Anzeige
Tutorialbeschreibung

Gestaltungsworkshop Teil 10 - Perspektive

Gestaltungsworkshop Teil 10 - Perspektive

Wer sich dem Thema Bildmontagen widmet, befasst sich früher oder später auch mit dem Thema Perspektive. Während es im letzten Tutorial hauptsächlich um die fotografische Herangehensweise ging, möchte ich im zweiten Teil auf die Korrekturmöglichkeiten der perspektivischen Darstellung eingehen.

... übrigens findest du die komplette Serie hier: Photoshop-Workshop-DVD - Retusche & Composing - Schnapp sie dir in unserem Shop oder in der Kreativ-Flatrate!


Perspektive ist, wenn alles passt. Habe ich vor kurzem irgendwo gehört, und wie Sie sich denken können, hat mir der Satz auf Anhieb gefallen. Denn er drückt zweierlei Empfindungen aus: Einerseits, dass Perspektive eine Art Klammer ist, die die Einzelteile einer Bildmontage in einen vernünftigen optischen Bezug zueinander setzt und auf diese Weise für einen harmonischen Gesamteindruck sorgt. Andererseits offenbart er aber auch eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit Perspektive, vor allem dann, wenn sie anders ist als gewünscht.

Bilder



Passt sie, ist's schön, und falls nicht, gibt es ja noch die Möglichkeiten von Photoshops Transformierendialog, mit dessen Hilfe man sich alles passend skalieren, drehen, neigen oder sogar zerren kann, wenn's denn hilft. Wenn nicht, muss das Fluchtpunktwerkzeug ran - oder? Bevor man jedoch zu solchen Mitteln greift, sollte geklärt werden, ob die Abbildung des Raumes oder der Landschaft, in die neue Bilder montiert werden sollen, den Gesetzen der Perspektive unterliegen oder ob das auf den ersten Blick nur so aussieht. In den meisten Fällen dürften keinerlei Probleme auftauchen, da die betreffenden Aufnahmen auf fotografischem Wege zustande gekommen und somit ein perspektivisch korrektes Abbild der Realität sind.

Daran ändert sich auch dann nichts, wenn extreme Brennweiten oder Formate zum Einsatz gekommen sind, denn diese Größen haben lediglich einen Einfluss auf den Bildwinkel oder die Größe des Schärfentiefebereichs, nicht jedoch auf die Perspektive. Selbst an gestitchten Panoramen, die aus mehreren Aufnahmen bestehen und deshalb an sich ja bereits eine Montage darstellen, lässt sich eine korrekte Wiedergabe der Perspektive nachweisen, auch wenn ursprünglich gerade Linien dabei verbogen worden sein sollten. Anders sieht es bei selbst gebauten Räumen aus. Sie rein nach Sicht zu bauen ist zwar eine Möglichkeit, aber wie wir gleich sehen werden, können einem dabei recht grobe Schnitzer unterlaufen.

Im Laufe des Aufbaus kommen neue Bilder dazu, doch je mehr Dateien "verbaut" und in die Montage eingefügt werden, desto widersprüchlicher wirkt der Gesamteindruck. Ein unschönes Szenario. Photoshops Möglichkeiten der Perspektivkorrektur sind begrenzt, es lohnt sich also, bereits beim Fotografieren an die später benötigte Perspektive zu denken und bewusst durch den Sucher zu sehen. Schauen Sie sich an, was geht und was sie lieber nicht tun sollten und vor allem: mit welchen Werkzeugen Sie sich in welcher Situation aus dem perspektivischen Sumpf ziehen können - und wann Sie ums nochmal Fotografieren nicht herumkommen.


 

1. Alle für viele ...

Als Ausgangsbild für die kleine Versuchsreihe soll uns diese einfache Konstruktion einer Zentralperspektive dienen. Das Baumaterial: Ein bereits zentralperspektivisch fotografiertes Schachbrett und die Aufnahme eines Wolkenhimmels. Natürlich könnte man frei drauflosbasteln und flugs einen Raum entwerfen, in welchem sich alles weitere abspielen wird. Obwohl eine Montage ein gewisses Maß an perspektivischer Ungenauigkeit verkraftet, sollte man bemüht sein, einige Regeln zu beachten. Die erste und wichtigste: Alle Fluchtlinien treffen in einem Punkt aufeinander.

Bilder



 

2. ... oder einer für alle

Das durchaus suboptimale Ergebnis des ersten Versuchs lässt sich größtenteils durch Verschieben der einzelnen Schachfelder korrigieren. So finden alle Linien in einem Punkt zusammen, was zur zweiten wichtigen Regel führt: Der Fluchtpunkt liegt exakt auf dem Horizont, sofern die Annahme zugrunde liegt, dass die vier Flächen parallel bzw. rechtwinklig zueinander und zum Untergrund aufgebaut sind. Die Rechtwinkligkeit in der Abbildung erleichtert es dem Betrachter, die zweidimensionale Darstellung dreidimensional zu interpretieren.

Bilder



 

3. Distanztest

Die Erfahrung sagt uns, dass die Felder eines Schachbretts quadratisch sind, und diese Erfahrung fließt in die Interpretation der räumlichen Darstellung ein. An keiner Stelle ist de facto ein Quadrat zu erkennen, das Zusammenspiel der Parallelogramme wird jedoch als klassisches Schachbrettmuster wahrgenommen. Das Einzeichnen der Distanzpunkte bestätigt die Richtigkeit der Konstruktion und verdeutlicht, dass Skalieren, Neigen oder Verzerren einer der vier Flächen eine entsprechende Korrektur der drei übrigen zur Folge haben müsste. Nur mit dem Fluchtpunktwerkzeug könnte man die Flächen ohne Perspektivänderung verlängern.

Bilder



 

4. Klein und groß

Sollen für diesen Raum nun Objekte fotografiert werden, so verwenden Sie dazu einfach dieselbe Brennweite, mit der Sie das Schachbrett fotografiert haben. In meinem Beispiel beträgt der Maßstab von Schachbrett und Modell 1:1, der Abstand zum Objekt musste also gleich groß sein wie zur fünften Felderreihe des Schachbretts. Der Abstand zu größeren Objekten errechnet sich linear: Wäre das Modell nicht 7 cm hoch, sondern 7 m, betrüge die Distanz zwischen Kamera und Zeppelin nicht wie hier 45 cm, sondern 45 m. Einziges Problem dabei: Um den Blickwinkel beizubehalten, müsste die Kamera auch 5 m über Grund montiert werden und nicht wie hier 5 cm.

Bilder



 

5. Passgenau

Das Verwenden derselben Brennweite beim Fotografieren von Gegenständen, die in einen perspektivisch definierten Raum eingefügt werden sollen, funktioniert erst recht bei kurzen Brennweiten. Das hintere der beiden Modelle ist weiter entfernt und hätte auch mit einer längeren Brennweite fotografiert und dann skaliert werden können. Solange der Aufnahmestandpunkt unverändert bleibt, ändert sich nichts an der Perspektive der Abbildung. Anders der vordere Zeppelin: Er verjüngt sich sehr stark, zeigt also eine typische Weitwinkelästhetik, die exakt zu den vorderen Feldern des Schachbretts passt.

Bilder



 

6. Fehlpass

Die Probe aufs Exempel zeigt, wie stark sich die verwendete Brennweite auf die Abbildung auswirkt: Ich habe die beiden Modelle gegeneinander getauscht und die Größe der Distanz zum Betrachter entsprechend angepasst. Sie fügen sich nicht ins Bild und bescheren dem Betrachter bei längerem Hinsehen Übelkeit. Die lange Brennweite des vorderen Zeppelins lässt ihn gestaucht wirken an einer Stelle, wo die Schachfelder gestreckt sind; der kleinere hintere Zeppelin wirkt gerade dort in die Länge gezerrt, wo die perspektivische Verkürzung der Schachfelder eine gestauchte Ansicht erfordern würde.

Bilder



 

7. Nachträgliche Korrektur

Leider sieht's hier mit der Korrektur der Perspektive nicht gut aus. Gegenstände, deren Flächen polymorph, also vielfältig ausgerichtet und gebogen sind, lassen sich nicht nachträglich korrigieren. Natürlich habe ich es trotzdem versucht und durch Verzerren der Modelle getestet, inwieweit sich die Gegenstände an die durch den Raum vorgegebene Perspektive anpassen lassen: Es klappt nur dann, wenn von den drei Dimensionen Länge, Breite und Tiefe höchstens zwei zu sehen sind. Beim Modell des Zeppelins ist die Korrektur nicht möglich, da seine Form zu kompliziert ist und sein langgestreckter Zylinder alle drei Dimensionen zeigt.

Bilder



 

8. Richtig oder falsch?

Probieren wir es mal anders. In diesem Beispiel wurde der linke Zeppelin durchaus mit der richtigen Brennweite fotografiert, jedoch von viel weiter oben als bei den Aufnahmen zuvor. Das Ergebnis ist nicht wirklich "falsch", doch es verwirrt den Betrachter trotzdem: Das Modell steht nur auf zwei Rädern, ohne dass ersichtlich wäre, woher die Leichtigkeit des Seins denn nun stammt. Erwartungsgemäß führt die Korrektur der Perspektive zu so vielen optischen Widersprüchen innerhalb des Modells, dass sich auch hier nur nochmaliges Fotografieren anbietet.

Bilder



 

9. Einfache Korrektur

Nach so viel Frust nun die gute Nachricht: Auch dreidimensionale Gegenstände können angepasst werden. Voraussetzung ist allerdings, dass sie aus wenigen glatten Flächen bestehen, die möglichst nur eine zweidimensionale Ausdehnung besitzen, also Flächen im geometrischen Sinne sein sollen, so wie die Holzwände dieser Kisten, vom Verschluss einmal abgesehen. Die linke, kleinere Kiste passt perfekt ins Bild, ihre Fluchtlinien treffen genau auf den Fluchtpunkt am Horizont. Der Standpunkt der rechten Kiste dagegen ist zu weit unten und muss korrigiert werden.

Bilder



 

10. Zerlegen der Ebenen

Es gibt sogar zwei Möglichkeiten der Korrektur: Erstens kann die Kiste einfach weiter nach oben und nach links geschoben werden, bis die Fluchtlinien den Horizont schneiden. Da die vordere, dem Betrachter zugewandte Front aber eigentlich nicht verschoben werden müsste, genügt es, die im Schatten liegende seitliche Fläche auszuwählen und unabhängig von der Vorderfront nach oben zu neigen und nach links zu skalieren. Wenn Sie in einer zweiten Ebene die Fluchtlinien einzeichnen und die zweite Ebene zusammen mit der der Kistenebene markieren, können Sie sie punktgenau neigen.

Bilder



 

11. Mehr Dynamik

Nicht immer richten sich alle Gegenstände in einem Composing an den mehr oder weniger offensichtlichen Fluchtlinien aus. Müssen sie auch nicht. Deutlich mehr Freiheiten bei der perspektivischen Darstellung haben Sie, wenn sich Gegenstände frei im Raum bewegen. Aber Sie sollten unbedingt ein Gefühl für die Lage der Objekte im Raum entwickeln. Das Bild verdeutlicht dies: Beide Fluchtpunkte der Kisten liegen unterhalb des Horizonts. Dies bedeutet, dass sie sich in Bezug auf den Betrachter nach oben bewegen bzw. gekippt sind. Die Analyse der Raumlage über die Fluchtlinien hilft Ihnen, Ihre Objekte richtig zu platzieren oder gegebenenfalls neu zu fotografieren.

Bilder



 

12. Rund geht immer

Keinen solchen Ärger werden Ihnen Gegenstände bereiten, deren Gestalt einer Kugel ähnlich ist. Zwar ist auch die Darstellung einer Kugel je nach Abstand sehr unterschiedlich; das können Sie schon daran erkennen, dass Sie sich auf einer solchen befinden und sie wie eine begrenzte Fläche wirkt, zumindest dann, wenn der Horizont in weiter Ferne sichtbar ist. Dennoch ist die Größe der Darstellung dieses Apfels in weiten Grenzen variabel, unabhängig von der verwendeten Brennweite. Kugel bleibt Kugel, Sie können die Größe also ganz nach Gusto verändern, ohne in eine fiese Abbildungsfalle zu tappen...

Bilder




DVD-Werbung
Kommentare
Achtung: Du kannst den Inhalt erst nach dem Login kommentieren.
Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 25.09.2013 - 12:48

Man muss eben alles beim Composing berücksichtigen und du bringst es auf den Punkt. Danke

Portrait von steini2k
  • 13.07.2013 - 12:36

Vielen Dank sehr nützlich

Portrait von MaoMao
  • 15.01.2013 - 20:37

Herzlichen dank für die mühe!

Portrait von rafoldi
  • 14.01.2013 - 14:00

wieder einmal sehr gut erklärt, sehr hilfreich

Portrait von Brigitte_C
  • 14.08.2011 - 12:07

Gut geschrieben und bebildert.
Viel zum Nachdenken, wie finde ich heraus, wo der Fluchtpunkt bei stürzenden, schrägen Gegenständen ist?

Portrait von Xorguina
  • 29.06.2011 - 09:07

Sehr gelungen. Hilft einem sehr gut weiter

Portrait von andibrandi
  • 25.03.2011 - 09:22

Voll genial - gratuliere

Portrait von Kaef3r
  • 31.01.2011 - 14:13

Sehr hilfreich. Super, danke!

Portrait von retepada10
  • 25.01.2011 - 11:34

Guter Einblick in die Perspektive

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 14.03.2010 - 20:00

Also so ausführlich habe ich seltern gern etwas gelesen und danach gearbeitet.
Nicht schlecht! hat mir sehr spaß gemacht

Portrait von triphase
  • 29.12.2009 - 19:48

gute infos, mal wieder was neues dazugelernt ;)

Portrait von unico
  • 23.09.2009 - 12:37

hab vielen dank für die mühe! super tutorial, besonders für anfänger (wie mich) zumeist war irgendetwas immer irgendwie "falsch" an den von mir erstellten bildern nun betrachte ich sie von einer "anderen perspektive" :-)

Portrait von brain68
  • 05.09.2009 - 11:01

grandiose Sache!!!!!!!!!

Portrait von leprechaun666
  • 20.08.2009 - 12:54

Dies sollte nun einen Fortschritt bewirken :D danke für die arbeit

Portrait von yogimausi
  • 25.06.2009 - 14:36

Toller Workshop, danke

Portrait von Neobe
  • 26.05.2009 - 13:23

Hey, danke für den Workshop

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 19.04.2009 - 14:16

Gute Sache ... noch nie drüber nachgedacht... bis jetzt. Danke dafür.

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 17.04.2009 - 19:32

Tolles Tutorial! Danke!

Portrait von piro42
  • 16.04.2009 - 20:17

Die Perspektive macht´s. Hier sieht man wie. Wie immer gut erklärt. Danke.

Portrait von Sticky_the_Tricky
x
×
×