Tutorialbeschreibung

Makrofotografie Teil 09: Experimentelle Makrofotografie

Makrofotografie Teil 09: Experimentelle Makrofotografie

Manche Bilder wirken einfach, obwohl man manchmal nicht mal das Motiv erkennen kann. Sie wirken durch Farben und Formen, Licht und Schatten. Die Forderung "irgendwas in einem Bild muss scharf sein" hat spätestens da ein Ende, wo man an technische Grenzen stößt oder wo Unschärfe als Stilmittel eingesetzt wird. Gerade diese außergewöhnlichen Makros sind es, die Grundlage vieler Diskussionen sind. Der eine findet sie grottenschlecht (man kann ja nichts erkennen) der andere ist hellauf begeistert, eben alles eine Frage des Geschmacks. Die Tutorialserie richtet sich an Einsteiger in die Makrofotografie, die einen Überblick über die verfügbaren Techniken erhalten und die Grundlagen der Bildgestaltung in der Makrofotografie erlernen möchten.

... übrigens findest du die komplette Serie hier: Der große Fotografie-Workshop - Schnapp sie dir in unserem Shop oder in der Kreativ-Flatrate!


Was fällt unter den Begriff "experimentelle Makrofotografie"?

Für mich umfasst die experimentelle Makrofotografie alles an Makroaufnahmen, dessen Ziel es nicht zwingend ist, die Natur oder das Motiv so darzustellen, wie es ist, sondern eventuell durch Wahl von Perspektive, Licht und/oder Schärfeverlauf eine andere Sichtweise zu schaffen. Das kann so weit gehen, dass das Motiv als solches völlig in den Hintergrund tritt und nicht mehr erkennbar ist oder dass es eventuell aufgrund des Abbildungsmaßstabes und des fehlenden großen Zusammenhangs nur noch in seiner Form, Farbe oder durch Licht und Schatten wirkt.

Oftmals ist Basis solcher Fotos eine gewollte Unschärfe, ein extremer Schärfeverlauf oder besonders Licht- und Schatten-Kombinationen. Aber es bleibt im Prinzip Ihrer Fantasie überlassen, wie Sie Ihre Makros gestalten. Nur lassen Sie sich nicht von anderen Fotografen davon abhalten, nur weil die vielleicht nicht Ihren Geschmack teilen können. Probieren Sie einfach mal was aus, bspw. durch eine extrem geöffnete Blende.

Das folgende Bild entstand mit einer 25-Dioptrien-Nahlinse an einem 90-mm-Objektiv bei fast offener Blende, sodass sich ein extrem geringer Schärfebereich ergab. Das führt dazu, dass nur die Spinnenbeine, die im Schärfebereich liegen, aus dem gelben Blütenmeer herausragen.

Durch die extrem geringe Schärfentiefe verschwimmen die gelben Blüten zu einer monotonen gelben Fläche, aus der nur die Spinnenbeine ein kurzes Stück hervorragenBilder

Bild 1: Durch die extrem geringe Schärfentiefe verschwimmen die gelben Blüten zu einer monotonen gelben Fläche, aus der nur die Spinnenbeine ein kurzes Stück hervorragen.


 

Notwendige Ausrüstung für extreme Unschärfe

Um solche Makros zu machen, brauchen Sie aber gar nicht viel. Im Prinzip reicht ein lichtstarkes Objektiv (max. Blendenöffnung 2,8 oder größer), das muss nicht mal ein Makro-Objektiv oder eine große Brennweite sein. Dieses kombinieren Sie dann mit einer Nahlinse und schon können Sie damit bei offener Blende (kleinste Blendenzahl) sehr interessante Schärfeverläufe erzeugen.

Hinweis: Bei Kompaktkameras funktioniert das aber nicht ganz so gut. Das liegt daran, dass durch den Verlängerungsfaktor eine Kompakte schon sehr viel Schärfentiefe bei Offenblende hat. Hierzu brauchen Sie dann eine extrem starke Nahlinse und eine große Brennweite, um eine akzeptable Wirkung zu erzielen. Die besten Effekte, was den Schärfeverlauf angeht, erreichen Sie mit einer Vollformatkamera.

Bei dieser Aufnahme kam ein Nikkor 50-mm-Normal-Objektiv mit Blende 1,8 und einer 25-Dioptrien-Nahlinse zum Einsatz. Die Schärfe liegt auf kleinen Bereichen der pinkfarbenen Blattspitzen des Tausendschöns. Der Rest verschwimmt in Unschärfe.Bilder

Bild 2: Bei dieser Aufnahme kam ein Nikkor 50-mm-Normal-Objektiv mit Blende 1,8 und einer 25-Dioptrien-Nahlinse zum Einsatz. Die Schärfe liegt auf kleinen Bereichen der pinkfarbenen Blattspitzen des Tausendschöns. Der Rest verschwimmt in Unschärfe.


 
Bild 3: Hier wurde auf den Stiel mit den Pollen an einem Löwenzahn fokussiert, der als einziges Motiv des Bildes eine gewisse Schärfe hat. Auch hier kam das Nikkor 50-mm-Objektiv mit Blende 1,8 zum Einsatz, diesmal aber mit 32-Dioptrien-Nahlinse.

Hier wurde auf den Stiel mit den Pollen an einem Löwenzahn fokussiert, der als einzige Motiv des Bildes eine gewisse Schärfe hat. Auch hier kam das Nikkor 50-mm-Objektiv mit Blende 1,8 zum Einsatz diesmal aber mit 32-Dioptrien-Nahlinse.Bilder



 
Hinweis: Bei so extrem starken Nahlinsen und gleichzeitig offener Blende ist die Abbildungsleistung bei den meisten Objektiven nicht sonderlich gut. Sie können damit auch in den scharfen Bereichen also nicht mit extremer Schärfe rechnen.

Auch bei Tropfen, die in extrem großem Abbildungsmaßstab abgebildet werden und zusätzlich mit einem Blitz von seitlich hinten gut beleuchtet werden, wirkt sich Unschärfe sehr schön aus. Nicht nur die Konturen werden verwischt dargestellt, vor allem aber die Lichtreflexe wirken extrem interessant.

Hier ist das Motiv schon so extrem unscharf, dass es kaum noch zu erkennen ist. Es handelt sich um Klebetropfen eines Sonnentaublattes, die mit 180mm Brennweite und einer 32-Dioptrien-Nahlinse bei Blende 13 aufgenommen wurden. Bei dieser Kombination ist Blende 13 (effektiv) schon fast mit Offenblende gleichzusetzen, denn ein Maximum an Schärfe erreicht Blende 81.Bilder

Bild 4: Hier ist das Motiv schon so extrem unscharf, dass es kaum noch zu erkennen ist. Es handelt sich um Klebetropfen eines Sonnentaublattes, die mit 180mm Brennweite und einer 32-Dioptrien-Nahlinse bei Blende 13 aufgenommen wurden. Bei dieser Kombination ist Blende 13 (effektiv) schon fast mit Offenblende gleichzusetzen, denn ein Maximum an Schärfe erreicht Blende 81.


 

Farben und Formen herausstellen

Manche Motive wirken einfach durch ihre Farben und Formen, und dazu müssen Sie die natürlich betonen. Das geht einerseits durch entsprechende Schärfeverläufe, aber auch durch Bildausschnitte und Beleuchtung, wie die nächsten Beispiele zeigen.

Normalerweise weisen Tropfen eine Spiegelung auf. Oft ist die auch erwünscht. Aber sie lenkt natürlich auch von den Formen und Farben des Motivs ab, denn der Betrachter konzentriert sich auf die Spiegelung. Daher ist Unschärfe auf den Tropfen ein moderates Mittel, wenn es Ihnen um die runden und weichen Formen geht.

Das Bild entstand mit 32-Dioptrien-Nahlinse an einem 105-mm-Makro-Objektiv mit Blende 6,3.Bilder

Bild 5: Das Bild entstand mit 32-Dioptrien-Nahlinse an einem 105-mm-Makro-Objektiv mit Blende 6,3.


 
Aber auch mit extremer Schärfe können Sie bei entsprechend gewähltem Bildausschnitt die Formen und Farben Ihres Motivs betonen. Wichtig ist dazu dann aber eine durchgängige Schärfe, damit nicht ein Schärfepunkt den Blick des Betrachters auf sich lenkt.

Hierbei handelt es sich um ein Teil eines frisch ausgetriebenen Rosenblattes, aufgenommen mit Balgen und 35-mm-Objektiv in Retrostellung, Beleuchtet mit Ringblitz von der Seite.Bilder

Bild 6: Hierbei handelt es sich um ein Teil eines frisch ausgetriebenen Rosenblattes, aufgenommen mit Balgen und 35-mm-Objektiv in Retrostellung, Beleuchtet mit Ringblitz von der Seite.


 

Doppelbelichtungen

Doppel- und Mehrfachbelichtungen sind ein interessantes Mittel zur kreativen Bildgestaltung. Diese Technik stammt aus der analogen Fotografie, wo ein Bild durch Zurückdrehen des Films in der Kamera auch mehrfach belichtet werden konnte.

Generell gilt dabei, dass natürlich die Belichtungszeit, die für ein normal belichtetes Bild notwendig wäre, durch die Anzahl gewünschter Belichtungen geteilt werden muss. Für eine Doppelbelichtung benötigen Sie also für beide Bilder die Hälfte der normalen Belichtungszeit. Das gilt allerdings nur für analoge Kameras.

Einige Digitalkameras bieten eine eingebaute Funktion, mit der Sie Mehrfachbelichtungen machen können. Die Kamera berechnet dann auch die dazu notwendige Belichtungszeit und montiert nach dem letzten Bild alle einzelnen Bilder zum gewünschten Gesamtbild. Folgendes Beispiel demonstriert dies. Sie sehen daran aber auch, dass sich nicht jedes Motiv wirklich eignet, denn im Ergebnis herrscht eigentlich nur noch Chaos.

Mit der Doppelbelichtungsfunktion der Nikon D300 entstand im Ergebnis das rechte Bild, für das zwei Einzelbilder (links und mittig) gemacht und von der Kamera vereinigt wurden.Bilder

Bild 7: Mit der Doppelbelichtungsfunktion der Nikon D300 entstand im Ergebnis das rechte Bild, für das zwei Einzelbilder (links und mittig) gemacht und von der Kamera vereinigt wurden.


 
Dadurch, dass die meisten Digitalkameras, die Mehrfachbelichtungen unterstützen, die Belichtungswerte automatisch berechnen, entgehen einem allerdings auch viele kreative Möglichkeiten, denn früher, das heißt zu analogen Zeiten, konnte man auch durch die Wahl passender Belichtungszeiten ein bestimmtes Teilbild betonen. Das geht leider nicht mehr, wenn man gezwungen ist, der Kamera die Belichtungssteuerung und Montage der Bilder zu überlassen. Dennoch lassen sich damit sehr gelungene kreative Makros machen.

Dabei sind zwei grundlegende Techniken zu unterscheiden, die Sie aber auch kombinieren können.

• Sie fotografieren mehrfach das gleiche Motiv, entweder an verschiedenen Positionen im Bild, aus verschiedenen Perspektiven oder unscharf und scharf.
• Sie fotografieren ganz verschiedene Motive, die sich dann aber auch farblich oder von der Helligkeit deutlich unterscheiden sollten.

Hier wurde das tränende Herz zuerst komplett unscharf (manueller Fokus, unscharf gestellt) und anschließend scharf fotografiert. Dadurch entsteht dieser weiche, Nebeleffekt, der das Bild so unwirklich, leicht und luftig erscheinen lässt.Bilder

Bild 8: Hier wurde das Tränende Herz zuerst komplett unscharf (manueller Fokus, unscharf gestellt) und anschließend scharf fotografiert. Dadurch entsteht dieser weiche, Nebeleffekt, der das Bild so unwirklich, leicht und luftig erscheinen lässt.


 
Bild 9: Hier wurde im ersten Bild eine Maiglöckchenblüte unscharf und im zweiten ein frischer Austrieb eines Farns scharf fotografiert. Als drittes folgte dann noch ein scharfes Bild der Maiglöckchenblüte. Nachträglich wurde das Bild im Ganzen leicht aufgehellt.

Hier wurde im ersten Bild eine Maiglöckchenblüte unscharf und im zweiten ein frischer Austrieb eines Farns scharf fotografiert. Als drittes folgte dann noch ein scharfes Bild der Maiglöckchenblüte. Nachträglich wurde das Bild im Ganzen leicht aufgehellt.Bilder




Kommentare
Achtung: Du kannst den Inhalt erst nach dem Login kommentieren.
Portrait von Laguna
  • 28.07.2009 - 11:12

kann man machen, muss man aber nich ;)

Portrait von albinorabe
  • 26.07.2009 - 20:08

Leider sprechen mich die abgebildeten Fotos überhaupt nicht an.Ich muß außerdem sagen, daß diese Art von Makros eigentlich nicht die experimentellen sind, sondern eher das was jeder macht wenn er das erste mal in den Makrokosmos eindringt.Experimentell wären für mich Strukturen,welche man mit bloßem Auge eben so nicht sehen kann.Blattstrukturen z.B....dann aber bitte keine Lomografie sondern knackscharf und gutes Licht.

Portrait von two4us
  • 26.07.2009 - 13:50

kann mich ToxicP nur anschließen, in dem was er geschrieben hat, auch mir fehlen hier die WOW-Bilder, sorry, aber bis auf eines wären sie bei mir alle in den Papierkorb gelandet.

Portrait von moika111
  • 24.07.2009 - 00:37

Top Fortsetzung.Weiter so

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 23.07.2009 - 22:57

Die Bilder gefallen mir nur teilweise. Aber immer interessant neue wege auszuprobieren:
Danke

Portrait von Fittich
  • 23.07.2009 - 20:45

Die Idee mit unscharfen und scharf ablichten gefällt mir ganz gut.
Werde ich auch bei gelegenheit testen
Gruß Andy

Portrait von ToxicP
  • 23.07.2009 - 17:47

Es mag der ein oder andere gute Tipp in dem Turorial zu finden sein, allerdings fehlt mir (auch bei deinen vorhergehenden Tutorials) eine meiner Meinung nach sehr wichtige Sache: Gute und beispielhafte Bilder.
Okay, experimentelle Fotografie ist nicht jedermanns Sache, allerdings ist mir das wie gesagt schon bei deinen anderen Tuts aufgefallen.
Manche Bilder sind "ganz nett", aber nur sehr selten ist ein Bild dabei, bei dem ich sagen könnte: "Wow. Der Typ hat`s drauf. Von dem würde ich gerne mehr lernen und Erfahren".
Soetwas habe ich bei anderen Tutorialserien (Astro, Unterwasser,........) eher gedacht.
Schade, daher leider nur 2 Sterne

Portrait von Patme
  • 23.07.2009 - 16:55

Tolle Anregungen. Danke fand viele gute Bilder

Portrait von daniel2015
  • 23.07.2009 - 16:47

cool gemacht!
danke dir

gruss
sasch

Portrait von yankee21
  • 23.07.2009 - 16:39

Da sind 2-3 schöne Bilder dabei - aber vom Hocker kann es einen nicht reißen - trotzdem danke für die Mühe

Portrait von fishi
  • 23.07.2009 - 15:59

Also da bin ich eher weiger Fan von. Hatte mir von dem Beitrag mehr nützliche Tipps zur allgemeinen Macrofotographie erwartet

Portrait von onemillion
  • 23.07.2009 - 12:19

fantastische bilder.

Portrait von thomaskeil
  • 23.07.2009 - 10:59

Sehr schöne Aufnahmen und gut erklärt, allerdings lassen sich einige Effekte (z.B. die unscharfe Überlagerung, viel leichter in der Bildbearbeitung umsetzen, siehe Suchbegriff "Orton-Effekt")

x
×
×