figur“ das Mähnenschaf leicht identifiziert werden. Schneidet man die Figur aus, …

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… bleibt die Hintergrundfigur übrig, hier rot eingefärbt. Wer genau hinschaut, stellt fest, dass es drei voneinander getrennte Teilflächen gibt. Eine Verbesserung der Hintergrundfigur dieser Aufnahme findest du weiter unten.

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Nun geht es in diesem Tutorial nicht darum, WAS auf dieser Hintergrundfigur WIE abgebildet ist. Darüber wurde in anderen Folgen bereits berichtet, etwa der Folge #7 („Nicht mit zu großer Schärfentiefe arbeiten“) und #4 („Farben bewusst einsetzen“). Stattdessen soll beurteilt werden, welche Form die Hintergrundfigur hat und aus wie vielen Teilflächen sie besteht.


1. Auf Differenzierung in Figur und Hintergrundfigur achten

Zuallererst geht es darum, auf Fotos den Betrachtern die grundsätzliche Unterscheidung in Figur und Hintergrundfigur zu erleichtern. Gelingt das, kommt man dadurch den angeborenen „Sehgewohnheiten“ entgegen, was von den Betrachtern (in den meisten Fällen sicherlich unbewusst) honoriert wird. Honoriert in der Form, dass das Foto bei der Klassifizierung in „gut“ und „schlecht“ einen Pluspunkt einheimst.

In diesem Negativbeispiel ist es erst nach relativ langer Betrachtungszeit möglich, optisch die Figur vom Hintergrund zu trennen. Diese Tatsache trägt ganz wesentlich dazu bei, dass dieses Foto von einer Mehrheit der Betrachter als nicht attraktiv empfunden wird!

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Welcher Gegensatz zum Bild vom „Pferd ohne Kopf“: Hier ist das Hauptmotiv, die „Figur“, nämlich das helle Haus, klar von der Hintergrundfigur des dunklen Himmels trennbar. Der Durchblick innerhalb der Architektur führt zur Aufgliederung der Hintergrundfigur in zwei Teilflächen.

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Um die Figur von der Hintergrundfigur zu separieren, muss ein Unterschied in mindestens einem der folgenden Punkte bestehen:

• Helligkeit
• Farbe
• Struktur

Bei Schwarz-Weiß-Fotos scheidet die Farbe als Differenzierungsmerkmal aus, was eine besondere Sorgfalt bei der Motivwahl erfordert, weil der Kamerasucher in aller Regel ein farbiges Bild zeigt. Nur Erfahrung und Vorstellungsvermögen können dabei helfen, das monochrome Resultat zu erahnen. Genau das ist einer der Punkte, warum die Schwarz-Weiß-Fotografie als eher schwieriges und anspruchsvolles Genre gilt.


 

2. Winzige Hintergrundfiguren - besonders in den Bildecken - vermeiden

Durch die Konzentration des Fotografen auf das Hauptmotiv wird nicht selten übersehen, dass in einer oder auch mehreren Bildecken winzige Flächen der Hintergrundfigur sichtbar werden. Zum Teil können dafür auch die Sucher der Kameras verantwortlich gemacht werden, die nicht den gesamten Bildausschnitt zeigen, sondern messbar weniger.

Wer in der Bedienungsanleitung seiner Spiegelreflexkamera liest, der Sucher zeige 95 Prozent des Bildes, vermutet keine nennenswerten Konsequenzen. Doch das folgende Beispiel zeigt, was diese Zahl in der Praxis bedeutet:

Dieser Sucher zeigt nur 95 Prozent des späteren Fotos. Das erschwert die präzise Bildgestaltung, wenn Hintergrundfiguren ungewollt erfasst werden.

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Am unteren Bildrand im Bereich des Fensters mit dem roten Rahmen wird deutlich, welche Bildbereiche im Sucher unsichtbar waren.

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Aus gleichem Grund blieb im Sucher auch eine winzige Hintergrundfigur in der linken oberen Bildecke – ein Stück des blauen Himmels – während der Aufnahme verborgen. Auf dem späteren Bild stört diese Hintergrundfigur durchaus: Der Blick des Betrachters wandert fast magisch immer wieder dorthin und wird leicht aus dem Bild „herausgeführt“ – keine guten Voraussetzungen, wenn ein Foto beim Betrachter punkten soll!

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Nach der Erkennung dieses Mankos folgt die Beseitigung. Viele solcher unerwünschten Mini-Hintergrundfiguren in den Ecken können durch Bilddrehung und/oder Bildbeschnitt leicht und schnell eliminiert werden. Die dazu notwendigen Schritte mit der Software Adobe Photoshop sind in der Folge #11 dieser Tutorialserie („Nicht auf Bildbearbeitung verzichten“) ausführlich beschrieben.

An dieser Stelle möchte ich einen weiteren Weg aufzeigen, der sich besonders in den Fällen anbietet, in denen durch Drehung oder Beschnitt große Teile des Hauptmotivs geopfert werden müssten. Was ich meine, ist die Verzerrung des Bildes:

Im ersten Schritt vergrößerst du das Dateifenster in Photoshop und wählst danach für die Darstellung des Bildes eine relativ kleine Zoom-Stufe, sodass um das Bild herum große Teile des grau eingefärbten Umfeldes sichtbar werden:

Dateifenster in Adobe Photoshop: Das Bild wurde so stark ausgezoomt (Tastenschlüssel Strg+Minus), dass zwischen Bild und Dateifenster Raum bleibt (rote Pfeile).

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Im nächsten Schritt wird das gesamte Bild ausgewählt:

Auswahl des gesamten Bildes durch den Befehl Auswahl>Alles auswählen (Tastenschlüssel Strg+A).

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Nun wird das Verschieben-Werkzeug ausgewählt:

Nach der Wahl des Verschieben-Werkzeugs (Tastenschlüssel V, roter Pfeil links) ist darauf zu achten, dass die Option Transformationssteuerungen ausgewählt ist (roter Pfeil rechts).

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Jetzt erscheinen um das Bild herum angeordnet insgesamt acht kleine Quadrate, jeweils eins in den Ecken und in der Mitte der Bildkanten.

Im vorliegenden Fall ist es die linke obere Ecke des Bildes, die zu verschieben ist:

Während die Taste Strg gedrückt bleibt, wird das Quadrat an der linken oberen Bildecke mit der Maus so weit nach links und oben gezogen, bis der unerwünschte Teil des Himmels verschwunden ist. Danach wird die Aktion mit der Taste Enter abgeschlossen.

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Zugegebenermaßen bewirkt diese Bildbearbeitungsmethode eine perspektivische Verzerrung der Aufnahme, die jedoch in vielen Fällen hinnehmbar ist. Gleichzeitig lässt sich das Problem der unerwünschten Hintergrundfigur auf diese Weise lösen, wobei möglichst wenig des Hauptmotivs verloren geht.

Fertiges Foto nach der erwähnten Bearbeitungsmethode.

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3. Zergliederte Hintergrundfiguren meiden

In vielen Fällen problematisch sind Hintergrundfiguren, die stark zerklüftet und zergliedert sind oder bei denen die Trennung zwischen Figur und Hintergrundfigur nicht eindeutig ist.

Eigentlich ist die Statue die „Figur“. Doch hinsichtlich der Helligkeit unterscheiden sich die Bäume – Teil der Hintergrundfigur! – wenig von der Figur. Leicht wird dadurch nur der Himmel als Hintergrundfigur wahrgenommen, der jedoch sehr komplex gestaltet ist und in zahllose kleinere Flächen zerfällt. Einer der wichtigsten Gründe, dieses Foto als nicht gelungen zu betrachten.

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Um sukzessive Verbesserungen zu erreichen, sollen die folgenden Bilder gezeigt werden:

Durch einen Perspektivenwechsel (siehe #13 dieser Tutorialserie: „Nach ungewöhnlichen Perspektiven suchen“) wurde bewirkt, dass die Hintergrundfigur nicht mehr durch Bäume zerklüftet wird.

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Obwohl durch den Perspektivenwechsel eine enorme Verbesserung erzielt werden konnte, leidet die nun entstandene Hintergrundfigur unter „Platzenge“. Was damit gemeint ist, führt uns zum nächsten Punkt:


 

4. Keine „Platzenge“ entstehen lassen

Platzenge entsteht durch hauchdünne Bereiche, die zwischen Figur und Bildrand liegen. Beim zuletzt gezeigten Bild ist es die linke Bildkante zwischen Engelsflügel und Bildrand sowie oben zwischen der rechten Hand der Statue und dem Bildrand, die den Eindruck einer „beklemmenden Enge“ entstehen lassen. Stelle dir vor, du schneidet aus dem obigen Foto die Statue aus, dann wäre die verbleibende Hintergrundfigur wegen der dünnen Streifen ein extrem „instabiles“, wackeliges Gebilde. Ziel der Bildgestaltung jedoch sollte es sein, stabil wirkende Hintergrundfiguren zu erzeugen.

Ein kleiner Kameraschwenk nach rechts unten genügte, um die Hintergrundfigur zu stabilisieren: einerseits durch den an der linken Seite nun angeschnittenen Flügel, andererseits durch mehr Raum über der rechten Hand der Statue.

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Eine weitere Simplifizierung der Hintergrundfigur ergibt sich, wenn dafür noch mehr Teile des Motivs „geopfert“ werden:

Durch das Weglassen der Engelsflügel und ein leichtes Kippen der Kamera entstand diese Aufnahme, deren Hintergrundfigur gegenüber der letzten Aufnahme eine nochmals vereinfachte und dadurch überzeugendere Wirkung aufweist.

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5. Anzahl der Hintergrund-Teilflächen beachten

Je nach Motiv, Perspektive und Bildausschnitt ergibt sich eine unterschiedliche Anzahl an Teilflächen, in die eine Hintergrundfigur zerfällt. Die Anzahl der Teilflächen ist nicht unwichtig, wobei pauschal nicht gesagt werden kann, ob nun weniger oder mehrere Teilflächen eine bessere Wirkung ergeben – das hängt sehr stark vom Motiv ab. Doch ich würde mich zu der tendenziellen Aussage hinreißen lassen, dass weniger Teilflächen in vielen Fällen besser sind als viele. Zumindest dann, wenn die Zahl der Teilflächen den Wert vier oder fünf überschreitet. Die folgende Bildserie zeigt einige Fälle:

Dem Vorteil dieses Bildes, nur zwei Teilflächen der Hintergrundfigur aufzuweisen, steht der Nachteil der „Platzenge“ über dem Kopf des Gorillas gegenüber (siehe Punkt 4).

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Um das Problem der „Platzenge“ über den Köpfen von Porträtfotos zu lösen, bietet sich als Königsweg der Beschnitt des Kopfes an:

Durch den Beschnitt des Kopfes zerfällt die Hintergrundfigur in drei statt der ursprünglichen zwei Teilflächen. Das Bild gewinnt deutlich, denn der Kopf des Tieres wirkt innerhalb der Bildgrenzen viel „stabiler“, weil er sowohl vom unteren als auch vom oberen Bildrand „fixiert“ ist.

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Nun wurde also das Geheimnis gelüftet, warum bei vielen Porträtaufnahmen das Anschneiden des Kopf-Oberteils eine sinnvolle Angelegenheit ist: Die Hintergrundfigur wird geteilt!

 
Jetzt haben wir eine Hintergrundfigur, die aus drei statt der ursprünglichen zwei Teilflächen besteht. Um diese Zahl wiederum zu reduzieren, müsste ein weiterer Beschnitt des Bildes erfolgen:

Die Reduktion auf zwei Teilbereiche der Hintergrundfigur ergibt eine durchaus überzeugende Bildkomposition. Ein erwünschter Nebeneffekt ist, dass das imposante Gesicht des Menschenaffen größer und damit detaillierter gezeigt werden kann.

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Ein guter Weg, nämlich die Reduktion der Hintergrundfigur auf immer weniger Teile und Teilbereiche, muss auf der Suche nach einer weiteren Steigerung nicht verlassen werden. Versuchen wir eine Reduzierung auf eine einzige Hintergrundfigur:

Die Hintergrundfigur besteht bei dieser Aufnahme nur noch aus einer einzigen Fläche. Im Gegenzug nimmt die Figur einen immer größeren Raum ein, gewinnt dadurch an Bedeutung. Die Intensität des Tierporträts wird weiter gesteigert.

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Eine nochmalige Reduktion der Hintergrundfigur-Teilflächen würde bedeuten, sie ganz zu tilgen: Gesagt, getan:

Nun besteht das ganze Foto aus Figur, eine Hintergrundfigur existiert nicht mehr. Obwohl ich das obige Foto für stärker halte, muss festgehalten werden, dass die völlige Ausschaltung der Hintergrundfigur keine schlechte Idee ist!

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Thematisch Hand in Hand geht dieser Aspekt mit dem Thema „Hauptmotiv nicht zu klein abbilden“, der in #5 dieser Tutorialserie zur Sprache kommt.


 

6. Asymmetrie der Hintergrund-Teilflächen anstreben

Wenn die Hintergrundfigur aus mehr als einer Teilfläche besteht, sollten diese Teilflächen miteinander verglichen werden. Das Ziel sollte sein, dass die Teilflächen unterschiedlich groß sind und dadurch eine Asymmetrie entstehen lassen.

Schauen wir uns zunächst einmal das Foto des Mähnenschafs an, das bereits zu Beginn des Abschnitts „BESSER MACHEN“ gezeigt wurde (siehe oben). Durch leichte Drehung und Beschnitt wurde das folgende Resultat erreicht:

Die Hintergrundfigur ist in drei Teilflächen zerfallen, deren Flächenanteile verschieden sind: Die kleinste Teilfläche ist die über dem Kopf, gefolgt von der Teilfläche rechts neben dem Kopf. Die mit dem größten Flächenanteil ist links unten zu finden.

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„Spannend“ wird die Hintergrundfigur dann, wenn sie – abwechselnd zur Figur – gemäß dem „Wechselbild Gesichter/Blumenvase“, das am Anfang gezeigt wurde, interessante Formen aufweist. Erkennst du in der Hintergrundfigur die zwei sich anlachenden, roten „Pacman-Köpfe“?

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„Sehhilfe“ für alle, die die zwei Pacman-Köpfe nicht erkennen können. ;-)

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Betrachten wir ein weiteres Motiv unter dem Aspekt „Asymmetrie der Hintergrundfigur(en)“:

Das Ausgangsbild zeigt eine ziemlich symmetrische Hintergrundfigur, die nur aus einer einzigen Fläche besteht. Über dem Kopf der Figur ist genügend Platz, sodass die Hintergrundfigur an dieser Stelle keinen dünnen Steg aufweist und dadurch „Stabilität“ gewinnt.

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Wer die Folge #1 dieser Tutorialserie („Das Hauptmotiv nicht mittig anordnen“) liest, wird die darin beschriebene Schwäche dem Bild ankreiden. Die Bildgestaltung wirkt ein wenig langweilig und lieblos. Beobachten wir, was mit der Hintergrundfigur passiert, wenn das Motiv dezentral angeordnet wird:

Durch die außermittige Anordnung des Hauptmotivs, der Figur, nimmt die Hintergrundfigur eine asymmetrische Form an. Gegenüber der ersten Variante ein leichter Gewinn, auch wenn viele Betrachter des Bildes innerlich nach einem Grund für diese Abbildungsweise suchen werden. Dezente Hinweise könnten der leicht nach rechts gerichtete Blick des Mannes sowie die nicht völlig frontale Abbildung des Gesichts liefern.

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Gemäß der Folge #5 dieser Tutorialserie („Hauptmotiv nicht zu klein abbilden“) wagen wir einen engeren Bildausschnitt und behalten die Hintergrundfigur im Auge.

Apropos Auge: Dieser Versuch ging ins Auge! Warum? Weil die beiden großen Flächen der Hintergrundfigur über dem Kopf nur an einem „seidenen Faden“ miteinander verbunden sind. Das wirkt „instabil“ und fragil, sollte daher vermieden werden.

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Entweder sollte über dem Kopf noch genügend Platz gelassen werden, oder er wird rigoros abgeschnitten! Bitte beim Abschneiden nicht zimperlich sein; es darf nicht nach einem versehentlichen Beschnitt aussehen:

 
Nun fehlt ein Stück des Kopfes und siehe da, das Motiv wirkt keineswegs „skalpiert“. Im Gegenteil: Das Gesicht kann ein gutes Stück größer abgebildet werden und erlaubt nun das Erkennen subtiler Gesichtszüge und anderer Details. Was noch wichtiger ist: Die Hintergrundfigur zerfällt in zwei Bereiche, deren Flächenanteile deutlich verschieden sind. Eine überzeugende Bildgestaltung ist das Ergebnis.

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Wie bereits erwähnt, gibt es keinen Grund, einen einmal eingeschlagenen, erfolgreichen Weg nicht fortzusetzen, um zu sehen, was geschieht. In diesem Fall wählen wir einfach einen noch etwas engeren Bildausschnitt:

Einen Versuch war es wert, aber das Ergebnis ist schwächer als das letzte. „Irgendetwas“ auf dem Foto „stört“, lässt es gestalterisch nicht ausgewogen erscheinen. Der Übeltäter ist die Hintergrundfigur! Und zwar die kleine schwarze Fläche links neben dem Kopf.

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Dieses Bild demonstriert die Wichtigkeit der Hintergrundfigur(en) sehr deutlich.

 
Ängstliche Naturen würden jetzt vielleicht aufgeben und wieder zu einem größeren Bildausschnitt zurückkehren. Doch wir wollen einmal mutig sein und die störende, kleine Hintergrundfigur einfach durch einen Kameraschwenk nach rechts eliminieren:

Bingo! Die Reduktion auf eine einzige Hintergrundfläche hat sich bezahlt gemacht. Gegenüber der letzten Aufnahme eine deutliche Verbesserung.

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Lassen wir nun noch die Erkenntnisse der Folge #8 dieser Tutorialserie („Auf Linien achten“) in die Gestaltung einfließen und kippen die Kamera ein wenig, sodass die Symmetrieachse des Gesichts, die eine wichtige „Linie“ bildet, diagonal durch das Bild läuft:

Das Ergebnis ist ein ungewöhnlich gestaltetes Bild, das Anhänger und Kritiker gleichermaßen finden wird. Die Reduktion von zwei auf ein Auge löst nebenbei eine Problematik bei Porträts, nämlich die Gleichwertigkeit der beiden Augen, die den Blick des Betrachters hin- und herspringen lassen.

Hier ist nur ein Auge im Bild und bildet ein einziges optisches Zentrum, angeordnet deutlich abseits der Bildmitte. Die große Hintergrundfigur, die drei Fünftel der Bildfläche ausmacht, wirkt ein bisschen provokant. Dennoch gefällt mir ein solcher Bildaufbau sehr, weil er gestalterisch durchdacht und begründbar ist, sich jedoch vom „Mainstream“ abhebt.

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Beispiele

Viele gelungene Fotos kommen ohne Hintergrundfigur aus.

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Die beiden Himmelsflächen stellen die Hintergrundfigur dar und wirken eher störend …

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… denn tatsächlich gefällt mir auch diese Aufnahme ohne jegliche Hintergrundfigur am besten. Die alte Grundregel, dass die „Fotografie die Kunst des Weglassens“ ist, hat sich erneut bestätigt.

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Welche Form eine Hintergrundfigur annimmt, entscheidet auch die Perspektive. Auf diesem Bild hat der Himmel – die einzige Hintergrundfigur – eine komplexe Form und macht darüber hinaus ziemlich genau die Hälfte der Bildfläche aus. Keine gute Kombination.

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Durch einen Perspektivenwechsel wurde die Hintergrundfigur schöner in ihrer Gestalt. Außerdem beträgt ihr Flächenanteil am Bild nur noch zirka ein Drittel, was der Bildgestaltung zugutekommt.

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Nicht die beiden kleinen Teilflächen der Hintergrundfigur (Himmel) sind hier das Problem, sondern das viel zu eng angeschnittene Gebäude am oberen Bildrand.

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Beim Versuch, die Hintergrundfigur nachträglich zu eliminiere, entstand dieses Bild, auf dem wichtige Merkmale der Architektur verloren gingen. Ein Perspektivenwechsel hätte ein besseres Ergebnis bringen können, alternativ ein großzügigerer Bildausschnitt mit mehr Himmel über dem Gebäude.

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Die beiden Gebäude „berühren“ sich nahe der Bildmitte nicht, d.h., die Hintergrundfigur besteht aus einer einzigen Fläche, die eine „Engstelle“ zeigt. Solche Engstellen sind mit Vorsicht zu genießen, denn oft beeinträchtigen sie die Wirkung eines Bildes.

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Das gleiche Motiv noch einmal, nachdem der Fotograf einen Schritt zur Seite tat: Nun überlappen sich die Gebäude, splitten die Hintergrundfigur in zwei Teilflächen. Die kleinere zeigt pfeilartig auf die Überlappungsstelle der Gebäude, was die Wirkung der Aufnahme gegenüber der vorigen verbessert!

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Eine gelungene Architektur-Aufnahme, zumindest in Bezug auf die Hintergrundfigur. Die Hintergrundfigur ist formschön und wirkt stabil, weil über dem Gebäude genügend Platz zum Bildrand gelassen wurde.

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Deutlich schlechter ist dieses Foto aufgebaut, denn die Gebäudespitze, die den Bildrand fast, aber nicht ganz berührt, tut fast schon „weh“. Würde man das Gebäude aus diesem Foto herausschneiden, bliebe eine extrem labile Hintergrundfigur übrig.

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Dieser Versuch, den oben gemachten Fehler zu vermeiden, scheiterte! Zwar sorgt die abgeschnittene Gebäudespitze nun für „Stabilität“, doch die beiden Teilflächen der Hintergrundfigur haben annähernd den gleichen Flächenanteil. Eine Symmetrie, die negative Einflüsse auf die Bildgestaltung hat.

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Die Teilflächen-Symmetrie der Hintergrundfigur wurde bei diesem Foto vermieden – eine verbesserte Bildgestaltung ist der Lohn dafür.

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Eine bezüglich der Bildgestaltung eher unspannende Aufnahme. Die Hintergrundfigur besteht aus einer einzigen, komplex geformten Fläche.

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Der Versuch, durch Anschnitt die Bildgestaltung zu verbessern, missriet in diesem Beispiel. Nicht nur die nahezu flächengleichen Bereiche der Hintergrundfigur links und rechts oben sind das Problem, sondern vor allem die kleine Teilfläche in der rechten unteren Bildecke.

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Durch einen leichten Kameraschwenk nach links entstand dieses Foto, auf dem die angesprochenen Schwächen beseitigt sind. Hinsichtlich der Bildgestaltung ist es daher stärker als das zuletzt gezeigte.

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Übung

1. Durchforste dein Bildarchiv und suche mindestens drei Fotos heraus, bei denen durch nachträglichen Bildbeschnitt eine Optimierung der Hintergrundfigur(en) möglich ist.

2. Verwende einen Ball als Motiv und als Hintergrund eine einfarbige Fläche. Erstelle fünf verschiedene Aufnahmen von dem Ball, auf denen die Hintergrundfigur aus vier, drei, zwei, einer und keiner Teilfläche(n) besteht.

3. Erstelle mit einem Modell deiner Wahl eine Porträt-Serie und achte dabei auf die Beschaffenheit der Hintergrundfigur. Gerne kannst du die fünf oben gezeigten Gorilla-Fotos mit deinem Modell nachstellen.

 
Diskutiere anschließend gemeinsam mit dem Modell, welches Bild der Serie das beste ist; zunächst ohne Vorgabe von Kriterien, danach unter besonderer Berücksichtigung der Gliederung in Figur und Hintergrundfigur.


Weiter geht es mit Teil 16: „Vorsicht bei Fotos von Klischees“.

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Kommentare
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Portrait von Tilli88
  • 18.12.2014 - 11:03

Die Aufteilung bzw. die Wichtigkeit der Hintergrundfigur war mir nie wirklich bewußt! Klasse, Danke für das Tutorial!

Portrait von Figib
  • 29.01.2014 - 22:41

Vielen Dank für das Tutorial!

Portrait von ctomek
  • 05.01.2014 - 11:06

Danke für das sehr gute Tutorial. Hab bis jetzt nicht wirklich bewusst auf die Hintergrundfiguren geachtet.

Portrait von firsthippi
  • 11.09.2013 - 08:49

Vom Knipser bis hierher ist es ein weiter Weg, aber Dank der hilfreichen Tutorials entfernt man sich immer mehr vom Knipser.

Portrait von Sir Jeffrey
  • 27.06.2013 - 13:02

Diese Betrachtungsweise war mir neu und habe da wenn überhaupt nur unbewusst drauf geachtet. Mal mein Archiv diesbezüglich durchforsten.
Herzlichen Dank für das tolle Tutorial.

Portrait von robert3
  • 20.02.2013 - 18:34

Super!!!
Wirklich sehr hilfhreich und informativ.

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 21.08.2012 - 14:06

Sehr informativ, Bilder zu knipsen oder sie zu komponieren sind eben doch zwei grundlegend verschiedene Dinge.

Portrait von yorker976
  • 03.08.2012 - 09:01

Danke für die umfangreichen Erklärungen. Weiter so.

Portrait von FireRoy
  • 15.07.2012 - 14:01

Schon wieder ein super Tutorial dieser Reihe. Danke

Portrait von gerika
  • 28.06.2012 - 01:00

Vielen Dank für das sehr gute und interessante Tutorial.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr ich zu den Nicht-Sehenden gehöre (im fotografischen Sinn). Ich SEHE, es gibt noch viel zu entdecken.

Zum Kippbild: Gesichter Vase
Ich kann beide Motive gleichzeitig sehen, keine Ahnung warum. Vielleicht weil es mir seit Jahrzehten bekannt ist. Kippbilder sind einfach immer wieder spannend und ich habe mich vor langer Zeit intensiv damit beschäftigt.

Im Contest "Metall" habe ich ein Bild eingestellt "Von Angescht zu Angesicht", dort kann man den Effekt auch entdecken. Er scheint sich immer bei gespiegelten Gesichtern zu ergeben und es ergibt mehr oder weniger "schöne" Vasen in Abhängigkeit von Profil und Abstand.

Portrait von hamsibone
  • 22.06.2012 - 21:03

Vieln Dank für das Tutorial

Portrait von Rohini
  • 22.06.2012 - 16:04

Tolles Tutorial über ein Thema über das ich mir noch gar keine Gedanken gemacht habe. Danke für die Anregung - werde ich bei den nächsten Aufnahmen sicher im Hinterkopf behalten.

Portrait von Arcangelo
  • 20.06.2012 - 10:57

Ich liebe dies Webseite.

Portrait von huibuh
  • 19.06.2012 - 21:32

Sehr schönes Tutorial - ich bin gespannt, was noch kommt. Bisher fand ich alle Tutorials dieser Serie ausgesprochen lehrreich. Freue mich schon auf den Urlaub, wenn ich dann mehr Zeit zum Experimentieren habe :)

Portrait von Elchblender
  • 19.06.2012 - 15:15

Ich bin immer wieder BEGEISTERT!!!!!!

Vor allem habe ich mich gefreut, dass zwischen den jüngsten Teilen nur ein paar Tage Wartezeit lagen!

Portrait von stefan_seip
  • 19.06.2012 - 13:33

Nachtrag zum Thema 'Gesichter/Vase':

Im Rahmen meiner Recherchen fand ich auf wikipedia.org folgende Aussage:

[Zitat]
Das Pokalprofilmuster zeigt entweder zwei schwarze, sich anschauende Gesichter oder einen Pokal (jeweils im Profil). Dieses Beispiel wird dem dänischen Psychologen Edgar J. Rubin (1886–1951) zugeschrieben.
[Zitat Ende]

Und schaut Euch das hier an, toll:
http://www.wissenschaft-shop.de/Ideen-zum-Staunen/Rubinsche-Vase-Kippbild-Wechselbild.html

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 19.06.2012 - 13:03

Wow, besten dank für dieses gut ausgearbeitete Tutorial.
Ich finde es nur ein wenig Schade das Rolf W. Sonntag das hier versucht schlecht zu schreiben.
Cheers
York

Portrait von MIB101
  • 19.06.2012 - 10:20

Sehr gutes Tutorial! Werde ich beim nächsten Mal definitiv beachten! Danke!

Portrait von Hanno_Hauser
  • 19.06.2012 - 07:18

Hi,
danke für diese interessanten Infos.
LG

Portrait von berndschwartz
  • 18.06.2012 - 22:08

Suuuuper....man kann doch immer noch viel lernen...herzlichen Dank dafür

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