Anzeige
Tutorialbeschreibung

Teil 02 - Ideenfindungsmethoden in der Menschenfotografie

Teil 02 - Ideenfindungsmethoden in der Menschenfotografie

Ideenfindung

Zunächst ist sehr wichtig, dass die Ideenfindung ganz klar von der Konzeption getrennt wird. Es geht zunächst nicht darum, was man kann oder was man zur Verfügung hat. Das würde einen enorm ausbremsen und ist für die Ideenfindung damit sehr hinderlich. Zunächst brauchen wir schließlich die Ideen; wie es nachher inszeniert wird, ist eine ganz andere Frage. Nun werde ich oft gefragt: "Ja, ich kann mir ja keinen Ferrari leisten!" Meine Gegenfrage: "Hast du denn eine wirklich gute Idee, die den Ferrari unverzichtbar macht?" Wenn es so wäre, könnte man ihn mieten. Aber in den meisten Fällen hat man sich vorher nicht die Mühe gemacht, einen guten Clou zu finden.


1. METHODE: Ideen-Baum

Das ist meiner Meinung das Allerwichtigste: einen Baum zu bearbeiten. Man schreibe alles, was einem zu dem Begriff einfällt, mit auf den Zettel. Ob absurd, unpassend, albern, witzlos oder Sonstiges. Hier sollte man sich noch keinen Kopf machen, was am Ende herauskommen soll. GANZ WICHTIG: Einfach zügig weiterschreiben, ohne viel nachzudenken. Der Baum soll schön groß werden. Hierbei entwickeln sich zwangsläufig schon vereinzelt Ideen. An denen sollte weitergearbeitet werden. Selbst wenn man denkt, man hat schon Ideen: Einfach merken, aufschreiben und weitermachen.

 
Hier ein Beispiel: Bevor ich mein neues Studio aufgemacht habe, hatte ich Zeit für ein freies Shooting und habe extra dafür:

Bilder



 

2. METHODE: Fremde Medien

Natürlich sind Magazine, Fotobände und Ausstellungen inspirierend. Abgesehen von der eigenen Weiterbildung in Sachen "gesellschaftliche Sehgewohnheit" kann man dort Anregungen zu Lichtführung, Location, Stilen und verschiedenen Experimenten finden. Die einfache Nachstellung von bereits vorhandenen Motiven würde ich, außer zu Übungszwecken, nicht unbedingt empfehlen.

Auch Werbung, TV, diverse Plakate oder andere Medien kann man zu Inspirationszwecken heranziehen. Empfehlen kann ich hier: Kino und Musikvideos. Ich sehe mir gerne gute Kinofilme an und achte immer auch auf die Lichtführung, Kameraführung und Inszenierungen aus der Filmbranche. In den "Making Of's" findet man häufig super Gedankenansätze der Regisseure zu Stimmungsaufbau etc. Auch Interviews mit Schauspielern lassen einen erahnen, wie sich die Schauspieler in die Rollen versetzen können. Genau das kann man für die Fotografie auch verwenden.

Auch in Musikvideos findet man häufig geniale Inszenierungen und interessante Kamera- und Lichtführung. Vor allem aber die unbegrenzte Kreativität und visuelle Interpretationen der Musikstücke kann man für sich weiterentwickeln, verändern, oder sich einfach selbst bei der kreativen Phase in Stimmung bringen lassen.

Ein teil der öffentlichen, bekannten Medien ist, dass man den Modellen schnell und leicht Situationen erklären kann, worum es geht. "Stell dir eine Szene in dem Film '300' vor." Mit dem Satz hat man die Zeit, in der alles spielen soll, die Stimmung, die Ernsthaftigkeit und das Sujet ganz schnell erklärt. Zusätzlich kann man daran anknüpfen und weiterspielen. Man muss sich natürlich trauen und das Ganze ernst nehmen.


 

3. METHODE: Musik-Geschichten (oder music-brainstorming)

Ich komme auf die genialsten Ideen, wenn ich im Flugzeug oder in der Bahn sitze, wenn ich sowieso nichts anderes tun kann, während ich Musik höre. Dann lasse ich mich voll und ganz auf die Musik ein und stelle mir ständig Bilder zur Musik und/oder dem Text vor. Hier fängt mein Kopfkino an. Oft entwickle ich diese Ideen immer weiter und dummerweise kommen mir die finalen Ideen in vielen Fällen dann in der Nacht.

Mein Tipp: Gleich detailliert aufschreiben mit allen Einzelheiten. Meine Notizen gleichen häufig ganzen Geschichten, die ich dann zu Persönlichkeitsbriefings umschreibe. Diese Geschichten werden dann bei mir in den Shootings tatsächlich gespielt. Das ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber es kommen interessante Sachen dabei raus. Das ist meiner Meinung das Allerwichtigste in der Fotografie: DER CLOU. Oder, wie es andere gerne nennen, das gewisse Etwas, die besondere Idee ...

Um genau den zu bekommen, habe ich verschiedene Methoden entwickelt (bzw. adaptiert), die es einem einfacher machen, nicht irgendeine olle Idee zu finden, sondern etwas Besonderes zu kreieren. Ich bin natürlich darauf angewiesen, ständig kreativ sein zu können, da es mein Beruf ist. Allerdings lohnt sich jede Mühe, die man sich macht, bevor man ins Shooting geht.


 

4. METHODE: Single - Brainstorming

Ideenanstöße findet man überall. Wenn man besonders kreativ ist, kann man aus dem, was man gerade im Moment sieht, extravagante Fotos kreieren. Man muss nur verrückt genug denken und sich vor NICHTS scheuen. Sich Sachen vorstellen können, die eigentlich unmöglich sind, und dann macht man einiges davon einfach möglich. Beispiel: Ich sitze gerade vor dem Computer. Sehe die Tastatur und den Monitor. Um das Ganze stylish zu gestalten, überlege ich mir, was zum Thema, zum Modell oder der Shootingaktion passt (Zeitalter, Farbgebung, Bildstil, Ort, Umgebung, etc.). Ich kreiere kurz einen Denkstrang, um nachvollziehen zu können, wir man zu Ideen kommen kann.

Tastatur & Monitor - Tasten - hauen - tippen - Schreibmaschinen - Tippse - spießig - enge Kleidung - Grau/Schwarz/Weiß - gedeckte Farben - veraltetes Frauenbild - viele Schreibmaschinen - kalte Umgebung - einsam, aber sexy - Beton - Metall - Reflexe - dunkel - Zeitreise - 20er/30er - ...

Hier ein Beispiel, was daraus werden kann - dieses Bild ist bei einem Workshop entstanden zu Demonstrationszwecken:

Bilder



 
Das Brainstorming ist die professionelle Variante der Ideenfindung, die aus der Werbung kommt. Der Begriff "Brainstorming" ist mit der Zeit schal geworden, da viele nicht genau wissen, was ein Brainstorming eigentlich ist.

Bilder



 
Hier gibt es nämlich strenge Regeln, die unbedingt befolgt werden müssen, damit ein Brainstorming auch funktioniert. Das Brainstorming ist ursprünglich für mehrere Personen gedacht und es gibt ganz verschiedene Arten davon.

Bilder



 
Um alleine ein Brainstorming durchzuführen, ist es sehr wichtig, alles akribisch aufzuschreiben:

Die Regeln für so ein Brainstorming

Wichtigste Regel: ES GIBT KEIN "NEIN", oder "DAS IST DOOF", oder "UNPASSEND" oder Ähnliches. Einfach losspinnen.

Man nehme Zettel, Stift und viel Ruhe. Mit einem Begriff muss man natürlich anfangen. Entweder man hat sich selbst einen vorgegeben, man fragt irgendjemanden, der einem einen Begriff geben soll, oder blättert im Buch irgendeine Seite auf (wie auch immer man rangeht). Keine Angst, man kann alles in diverse Richtungen lenken, man sollte sich aber auch selbst lenken lassen.

Dann sollte der Begriff notiert werden und wie (siehe unten).

Mein Tipp: Nehmt euch einfach 2 Stunden Zeit und geht dorthin, wo ihr nichts anderes machen könnt (wie im Wartezimmer), und dann vollkommen auf die Musik konzentrieren und mitdenken.

 
Beispiele zu Geschichten:

Bilder
Bilder


Bilder
Bilder


Bilder


Bilder



 

5. METHODE: Ungewöhnliche Situationen

Da ich manchmal Aufträge habe, die nicht auf irgendeinen Flug, eine Reise oder Ähnliches warten können, versetze ich mich selbst in eine ungewöhnliche Situation.

Beispiele:
• Ich setze mich aufs Dach, wo es steil hinuntergeht, und sehe mir lange alles Mögliche (und Unmögliche an).
• Ich beleuchte eine weiße Ecke ganz hell und stelle mich mit dem Gesicht zur Wand hin, sodass ich nur noch hell sehe.
• Ich sperre mich in einen Schrank ein und mache alles dunkel.
• Ich gehe abends oder nachts in die kuriosesten Gegenden.
• Oder lasse mir wieder mal was Neues einfallen

Das Ganze immer mit Musik und vor allem mit Ruhe von außen. Keiner sollte mich stören. Das bedeutet: Handy aus, Türen abschließen, ... Sonst könnte man abgelenkt werden. Und wichtig: Man sollte nicht nach 10 Minuten aufgeben! Die besten Ideen kommen so nach 60 Minuten.


6. METHODE: Porträtfotografie

Wenn ich die Aufgabe bekomme, jemanden so darzustellen, wie die Person tatsächlich ist, gibt es für mich 2 Darstellungsweisen. Entweder in dokumentarischer Art und Weise (ich greife gar nicht ein) oder ich fotografiere karikativ (ich greife ein, um die Person übertrieben darzustellen, z. B. mit Utensilien etc.). Dazu muss ich die Person allerdings kennenlernen. Ich kann mich vorbereiten und mir einige Fragen ausdenken, die ich im Laufe eines Gespräches stelle. Hierbei wird es schnell sehr emotional, intim oder könnte gar unangenehm werden. Da sollte man die Balance finden, oft ist es aber so, dass genau hier der Hund begraben ist und man mit diesem Wissen im Shooting spielen kann.

Oder ich versuche, die Person in irgendeiner Art zu beobachten (bei Bühnenauftritten, Proben, Sport, Beruf, zu Hause, ... wie auch immer). Diese Variante ist mir immer lieber, weil ich genau drauf achten kann, wie die Person auf andere reagiert, wie die Verhältnisse in Familie, Beruf etc. sind. Wie die Person redet, sich bewegt, womit sie zu tun hat und vieles mehr. Man kann natürlich beide Varianten auch gut kombinieren.

 
Wichtig ist, dass man sich alles notiert, damit man es dann zu Hause noch mal durchgehen und Ideen suchen kann. Hier zeige ich euch Notizen, die ich zu einer jungen Tänzerin gemacht habe, um sie anschließend bei sich zu fotografieren.

Bilder



 
Diese Methoden sind von mir entwickelt und adaptiert und werden von mir auch so unterrichtet. Bislang immer mit Erfolg. Sie sind als Denkanstoß zu verstehen.

Bilder



 
Wenn man eine Idee hat, sollte man diese so kurz wie möglich formulieren. Es hilft, dazu schnelle Skizzen anzufertigen, damit man sie nicht vergisst und/oder damit man es schneller und einfacher allen Beteiligten erklären kann. Danach geht es mit dem Konzept weiter. Erst hier ist wichtig, was man hat und was man kann.

Bilder



DVD-Werbung
Kommentare
Achtung: Du kannst den Inhalt erst nach dem Login kommentieren.
Portrait von greX
  • 03.12.2014 - 17:57

Sehr schön verfasst! Hilft mir echt weiter!

Portrait von Rimek
  • 18.03.2014 - 13:19

Vielen Dank für diese guten Ideen / Methoden. Ich werde es beherzigen!

Portrait von Amarilia
  • 17.10.2013 - 10:43

Die Methoden klingen wirklich sehr interessant. Werde ich beim nächsten Shooting auf jeden Fall mal probieren. Die investierte Zeit wird sich zum Schluss sicherlich lohnen. Vielen Dank.

LG Kerstin

Portrait von haschbrownie
  • 14.10.2013 - 20:54

Sehr gutes tutorial. Hat mir echt weiter geholfen und wurde sofort ausprobiert.
Seitdem fallen mir die unterschiedlichsten Arten der Darstellung mit Umstetzung ziemlich leicht. Vor allem aber auch die unsicheren Anfangsphasen, um die Kreativität zu finden, sind komplett weg und während eines Shootings läuft alles von selbst...Als wäre ein unsichtbarer roter Faden gesponnen (;

Portrait von MorkaiTF
  • 05.10.2013 - 02:50

Toller Gedankenstoß, gutes Tutorial!

Portrait von Senta2006
  • 21.08.2013 - 10:39

Sehr interessante Ideen zum Brainstorming :)

Portrait von redom
  • 20.08.2013 - 13:52

Sehr schönes Tutorial!

Portrait von GetPictures
  • 19.08.2013 - 12:17

Sehr schönes Tutorial! Brainstorming vom Allerfeinsten :-)

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 30.05.2013 - 18:07

Der Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber dafür bringt er wichtige Themen auf den Punkt die man beachten sollte. Wichtig ist die persönliche Einstellung.

Portrait von RalfE89
  • 31.03.2013 - 17:59

Danke für die die plastischen Eindrücke und Ideenanstöße! Wird mir bei meiner aktuellen Shootingplanung ausprobiert werden.

Portrait von fluzzy
  • 20.03.2013 - 18:10

klasse - die ergebnisse sprechen für sich!

Portrait von Donsal91
  • 19.03.2013 - 14:39

War ein guter Gedankenstoss, um meine grauen Zellen der Kreativität wieder n bisschen auf zufrischen

Portrait von Lexi_
  • 25.02.2013 - 10:33

Hilft mir super weiter.
Danke!

Portrait von klickklick
  • 15.02.2013 - 15:12

Habe das mit der Musik ausprobiert. Hat funktioniert. Danke für den Tipp!!

Portrait von Elevenfourteen
Portrait von RelaxT
  • 10.01.2013 - 16:04

Weiß nicht ob ich sowas umsetzen kann bzw ob ich es ganz verstanden hab :). Ein Versuch ist es aber wert.

Portrait von MikeFried
  • 04.01.2013 - 19:04

ich finde das Tutorial sehr hilfreich

Portrait von spuellana
  • 27.10.2012 - 14:19

danke für das hilfreiche tutorial ;)

Portrait von Raider89
  • 26.06.2012 - 22:54

interessante Ideen :) muss ich mal ausprobieren

Portrait von Gismo77
  • 12.06.2012 - 00:38

sehr Klasse, weiter, so

x
×
×