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Tutorialbeschreibung

Teil 05 - Modellumgang, Emotionen, Konstruktionen

Teil 05 - Modellumgang, Emotionen, Konstruktionen

Der individuelle Umgang eines Fotografen mit den Personen, die fotografiert werden sollen, ist ausschlaggebend für die Bildgestaltung. Ein perfektes Shooting fängt schon beim Empfang an der Tür an.

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So ist es besonders schwer, bei einem sehr ruhigen Fotografen ein gigantisches Actionshooting zu machen; genauso wie bei einem hektischen Fotografen keine wirklich melancholische Stimmung aufkommen kann. Das kann man allerdings trainieren.

Ein perfektes Shooting fängt schon beim Empfang an der Tür an. Es ist für das Foto egal, ob ein Fotograf sympathisch, langweilig oder wie ein Psycho wirkt, solange es die Qualität des Bildes am Ende ausmacht und das Image des Fotografen keinen Schaden nimmt. Diese "Macht", Bilder mit der Stimmung, die man erzeugt, manipulieren zu können, sollte man nutzen. Man sollte vorher genau überlegen, wie man selbst auf sich reagieren würde. Dafür gehört ein wenig schauspielerisches Talent dazu (ob man es ausprobiert, ist jedem selbst überlassen; ich bin davon überzeugt, so geniale Stimmungen erzeugen zu können) Es hilft vielleicht, andere zu fragen und vor dem Spiegel zu üben. Denn nur so, wie der Fotograf ein Modell pushen kann, so kann auch das Modell reagieren.


1. Selbsttraining und Konditionierung:

Ich bin davon überzeugt, dass man den Modellumgang so erlernen kann, wie jemand ein Musikinstrument spielen lernt. Übung macht den Meister. Dabei ist wichtig, dass man das Shooting am Ende auch analysiert. Ich habe mir immer überlegt, was ich anders machen könnte und wie das Modell auf was am besten reagiert.


Für mich war einer der wichtigsten Schritte, die Scheu vor mir selbst zu verlieren. Dazu bringe ich mich auch immer wieder in ungewöhnliche Situationen oder gehe sehr offen und kommunikativ mit den Menschen, die einem im Alltag begegnen, um. Ich war nicht immer ein so sehr offensiver Mensch wie jetzt. Das habe ich mir antrainiert. Auch wenn es meinen Mitmenschen ab und zu peinlich war, haben selbst die gemerkt, dass fremde Menschen meistens wesentlich offener und positiver auf einen reagieren, als man denkt.


Wer von euch ist schon einmal in unserem konservativen, zurückhaltenden Deutschland mit einer Kamera und Reflektor auf wildfremde Menschen zugegangen und hat sie gefragt, ob er sie fotografieren kann? Ich habe es jedenfalls gemacht, alleine um herauszubekommen, wie diese vermeintlich normalen Menschen auf einen reagieren. Mit der Annahme, dass 90% sagen: "Nein, ich will nicht fotografiert werden!" bin ich also losgefahren und habe festgestellt, dass an einem Tag bei ca. 20 gefragten Personen 100% sich haben fotografieren lassen. Darüber hinaus habe ich nicht lauter "normale Menschen" kennengelernt, sondern lauter interessante Persönlichkeiten, bis hin zu einem 5-fachen Dr. Professor, der eines der ersten Betriebssysteme entwickelt hat. Leider kurz darauf verstorben.

 
Mein Tipp: Nehmt einmal die Kamera und porträtiert Menschen, die euch vom Gesicht her interessant vorkommen. Unterhaltet euch einfach eine Weile mit denen und dann bekommt ihr auch tolle Bilder, Kontakte und wie bei mir sogar vielleicht neue Aufträge. Außerdem lernt Ihr, freier mit Menschen umzugehen und erfahrt, wie selbige auf euch reagieren.

Vor manchen Shootings stelle ich mich auch in der Öffentlichkeit der Rolle des Modells. Denn so erfahre ich, wie die Menschen darauf reagieren, und kann so immer weiter über meinen eigenen Schatten springen.


2. Shootingeinstellung:

Für mich eine der ausschlaggebenden Sachen bei einem Shooting ist die eigene Einstellung des Fotografen an dem Tag. Dazu gehört, wie man sich auf das Shooting praktisch vorbereitet hat, wie man sich auf das Modell vorbereitet hat, aber vor allem, wie man sich mental vorbereitet hat. Nichts ist schlimmer, als ein Fotograf, der fast einschläft bei einem Kampfsport-Shooting, oder ein Fotograf, der total hibbelig ist und von der letzten Hochzeit erzählt, wenn es um ein gefühlvolles, sentimentales Shooting geht. Das Gleiche gilt für die Assistenten, Praktikanten, Visagisten, etc.

Jeder sollte wissen, worum es geht und darauf achten, dass alles, was man sagt und tut, auch das Modell beeinflussen kann.

Man sollte sich alles trauen, kein Blatt vor den Mund nehmen und möglichst expressiv mit dem Modell reden. Wenn es um Pin-up-Fotos geht, die Stil haben sollen, befasst man sich erst mal damit, wo das "Pin-up" eigentlich herkommt und damit, wie die Expression bei den Bildern ist. Da kann man nicht sagen: "Mädel schau mal sexy." Verdammt, da muss man sagen: "Baby, du denkst jetzt 2 Minuten an den geilsten Sex, den du dir vorstellen kannst und übertreibst mit deiner Mimik entsprechend vom Feinsten, lass krachen."

Jetzt könnten viele meinen, ich wäre ein Schmuddelfotograf oder Ähnliches. Damit habe ich gar kein Problem; wer meine Bilder kennt, weiß, in welche Richtung es geht. Wer zu mir als Modell kommt, vertraut mir und meiner Arbeit. Genau das hat einfach etwas mit meiner dennoch sachlichen Kommunikation zu tun. Beim Shooting ist absolut konzentriertes Arbeiten erforderlich.

Als Fotograf sollte man sich auch während des Shootings IMMER wieder daran erinnern, in welche Richtung es geht und sich selbst in diese Richtung pushen, egal, was andere am Set machen, denn der Fotograf ist der Chef!

Wie ich bereits in den vorherigen Kapiteln erwähnt hatte: Musik spielt auch hier eine wesentliche Rolle.


 

3. Meine Methoden beim Shooting:

a. Das Drehbuch

Vor allem für die Shootings mit Schauspielern oder bei Shootings mit mehreren Personen schreibe ich vorab gerne ein kleines Drehbuch. Dabei beschreibe ich die Vorgeschichte der Protagonisten möglichst genau. Die Kindheit, die wichtigen emotionalen Verhältnisse (zu Vater, Mutter, Geschwister, Liebe, ...) auch kleine Einzelheiten aus vergangenem Leben, die Figur des Protagonisten so deutlich und plastisch wird, dass man sich gut in die Rolle hineinversetzen kann und selbstständig weiterspielen kann. So baue ich mich als Fotograf auch ab und an in die Geschichte mit ein, damit ich ohne direkte Anweisungen geben zu müssen, das Modell und die Emotionen lenken kann.

Damit so etwas gut funktioniert, sollte man viel Liebe in solch eine Geschichte stecken, große Lust darauf haben und ein geeignetes Modell oder geeignete Modelle dafür haben (wie Schauspieler). Das ist für mich die beste Variante, mit Emotionen zu arbeiten.

Hier ein Auszug aus einer solchen Geschichte:

Du bist in der DDR geboren. Dein Vater hat deine Mutter, deine Schwester und dich verlassen, als du 3 Jahre alt warst. Deine Mutter war mit euch Kindern auf sich gestellt. Sie hatte sich vor deiner Geburt von ihrer Familie entfernt, weil sie nicht akzeptieren konnten, dass ihr Lebensgefährte (dein Vater) Christ ist.

Sie wurde in ihrer Kindheit nicht wirklich gefördert und hatte von Politik ... kurz: keine Ahnung. Eine zerbrechliche Seele und die gewisse Portion an Naivität hat sie bei deinem Vater gehalten, der sie leider nie wirklich geliebt hat. Sie hat sich nie die Mühe gemacht, euch zu erklären, was passiert war. "Euer Vater lebt nicht mehr", hat sie mal gesagt. Das ist alles, was du weißt.

Seitdem lebt sie alleine mit euch, mehr schlecht als recht. Du hast Verantwortung mehr und mehr übertragen bekommen, bis du dich gänzlich um den Haushalt, die Hausaufgaben deiner Schwester und auch deine Mutter gekümmert hast. Als du 16 warst, hat sich deine Mutter das Leben genommen. Du hast sie auf dem Dachboden entdeckt und wolltest sie noch retten, warst aber zu langsam und konntest nichts mehr machen.

 
Von da an hast du ständig über alles viel nachgedacht und wurdest ein sehr ernsthafter Mensch. Einerseits warst du sauer auf deine Mutter, dass sie euch alleine gelassen hat (nicht nur jetzt, sondern die ganze Kindheit), andererseits schiebst du dir die Schuld zu, dass du sie nicht gerettet hast.

Nach dem Sinn des Lebens suchend hast du versucht, dein Leben in den Griff zu bekommen. Deine Schwester wurde eigenständiger (sie hat von all dem nicht viel mitbekommen, du hast ihr erzählt, eure Mutter wäre an einer Krankheit gestorben). Als deine Schwester mit 18 einen 30-jährigen Bankier heiratete, der "okay" war, hast du endlich alle Zeit für dich gehabt.

Jetzt bist du 21 Jahre alt und bist ein Mensch, der viel mit sich selbst ausmacht. An eine Beziehung hast du nie gedacht, du bist es leid, Menschen zu verlieren.

Du hast dir in den Kopf gesetzt, deinen Vater zu finden. Du stöberst die Sachen deiner Mutter durch und findest Briefe deines Vaters an deine Mutter. Offensichtlich hat er mehrfach versucht, wieder Kontakt herzustellen, doch scheinbar hat deine Mutter nie reagiert, oder er hat ihre Antworten nie bekommen.

Es macht dich traurig, zu wissen, dass euch nur durch die extreme Introvertiertheit deiner Mutter, ihrer Scheu und Angst vor Veränderungen eine wirklich glückliche Kindheit verwehrt blieb.

 
Hier Ergebnisse davon:

Bilder



 
Diese Methode ist für authentisch wirkende emotionsgeladene Bilder optimal.

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(Ein Satz, der mit "Stell dir mal vor ..." anfängt, ist einfach nicht genug!)

Bilder



 
Um das Ganze mal zu zeigen: Für das Tutorial habe ich ein Shooting gemacht mit einem tollen Modell (Sandy Meerstein). Sie ist zwar keine Schauspielerin, aber ich denke, man sieht, dass man schon mit einer kleinen Story etwas bewegen kann:

Ohne Story:

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Mit Story:

Bilder



 

b. Pushing limits:

Vor allem bei Anfängern, Sportshootings, Modeshootings etc. vorteilhaft. Hier spielt die Musik eine wesentliche Rolle. Man sollte eine gute Playlist zusammenstellen, die genau auf das Shooting passt. Für gute Action empfehle ich Drum&Bass, Minimal oder Filmmusik. Alex Smoke, Kings of Leon, Gui Boratto, ...

Es ist sehr wichtig, dass man dem Modell das Shooting als Erlebnis gestaltet. Gänsehaut ist dabei nicht unförderlich! Niemals den Faden des Shootings abreißen lassen. Das Modell immer weiter pushen und in die richtige Richtung drängen. Je mehr Bilder das Modell im Kopf hat und je wohler sie sich mit der Rolle fühlt, desto besser.

Mach eine Show draus.


c. Musik:

Ich wurde in einem Interview einmal gefragt, was mir das wichtigste technische Gerät für das Fotografieren sei. Neben der Kamera und dem Licht ist für mich eine Musikanlage unverzichtbar. Denn mit Musik kann man ganze Stimmungen am Set manipulieren, das Modell und die Crew pushen, Bewegungen ohne Kommentare lenken u.v.m.

 
Um das deutlich zu machen, habe ich mit demselben Licht 2 verschiedene Porträts gemacht, einmal mit und einmal ohne Musik.

Bilder



 
Urteilt selbst.

Bilder



Auch mit Musikvideos kann man dem Modell eine Vorstellung geben, in welchem Flair man arbeiten möchte. youtube.de hilft. Zeigt den Modellen das Video einfach, um in der Denke drin zu sein. (So wissen Fotograf und Modell gleichermaßen, in welche Richtung es geht). Das Modell soll es nicht so machen wie in dem Video, sondern selbst das Musikstück interpretieren. Die eigene Kreativität des Modells ist durchaus positiv zu werten!


 

d. Selbst zeigen:

Was für mich unverzichtbar ist: selbst zeigen. Abgesehen davon, dass man das Modell so pushen kann, weiß das Modell selbst schnell Bescheid.

Bilder



 
Dazu muss man einfach mal über seinen Schatten springen und sich auch mal zum Horst machen können.

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Wenn man das mit dem nötigen Ernst macht, wird dennoch konstruktiv weitergearbeitet und nicht herumgealbert!

 
Es bringt Dynamik ins Shooting und sorgt für super Stimmung.

Bilder



 

Wovon ich nichts halte:

• Sogenannte Posingbooks: Sie garantieren verkrampftes Arbeiten, unauthentische Posen und unkonstruktives Arbeiten.
• Nachmachen: funktioniert genauso wenig. Man kann sich ruhig inspirieren lassen, aber ein eigenes Konzept ist viel interessanter und funktioniert besser.

Kommentare
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Portrait von f4bi4n89
  • 31.07.2014 - 08:22

Super Tipps, hilft sehr! :)

Portrait von powerpakli
  • 10.01.2014 - 20:30

Danke für das Tutorial!

Portrait von magda2603
  • 22.12.2013 - 22:35

super tutorial, hat mir gut weitergeholfen! danke!

Portrait von Alesa
  • 23.04.2013 - 10:12

Deine Beiträge machen immer wieder Spass, motivieren und zeigen vor allem "echten" Inhalt - sehr lehrreich. Vielen Dank für die tollen Insider Tips!

Portrait von klickklick
  • 15.02.2013 - 15:27

*gefällt mir*... danke für die Tutorial-Serie :)

Portrait von Elevenfourteen
Portrait von RelaxT
  • 10.01.2013 - 16:52

Sehr lehrreich und gute Tipps!

Portrait von Gismo77
  • 13.06.2012 - 00:16

Sehr tolle Info, Danke

Portrait von MDesigner
  • 22.03.2012 - 23:46

Danke - sehr gut erklärt.

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 09.03.2012 - 18:29

Wow, super Tutorial!
Das mit dem Drehbuch, will ich unbedingt demnächst ausprobieren!

Portrait von martin_t
  • 18.01.2012 - 16:08

viele Dank für das Tutorial.

Portrait von foexy
  • 31.10.2011 - 23:11

Wirklich gute Ideen, die einen weiterbringen

Portrait von Zendo
  • 29.09.2011 - 04:25

Da waren einige nette Anregungen bei.....!!!!

Portrait von friloo
  • 19.09.2011 - 15:20

Gefällt mir sehr dieses Tutorial. Besonders die Anregungspunkte mit Musik und Geschichte konnte ich schon des Öfteren Erfolgreich aufgreifen.

Portrait von pinguin999
  • 16.09.2011 - 11:50

Super Idee zur Stimmungsübertragung. Für mich ein Feld mit 7 Siegeln. Macht aber glaube ich die Fotos aus

Portrait von 8lub
  • 10.09.2011 - 17:39

Danke. Wiedermal sehr hilfreich!!!

Portrait von sloerm
  • 28.08.2011 - 17:52

Danke, insbesondere den Drehbuchtipp finde ich sehr gut und werde ihn das nächste Mal beherzigen! Oft war bei mir irgendwann während des Shootings "die Luft raus" und die Bilder wollten sich nicht weiterentwickeln...kann mir gut vorstellen, dass dadurch meine Kreativität an solchen Punkten neu beflügelt wird.

Portrait von hamsibone
  • 05.08.2011 - 23:13

Vielen Dank für das tutorial

Portrait von prinzipella
  • 25.07.2011 - 13:02

sehr gute tipps,vielen dank dafür

Portrait von Salevinia
  • 18.06.2011 - 20:02

Gute Tipps dabei. Danke ;)
Vielleicht kann ich sie ja irgendwie umsetzen.

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