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Tutorialbeschreibung

Panoramafotografie Teil 04 - Die Parallaxe: Leid des Panoramafotografen

Panoramafotografie Teil 04 - Die Parallaxe: Leid des Panoramafotografen

Geisterbilder im Panorama entstehen schnell durch die Missachtung der Parallaxe: Was ist die Parallaxe und wie vermeidet man Parallaxenfehler? Wie wird der No-Parallax-Point (Nodalpunkt) für die eigene Ausrüstung ermittelt? Wie geht man in der Praxis mit Parallaxenfehlern um?

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Panoramafotografie Teil 4: Die Parallaxe: des Menschen Freud, des Panoramafotografen Leid


Ein guter Geist, bekannt als Parallaxe, ermöglicht uns, räumlich zu sehen und Entfernungen abzuschätzen – sehr praktisch! Beachtet man jedoch die Parallaxe in der Panoramafotografie nicht, so hat man es schnell mit bösen Geistern zu tun: Geisterbilder machen unsere Arbeit zunichte.

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Parallaxe

Dieser Begriff meint den Abstand zweier gedachter (optischer) Linien, die auf einen gemeinsamen Punkt ausgerichtet sind wie beispielsweise bei unseren Augen. Der Parallaxeneffekt ist gut sichtbar mithilfe eines kleinen Versuchs: Strecken Sie bitte Ihren Arm mit erhobenem Daumen vor sich aus. Wenn Sie nun abwechselnd jeweils ein Auge schließen, bewegt sich scheinbar der Hintergrund hinter dem Daumen hin und her bzw. der Daumen springt vor dem Hintergrund nach rechts oder links. Die Parallaxe – die scheinbare Verschiebung des Daumens vor dem Hintergrund – ist umso größer, je kürzer der Abstand vom Auge zum Daumen und je größer die Distanz zum Hintergrund. Die Parallaxe ist äußerst praktisch und hilft uns beim Einschätzen von Distanzen; letztlich ist sie die wesentliche Grundlage für das räumliche Sehen und basiert bei der technischen Entfernungsmessung auf einer Winkelmessung zwischen den beiden optischen Linien.

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Wird dieser Parallaxeneffekt bei der Panoramafotografie vernachlässigt, dann verschieben sich beim Schwenken der Kamera – genau wie beim Daumenversuch – die nahen gegen die fernen Objekte in den Bildern mit der Konsequenz, dass sich benachbarte Bilder nicht optimal zur Deckung bringen lassen und damit nicht oder nur mühsam stitchbar sind. Mögliche Fehlstellen sind erfahrungsgemäß Brüche in durchgehenden Linien, Doppelungen oder fehlende Elemente. Wir können diese Fehler vermeiden, wenn wir die Kamera bei den Einzelaufnahmen um das optische Zentrum des Objektivs schwenken. Dieses Zentrum wird in der Panoramafotografie im Englischen sehr treffend als No-Parallax-Point (NPP) bezeichnet; frei übersetzt als „parallaxenfreier Drehpunkt“.

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Häufig wird, obwohl nicht ganz korrekt, vom Nodal Point oder Nodalpunkt gesprochen. Bei den typischerweise in der Panoramafotografie verwendeten Weitwinkelobjektiven liegt der No-Parallax-Point meist in der Nähe der vorderen Linse, also innerhalb des Objektives. Normale Stativköpfe schwenken um das Stativgewinde im Kameraboden, das demzufolge nie der No-Parallax-Point sein kann. Also brauchen wir einen speziellen, auf diese Aufgabe zugeschnittenen Panoramastativkopf, der aber keinerlei Ähnlichkeiten mit den üblichen Panoramaköpfen aufweist und Virtual-Reality- oder VR-Stativkopf genannt wird.

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Die einfachsten VR-Stativköpfe justieren lediglich die Kamera so weit zurück, dass der No-Parallax-Point genau über der Drehachse des Stativs liegt.

Bei einer Nikon D200 mit Nikkor 10.5mm ist die Differenz zwischen Standarddrehpunkt um das Stativgewinde und dem No-Parallax-Point ca. 8 cm!

Hat die verwendete Kamera ein rechteckiges Aufnahmeformat, wird sie normalerweise im Hochformat an den VR-Stativkopf angesetzt. Der größere vertikale Blickwinkel macht die höhere Zahl an Aufnahmen für den (Rundum-) Schwenk mehr als wett. Einen noch größeren vertikalen Blickwinkel erzielt man nur mit aufwendigeren VR-Stativköpfen, die es ermöglichen, die Kamera nicht nur horizontal zu drehen, sondern zusätzlich auch vertikal um den No-Parallax-Point zu kippen: So können mehrreihige (im Englischen Multi-Row-) Panoramen aufgenommen werden, die im Extremfall die komplette Sphäre von 360 x 180 Grad abdecken!

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Ermittlung des No-Parallax-Point

Fakt ist: Jedes Objektiv hat seinen eigenen parallaxenfreien Drehpunkt (No-Parallax-Point). Seine Lage ist in erster Linie von der Objektivbrennweite, der Objektivkonstruktion und der gewählten Aufnahmeentfernung abhängig. Genau um diesen fiktiven Punkt im Objektiv muss die gesamte Kombination aus Kameragehäuse und Objektiv geschwenkt werden. Leider gibt es nicht einmal für die von Profifotografen benutzten Objektive Angaben seitens der Hersteller, an welcher Stelle sich dieser Punkt befindet. Ein Weg, ihn herauszufinden, sind eigene Versuche oder aber unter Angabe von Kameratyp und gewünschtem Objektiv der Kauf eines Spezialpanoramakopfes für genau diese Kombination. Hier hat dann der Panoramakopfhersteller für Sie diese Versuche unternommen.


Vorbereitung

1. Montieren Sie Ihre Kamera mit angesetztem Objektiv auf einen üblichen Kreuzschlitten. Selbstverständlich steht alles auf Ihrem Stativ!
2. Verschieben Sie die Kamera mithilfe des Schlittens seitlich, bis das Objektiv exakt über der Stativdrehachse, also mittig sitzt.
3. Jetzt verschieben Sie die Kamera mithilfe des Schlittens vor und zurück, bis die geschätzte Objektivmitte ebenfalls über der Stativdrehachse sitzt.
4. Jetzt haben Sie den Startpunkt für Ihre Einstellungsversuche erreicht!


Einmessen von Kamera und Objektiv

5. Suchen Sie sich einen Standpunkt, wo Sie zwei scharfkonturige Objekte jeweils nah und weiter entfernt von der Kamera hintereinander durch den Sucher anvisieren können (z. B. eine Stehlampe und einen Fensterrahmen).
6. Stellen Sie gewünschte Blende und Fokus ein, z. B. F8 und die hyperfokale Entfernungseinstellung.
7. Prüfen Sie die Ausrichtung der Kamera mit der Libelle oder einer Wasserwaage.
8. Kamera langsam nach links schwenken und die Position der beiden Objekte zueinander im Sucher beobachten: Bewegt sich das weiter entfernte Objekt scheinbar nach links, liegt der No-Parallax-Point weiter hinten im Objektiv, d.h., die Kamera muss auf dem Schlitten nach vorne bewegt werden. Scheint sich bei diesem Linksschwenk hingegen das hintere Objekt nach rechts zu bewegen, befindet sich die Kamera zu weit vorne und der Schlitten muss zurückjustiert werden.
 
9. Verändern Se jetzt die Positionen der Kamera immer wieder, bis Sie ein zufrieden stellendes Ergebnis erreichen und sich die Objekte beim Schwenk nicht mehr gegeneinander verschieben. Dann ist der No-Parallax-Point für genau diese Kombination aus Kamera und Objektiv gefunden.

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Denken Sie bitte auch daran, dass das kleine Bild im Kamerasucher nur bedingt zur Beurteilung taugt. Machen Sie die Vergleiche auf einem Bildschirm oder verbinden Sie die Kamera direkt mit Ihrem PC, sodass die Aufnahmen unmittelbar nach Auslösung auf dem Bildschirm erscheinen oder gar ein Live-Preview direkt auf dem PC-Bildschirm möglich ist.


 

Praktischer Umgang mit Parallaxefehlern

Der Parallaxenfehler, also die sichtbare Verschiebung zwischen zwei unterschiedlich weit entfernten Objekten, nimmt erstens mit der zunehmenden Entfernung der Objekte vom Aufnahmepunkt ab und zweitens mit dem zunehmenden Abstand der Objekte zueinander zu. Für die Praxis der Panoramafotografie lassen sich grundsätzlich zwei typische Fälle unterscheiden:

Recht problemlos sind Landschaftsaufnahmen mit ihren typischen großen Aufnahmeentfernungen, vor allem wenn keine scharfkantigen Objekte im Vordergrund existieren. Sie leiden nur wenig unter einem Parallaxenfehler, da es zu kaum sichtbaren Verschiebungen zwischen Vorder- und Hintergrund kommt. Mit etwas Überlegung und Übung lassen sich ganz passable Landschafts-Panoramen sogar aus der Hand fotografieren. Bei sichtbaren Fehlern helfen hier häufig die modernen Blending-Algorithmen der Stitching-Software weiter. Damit gilt bei der Aufnahme von Landschafts-Panoramen: Parallaxenfehler können zwar nicht ungeschehen gemacht werden, sind aber zum Teil vertuschbar … Das ist bei Architektur- und Innenaufnahmen mit konturenreichen nahen und fernen Objekten anders.

Eine Parallaxenverschiebung zwischen den Aufnahmen wird oft im Panorama sichtbare Spuren hinterlassen. Hier kommt auch die noch so cleverste Stitching-Software schnell an ihre Grenzen! Fehlervermeidung heißt hier, dass die Kamera sehr genau um den No-Parallax-Point gedreht werden muss. Ein falscher Drehpunkt fällt bei großen Entfernungsdifferenzen besonders ins Auge, wenn ein nahes Objekt im Bereich überlappender Einzelaufnahmen liegt. Also platzieren Sie möglichst die nahen Objekte in der Mitte einer einzelnen Aufnahme, sodass sie sich komplett auf diesem einen Foto befinden und nicht im Überlappungsbereich liegen.


Vorschau

Nachdem in diesem Teil alles um die Theorie der Parallaxe und die Vermeidung von Geisterbildern ging, wird im nächsten Teil der Serie dann endlich die Hardware der Panoramafotografie behandelt: der VR-Panorama-Stativkopf – mit dem sich der Parallaxenfehler von vornherein bei der Aufnahme vermeiden lässt.

Kommentare
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Portrait von neverdayxy
  • 18.01.2015 - 21:25

Endlich weis ich warum manche Panoramaaufnahmen sehr gut gelingen und andere weniger. Zufallsprodukt ade! Danke.

Portrait von SetSails
  • 01.06.2014 - 20:08

schön anschaulich erklärt - danke!

Portrait von shk79
  • 02.08.2012 - 11:09

Etwas knapper Teil zum Nodal oder "no parallax point", aber trotzdem lesenswert.

Portrait von binifada
  • 07.05.2012 - 13:32

Hat sich wieder gelohnt - Danke!

Portrait von marichen
  • 28.12.2011 - 17:26

tolle arbeit - hat mir sehr geholfen - herzlichen dank

Portrait von Wini03
  • 07.09.2010 - 21:23

Gut beschrieben und mit den Zeichnungen erklärt

Portrait von Corelli
  • 15.06.2010 - 18:04

Erstklassige Darstellungen, klar und plausibel. Vielen Dank sagt Corelli

Portrait von magicg
  • 23.02.2010 - 09:10

gut erklärt, aber für ein Beispieltbild mit und ohne Nodalpunkt gäbe es einen Stern mehr.

Portrait von mielkedet
  • 18.02.2010 - 20:34

Wusste gar nicht, was alles zu beachten ist. Besser vorher... .

Portrait von Bender27
  • 18.12.2009 - 18:42

Sehr gutes Tutorial!!!!!!!!!!!!
Bin begeistert.

Portrait von DieterFfm
  • 10.11.2009 - 10:30

Schwieriges Thema praktisch erklärt, danke.

Portrait von HorstMueller
  • 01.10.2009 - 22:17

Gut erklärt und Kompliziertes einfach aufbereitet.

Portrait von bruceclewett
  • 10.09.2009 - 12:44

sehr klar und sehr praktisch

Portrait von myeye
  • 22.08.2009 - 15:35

...sehr gut, weiter so und vielen dank !

Portrait von trolli4
  • 03.07.2009 - 09:38

SUPER SUPER SUPER SUPER SUPER

Portrait von jbpsd
  • 10.06.2009 - 14:30

Sehr gutes Tutorial!!!!!!!!!!!!

Portrait von Fotomanege
  • 08.06.2009 - 09:17

Klasse, was man noch alles hier lernen kann......

Portrait von altok
  • 07.06.2009 - 21:16

danke auch für diesen Teil!!!

Portrait von wielber
  • 04.06.2009 - 21:08

Reale Bilder wären noch der absolute Hammer zu deinem tollen Tutorial! Superaufwendig! Danke!

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 04.06.2009 - 13:17

Großartig, danke schön! Jetzt weiß ich endlich, was ich immer falsch gemacht habe...

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