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Tutorialbeschreibung

Basiswissen - Teil 09: Falsche Farben richtig aufnehmen

Basiswissen - Teil 09: Falsche Farben richtig aufnehmen

In einer 18-teiligen Tutorialreihe erfahren Sie alles Grundlegende zur digitalen Fotografie. Welche Kameras gibt es, was zeichnet ein gutes Objektiv aus, wie geht man mit digitalen Daten um, wie nutzt man die vielen Einstellmöglichkeiten einer Digitalkamera usw.

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Falsche Farben richtig aufnehmen: Der Weißabgleich ist eine feine Sache

Bei einem typischen Urlaubsmotiv sollte man meinen, dass die Kamera den Weißabgleich gut hinbekommt. Leider ist das Bild hier etwas zu kühl geraten und hat einen leichten Magentastich.

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Fotografen müssen in der Lage sein, Farben möglichst exakt aufzunehmen. Natürlich kann man die Farben eines Motivs ignorieren bzw. einfach kreativ drauflosfotografieren – soll es aber mal um eine bestimmte Farbstimmung im Bild gehen und man hat keine Ahnung, wie man die Farben am besten fotografiert, hat man ein Problem. Denn eine digitale Kamera ist prinzipiell ziemlich doof.

Sie ist im Grunde einfach ein Bildermachcomputer, und Computer tun eben nur das, was man ihnen sagt. Manchmal machen sie zwar den Eindruck, intelligent zu sein – siehe Gesichts- oder Lächelerkennung der modernen Geräte –, diese vermeintliche Intelligenz basiert jedoch auf mathematischen Formeln und Wahrscheinlichkeiten.

 
Das heißt konkret in Bezug auf die Farberkennung: Wenn der Weißabgleich einer Digitalkamera im Automatikmodus betrieben wird, wird er die Farben eines Motivs mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz gut rüberbringen. Ein Rest an Unsicherheit bleibt aber, und bei manchen Motiven geht es eben um genau dieses letzte Quäntchen Kontrolle.

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Dass der bewusst eingesetzte Weißabgleich einer Digitalkamera sinnvoll ist, sieht man an diesem Motiv. Einmal wurde mit automatischem Weißabgleich fotografiert, das andere Mal mit der Einstellung für Tageslicht.


 

Früher war alles - schlechter

Wer Erfahrungen in der analogen Fotografie hat, kennt die beschränkte Auswahl an Farbfilmtypen: es gibt eine Klasse für Tageslicht und eine weitere für Kunstlicht. Das war's. Blöd, wenn man bei Neonlicht fotografiert, denn da laufen dann hässliche grüne Farbschlieren durchs Bild. Was tun, dachte sich der Profi damals, und musste sich ein Farbmessgerät und Konversionsfilter (farbige Glasfilter, die vors Objektiv geschraubt werden) kaufen.

Die Praxis des Profis sah dann so aus: Lichtfarbe messen, Film aussuchen (Tages- oder Kunstlicht), den entsprechenden Konversionsfilter aufschrauben, fotografieren. Eine andere Möglichkeit besteht darin, einen eventuellen Farbstich beim Vergrößern in der Dunkelkammer herauszufiltern. Das klingt alles ziemlich aufwendig – und das ist es im Vergleich zur heutigen Technik auch. Ein Glück, dass Digitalkameras von Camcordern den Weißabgleich geerbt haben, der Farben ganz automatisch ausgleicht. Mit ein paar Einschränkungen ...

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Was einen früher mit analogem Filmmaterial an den Rand der Verzweiflung treiben konnte, ist heute eine Frage von ein paar Mausklicks. Der Weißabgleich dieses Fotos (RAW-Aufnahme) lässt sich nachträglich per Bildbearbeitung (hier Adobe Lightroom) schnell anpassen.


 

Grundlagen Weißabgleich und Farben

Ein paar Grundlagen zu Weißabgleich und Farben: Farbe kann man messen. Der Messwert hat die Einheit Kelvin (K). Einfach gesagt: Je höher der Wert, desto höher ist der Blauanteil in der Farbe (kaltes Licht), je niedriger der Wert, desto höher ist der Gelb-/Rotanteil (warmes Licht). Farblich neutral (weiß) ist Licht mit einer Farbtemperatur von ca. 5000 K.

Warum gibt man die Farbe eigentlich in Kelvin, einer Maßeinheit für Temperaturen an? Erhitzt man einen schwarzen Körper (Planckscher Strahler), leuchtet er mit unterschiedlichen Temperaturen in unterschiedlichen Farben. Bei ca. 1500 K würde er z.B. wie Kerzenlicht leuchten.

 
Mehr zu den physikalischen Grundlagen findet man unter www.wikipedia.de unter dem Stichwort Farbtemperatur.

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Monochrome Motive wie diese Blüte sind für die Weißabgleichsautomatik einer Digitalkamera schwierig einzuschätzen. Hier sollte man je nach Licht mit einer der Voreinstellungen arbeiten.


 
Digitalkameras unterscheiden Farbtemperaturen in einem Intervall von ungefähr 2000 K (Kerzenlicht) bis 12.000 K (blaues Tageslicht im Schatten), das heißt, sie können diese Farbtemperaturen mehr oder weniger gut erkennen und die Bilder entsprechend ausgleichen. Ein Beispiel: Fotografiert man im Schein einer Kerze (gelbes Licht) eine weiße Wand und stellt dabei den Weißabgleich an der Kamera auf „Glühlampenlicht“ oder auf 1500 K (geht nur mit hochwertigen Geräten), gleicht die Kamera die Farben im Bild so aus, dass die Wand tatsächlich mehr oder weniger weiß wiedergegeben wird.

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Wenn irgendwo im Bild eine weiße Fläche ist, hat man gute Chancen, dass der automatische Weißabgleich korrekt arbeitet. Hier war keine manuelle Korrektur nötig.


 

Wahrnehmung und Farben

Leider (oder Gott sei Dank) ist die menschliche Wahrnehmung im Bezug auf Farben recht „flexibel“. Steht man bei besagtem Kerzenschein in einem Raum mit weißen Wänden, empfindet man die Wände, obwohl sie messtechnisch gelb erscheinen, trotzdem mehr oder weniger als weiß. Wir haben also so etwas wie einen eingebauten Weißabgleich. Das bedeutet aber, dass man sich nicht auf die eigene Einschätzung verlassen kann, möchte man Farben mit einem Foto exakt reproduzieren.

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Die menschliche Wahrnehmung reagiert empfindlich auf falsche Hauttöne. Die beiden Fotos sind zwar beide in Ordnung, farblich korrekt ist jedoch nur das rechte. Der Hintergrund war neutral grau.


 

Voreinstellungen an der Kamera

Jede Digitalkamera ist ab Werk so konfiguriert, dass der Weißabgleich automatisch vorgenommen wird. Üblicherweise wird der Autoweißabgleich mit AWB (automatic white balance) bezeichnet. Ist man sich nicht sicher, ob der automatische Weißabgleich die gewünschten Ergebnisse bringt oder hat bei einer Testaufnahme schon gesehen, dass die Farben nicht so toll werden, kann man sich, wie oben schon erwähnt,  an den Weißabgleich-Voreinstellungen der Kamera orientieren. Es gibt Voreinstellungen für Glühlampenlicht, Tageslicht, Neonlicht, Schatten, bewölkten Himmel, Blitzlicht usw., die man einstellen kann, wenn man in einer entsprechenden Situation fotografiert. Die Voreinstellungen sind je nach Kamera unterschiedlich, Tageslicht, Schatten, Blitz, Glühlampen und Neonlicht hat aber jede normale Digitalkamera zu bieten.

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Die EOS 1000D von Canon hat sechs Voreinstellungen für den Weißabgleich. Dazu kommt der automatische Weißabgleich AWB und der manuelle (ganz rechts).


 

Mischlicht – vertrackte Sache

Fotografiert man in einer Mischlichtsituation, also z.B. in einem mit Kunstlicht beleuchteten Raum, durch dessen Fenster Tageslicht dringt, steht man vor einem Problem. Der Weißabgleich der Kamera wird je nach Intensität der beiden Lichtfarben die eine oder andere mehr gewichten, was zu Farbstichen führen kann. Im konkreten Beispiel hilft, die Farbtemperatur bzw. den Weißabgleich vorzuwählen, der dem Innenraum entspricht.

Man wählt also an der Kamera die Voreinstellung „Glühlampen“, um die Farben im Innenraum neutral wiederzugeben. Würde man die Einstellung Tageslicht wählen, würde der Raum gelblich-rot gezeigt, weil die Kamera das blaue Tageslicht einfach ausgedrückt mit Gelb ausgleichen würde.

Je nach Mischlichtsituation muss man sich entscheiden, ob man der Kamera mit der Weißabgleichsautomatik die Entscheidung überlässt, oder ob man eine Voreinstellung auswählt, die zumindest dem Großteil des Motivs entspricht. Eine weitere Alternative ist noch der manuelle Weißabgleich, auf den ich weiter unten eingehe.

 
Die beiden Aufnahmen zeigen, wie Mischlicht den automatischen Weißabgleich beeinflussen kann. Der Raum war von ein paar Glühbirnen beleuchtet, durch die Fenster fiel Tageslicht. Das ursprüngliche Foto wurde viel zu rot, konnte aber per Bildbearbeitung ausgeglichen werden. Als Weiß-Referenz diente die Wand im Hintergrund.

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Problem Bilderreihen

Der automatische Weißabgleich ist ja eigentlich eine feine Sache. Immerhin werden die allermeisten Bilder farblich ansprechend wiedergegeben. Problematisch kann die Automatik aber werden, wenn man mehrere Fotos schnell hintereinander anfertigt. Klassisches Beispiel: Panoramen. Wenn man für ein Panorama drei, fünf oder mehr Bilder macht und die Kamera dabei schwenkt, stellt sie für jede Aufnahme einen leicht veränderten Weißabgleich ein. Bei der Montage kann das ziemliche Schwierigkeiten geben, da man die Fotos dann farblich aufeinander abstimmen muss.

Und das die menschliche Wahrnehmung in Bezug auf Farbstich recht empfindlich reagiert, artet so was dann schnell in Sisyphos-Arbeit aus. Also, erst eine geeignete Weißabgleichsvoreinstellung wählen, und dann die Fotos machen.

Ganz nebenbei: Was für Panoramen gilt, gilt natürlich ebenso für Belichtungsreihen, aus denen man HDR-Bilder erstellen möchte. Zwar wirken sich hier kleine Unterschiede in den Farben nicht ganz so gravierend aus, wer auf höchste Qualität Wert legt, verwendet aber auch hier immer den gleichen Weißabgleich.

 
Bei diesem Hochformatpanorama wurde als Weißabgleich die Einstellung „Bewölkter Himmel“ gewählt, um die Farben in den beiden Teilbildern identisch zu bekommen.

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Weißabgleich manuell vornehmen

Will man Farben ganz genau reproduzieren, muss man den Weißabgleich manuell vornehmen. Dazu braucht die Kamera allerdings ein wenig Hilfe in Form einer Fläche, die farblich völlig neutral ist. Das kann eine weiße Fläche, aber auch eine graue sein, die keinen Farbstich enthält. Problem bei weißen Flächen ist, dass die meisten infrage kommenden einfachen Flächen wie Papier, eine Wand oder ein weißes Hemd eben doch einen minimalen Farbstich haben, der dem Auge nicht auffällt. Man muss sich nur mal weißes Papier verschiedener Hersteller und unterschiedlicher Grammatur ansehen und wird im direkten Vergleich das Problem erkennen.

Profis nutzen für den exakten Weißabgleich eine graue oder weiße Referenzkarte (gibt es in DIN A5 oder DIN A4 im Fotofachhandel). Diese Karte wird ins Motiv gehalten und so groß wie möglich abfotografiert. Anschließend wählt man über das entsprechende Menü der Kamera den manuellen Weißabgleich aus und stellt als Referenz das eben gemachte Foto von der Graukarte ein.

Wichtig: Ändert sich die Lichtsituation, muss man die Graukarte neu fotografieren. Bei einem Livekonzert mit farbiger Lightshow hat ein manueller Weißabgleich also keinen Sinn. Hier sollte man sich auf die Automatik verlassen.

 
Hier sieht man die Displayanzeige einer EOS 1000D. Zunächst wird über das Weißabgleichsmenü der manuelle Weißabgleich (Custom WB) gewählt, anschließend das zuvor fotografierte Referenzbild mit der weißen Fläche eingestellt.

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Um Farben per Bildbearbeitung ausgleichen zu können, verwenden Profis Farbreferenztafeln mit unterschiedlichen Farbfeldern. Die Messwerte der Farbfelder sind bekannt, wodurch man ein Foto im Nachhinein mit ein wenig Aufwand – und dem entsprechenden Programm – anpassen kann.

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Kreativ mit dem Weißabgleich umgehen

Wie kann man den Weißabgleich kreativ nutzen? Ganz einfach – man verwendet ihn einfach falsch. Fotografiert man z.B. bei Kerzenschein, der ziemlich warm (rot, gelb) ist, stellt man dazu den Weißabgleich für Tageslicht (kaltes, blaues Licht) ein. Was passiert? Die Kamera gleicht den vermeintlichen Blaustich des Tageslichts aus, indem die Farben nach Gelb/Rot hin verschoben werden. Die Fotos werden also eine extrem warme Lichtstimmung bekommen. Interessanter wird es noch, wenn man draußen farbige Lichtquellen einsetzt und z.B. eine orangefarbene Folie vor das Blitzlicht hält. Steht der Weißabgleich auf Kunstlicht, wird ein Mensch in Reichweite des orangefarbenen Blitzes in Richtung blau korrigiert und damit mehr oder weniger neutral wiedergegeben. Doch die Umgebung hinter dem Menschen wird durch den falschen Weißabgleich sehr blau wiedergegeben.

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Hier sieht man, wie man mit Farbfilter und Weißabgleich experimentieren kann. Der Mann wurde mit einem grünen Spot beleuchtet, der Weißabgleich auf den Raum im Hintergrund abgestimmt. Im zweiten Bild wurde das weiße (grün beleuchtete) Hemd als Referenz für den manuellen Weißabgleich verwendet, wodurch der Rest des Raumes in die Komplementärfarbe Magenta getaucht scheint.


 
Extrem falsch: Der Weißabgleich für Kunstlicht hat bei dieser Tageslichtszene für ein bläuliches Bild gesorgt. Die Farbe wurde noch per Bildbearbeitung verstärkt.

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Kommentare
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Portrait von Nibo
  • 15.07.2013 - 10:20

Wie immer gute T ipps,
Danke!

Portrait von Gladiole
  • 08.06.2013 - 14:06

Viele gute Tipps und viel Anregungen zum Ausprobieren, vielen Dank.

Portrait von MikroMS
  • 06.02.2013 - 11:26

Klasse Tutorial! Werde ich direkt testen...

Portrait von gulag
  • 02.02.2013 - 18:13

Kasse tipps, hat mir gefallen

Portrait von gulag
  • 01.02.2013 - 16:50

das ist auch mal ein so einfacher und dennoch sehr wirklungsvoller trick
kommen echt tolle bilder dabei raus

Portrait von Gismo77
  • 20.06.2012 - 19:38

Vielen Dank für das Tutorial

Portrait von hamsibone
  • 05.08.2011 - 00:05

Vielen Dank für das Tutorial

Portrait von mtepe
  • 24.07.2011 - 23:11

Super Arbeit!
Und weiter geht es mit Teil 10.

Portrait von Elchblender
  • 03.07.2011 - 01:28

Und schon wieder was gelernt.

Folie vor das Blitzlicht.

EINFACH GENIAL!!!

Portrait von Elle_cH
  • 18.05.2011 - 16:43

Das mit der orangenen Folie muss ich unbedingt ausprobieren.

Portrait von paegger
  • 29.04.2011 - 18:55

Vielen Dank für das tolle Tutorial

Portrait von Reich
  • 26.04.2011 - 16:09

Für den Anfänger sehr hilfreich!

Portrait von manu90
  • 08.04.2011 - 14:23

sehr hilfreich danke :)

Portrait von Vrik
  • 11.03.2011 - 04:37

Danke für das Tutorial ! Hat mich einiges gelehrt! Thumbs Up!

Portrait von Elsa_Photography
Portrait von Zenker
  • 16.02.2011 - 23:24

Ich habe wohl auch schon einige "Verbrechen" bzw Fehler begangen, was den Weißabgleich angeht, jedoch mache ich meine Fotos als JPG und als RAW, darum sollte das ja eigenltich wenig problematisch sein, wenn ich richtig liege(auch JPG lassen sich natürlich wie beschrieben nachbearbeiten).
Hat mir die Wichtigkeit nochmal in den Sinn gerufen - vorallem Belichtungsreihen nicht mit AWB zu machen ;) Danke!

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 02.01.2011 - 12:40

Mit Weißabgleich habe ich mich noch nie beschäftigt. Bisher gefielen mir die Farben auf meinen Fotos. Nur die lila Skihose, die ich für eine Auktion fotografiert habe, wird auf den Bildern immer blau. Liegt das am Weißabgleich?

Portrait von Bienchen0907
  • 22.11.2010 - 09:14

danke, sehr verständlich erklärt.

Portrait von ihd
ihd
  • 27.10.2010 - 12:42

es könnte mehr über manuellen weißabgleich stehen

Portrait von ellamuse
  • 28.09.2010 - 17:27

verständlich erklärt, dennoch kein leichtes Thema bei der Umsetzung.

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