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Tutorialbeschreibung

Gestaltungsworkshop Teil 01 - Kleine Motivlehre

Gestaltungsworkshop Teil 01 - Kleine Motivlehre

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Normalerweise beginnen Workshops etwa so: “Öffnen Sie die Datei Sorgenfrei und...” Schön und gut, das kennen Sie. Doch wie kam's denn zu dieser Datei, warum sieht die Aufnahme genau so aus und nicht anders? Eine Collage, früher mit Papier und Schere, heute mit Rechner und Bildbearbeitungsprogrammen erarbeitet, besitzt viele Realitäten. Sie besteht oft aus vielen Einzelaufnahmen, die sich allesamt einem Masterplan, einer Matrix unterordnen müssen, um sich zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen. Das bedeutet, dass jede einzelne Aufnahme nicht im Hinblick auf die eigene technische Perfektion fotografiert wird, sondern den Erfordernissen des Gesamtkonzepts untergeordnet werden muss. Gesamtkonzept? Genau darum geht's hier: Woher kommt die Idee und wie wird sie umgesetzt?

 
Ob Sie's glauben oder nicht: Der eigentliche Trick dabei ist, das Ganze in drei voneinander unabhängige Schritte zu unterteilen und das Bild nicht nur einmal, sondern gleich dreimal aufzubauen: Zunächst müssen Sie mal rauskriegen, was Sie denn eigentlich fasziniert. Ist es Technik? Schifffahrt, Raumfahrt, Fliegerei - können Sie mit diesen Begriffen etwas anfangen? Dann könnten Sie sich beispielsweise ein futuristisches Szenario ausdenken, das möglicherweise an Vorlagen aus Kino oder Science-Fiction-Literatur erinnert, ohne das Vorbild natürlich zu kopieren. Sind dies nur hohle Worthülsen ohne Inhalt für Sie, dann forschen Sie weiter: Haben Sie eine Schwäche für Natur, Landschaften, Tiere? Wie wär's denn mit Giraffen auf der heimischen Kuhweide? Besonders Themenbereiche, mit denen Sie sich gerne beschäftigen eignen sich als Vorlagen für ein Composing. Ihre Kinder machen es Ihnen vor: Sie malen, was sie bewegt.

Auch Ihr berufliches Umfeld kann Ihnen Ideen liefern oder zumindest Impulse, die zu Ideen heranreifen können. Schließlich verbringen viele Menschen mehr Zeit am Arbeitsplatz mit den Kollegen als zu Hause bei der Familie. Vielleicht ein Minitornado auf Ihrem Schreibtisch oder dem des Chefs? Die einzigen Grenzen, die für Sie gelten, sind die Ihres Verstandes und Ihrer Phantasie; dies sind die wichtigsten beiden Werkzeuge bei der Entstehung eines Composings. Beim Ausdenken müssen Sie weder fotografieren noch am Rechner arbeiten, sondern nur Ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Erst wenn das Bild gedanklich vollendet ist und im Kopf parat liegt, folgt der zweite Schritt: Zeichnen Sie's nach! Beim Zeichnen gilt es lediglich, die Idee in eine Skizze umzuwandeln; dabei müssen Sie keinerlei Technik anwenden und können sich ganz auf die Umsetzung der Idee konzentrieren.

Es muss kein Meisterwerk werden; eine perspektivische Farbskizze, die alle Gegenstände ungefähr an der richtigen Stelle zeigt, genügt. Natürlich können Sie den Bleistift auch durch das Grafiktablett ersetzen, schließlich leben wir im dritten Jahrtausend n. Chr. Der letzte Schritt, die Arbeit mit Kamera und Rechner, erfordert dann zwar technisches Wissen, der kreative Part ist jedoch längst abgeschlossen. Die Idee zum Jet an der Tankstelle kam mir - wo sonst? - beim Tanken. Also: Schauen Sie mal genau hin, was alles an Vorarbeiten notwendig ist, bevor dieser Satz formuliert werden kann: “Öffnen Sie die Datei Sorgenfrei und ...“


 

1. Planung: Gedankenarbeit

Am Anfang war das Licht. Beziehungsweise die Erleuchtung. Dies ist die ”Geburtsstunde“ des Composings: der Moment, in dem es beginnt, in Gedanken zu existieren. Doch leider kommen plötzliche Einfälle gar nicht so plötzlich, wie man's manchmal gerne hätte. Da ich - wie viele Fotografen - von besonderen Lichtstimmungen fasziniert bin, hatte ich schon länger über ein Composing nachgegrübelt, das an einer Tankstelle inszeniert werden könnte, denn die meisten Tankstellen sind recht spektakulär beleuchtet und sehen in der Dämmerung oft geradezu spacig aus. Also warum nicht einmal ein ungewöhnliches Verkehrsmittel an die Zapfsäule stellen?

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2. Bedeutungsebene und Schnittmengen:

Technisch gesehen ist alles möglich. Die Aufteilung in Kunst, Kommerz und Kitsch rechtfertigt aber noch nicht jede Entgleisung, die hier und da zu sehen ist. Fragen Sie sich, ob die Objekte bzw. Landschaften oder Personen, die Sie miteinander ins Bild setzen wollen, etwas miteinander zu tun haben. Besitzen Sie eine gemeinsame Schnittmenge an Bedeutungen? Bsp.: Der Ballon und das Flugzeug sind beides Verkehrsmittel, jedoch nur das Flugzeug benötigt Kraftstoff. Das Verbindungselement ”Tankstelle“ funktioniert also nur für eines der beiden Objekte.

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3. Checkcheck

Irgendwann rastet die Idee beinahe hörbar ein und Sie wissen, wie bei einem Puzzle mit dreitausend Teilen, dass Sie die passende Kombination gefunden haben. Bevor die Idee aber reif für die Umsetzung ist, kontrollieren Sie Ihr Gedankengebäude: Brauchen Sie außergewöhnliche Aufnahmen, die sich nicht ohne Weiteres beschaffen lassen, beispielsweise von einem Eisberg? Oder könnte man gegebenenfalls ein Motiv durch ein anderes ersetzen, das die gleiche Aufgabe übernehmen könnte? Ist es vielleicht sinnvoll, das gesuchte Objekt als Modell zu fotografieren oder über eine Bilddatenbank zu beziehen?

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4. Erstes Skribble

Genug gegrübelt. Jetzt beginnen Sie, die Idee aufs Papier zu bringen. Falls Sie der Meinung sind, Sie könnten nicht zeichnen, vergessen Sie's: Jeder kann zeichnen. Alles, was Ihre Zeichnung können sollte, ist, Ihre Idee in groben Umrissen widerzuspiegeln. Denn nur wenn es Ihnen gelingt, eine Vorstellung zu entwickeln, wie sich alle am Composing beteiligten Objekte perspektivisch zueinander verhalten, erfahren Sie, wie Sie fotografieren müssen. Ist ein Gegenstand stark perspektivisch dargestellt? Muss also mit Weitwinkel fotografiert werden? Wie groß muss er fotografiert werden? Überlegen Sie auch, aus welcher Richtung das Licht kommt und ob sich eher ein Hoch- oder Querformat eignet.

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5. Es werde Farbe

Legen Sie Ihre Vorstellung von Farbigkeit in der Zeichnung an. Ist die Gesamtstimmung eher bläulich unterkühlt oder warm wie ein Sonnenuntergang in der Steppe? Legen Sie Wert auf kräftige Farben oder reicht eine pastellhafte Andeutung bereits aus? Selbst vermeintlich fixe Farben haben oft ein großes Verfremdungspotential: Ein eigentlich grüner Rasen kann je nach Jahres- oder Tageszeit zwischen olivgrün (trocken), sattem gelbgrün (Frühling) oder Blau-Cyan (Dämmerung) wechseln.

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6. Beschaffungskreativität

Planen Sie ausreichend Zeit zur Beschaffung der einzelnen Motive ein, die Sie für Ihre Arbeit benötigen. Falls etwas, das Sie benötigen, schon lange nicht mehr existiert: Probieren Sie's doch mal im Museum. Es gibt nur wenige technische Gegenstände, die dort nicht entweder als Original oder aber als Modell zu finden wären. Auch Tierparks, Zoos und botanische Gärten bieten nicht nur Tiere und Pflanzen, an die Sie sonst nicht ohne Weiteres rankommen würden, sondern bisweilen ganze Landschaften über und unter Wasser. Die Fotografiergenehmigung erfordert bisweilen allerdings ein wenig Verhandlungsgeschick...

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7. Das Licht

Eines der wichtigsten Kriterien sollte bereits in der Zeichnung festgelegt werden: Das Licht. Kommt es von links oder rechts, oben oder unten oder als Gegenlicht aus der Bildmitte? Ist es gerichtet und damit hart, verursacht es also auch harte Schatten, oder sind Schatten und Licht eher weich? Wenn möglich, arbeiten Sie mit weichem Licht und weichen Schatten; sie sind wesentlich einfacher zu produzieren als der vergleichsweise harte Schatten, den direktes Sonnenlicht hervorruft. Wenn Sie das Licht einmal definiert haben, müssen sich alle übrigen Objekte der gewählten Lichtsituation anpassen.

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8. Fotografie

Betrachten Sie die einzelnen Gegenstände genau: Brauchen Sie eine starke Perspektive, müssen sie also mit einem Weitwinkelobjektiv fotografiert werden? Entnehmen Sie Ihrer Zeichnung auch die Größe der einzelnen Objekte und versuchen Sie, der später benötigten Größe bereits beim Fotografieren nahezukommen. Wenn Sie unsicher sind, erstellen Sie eine Referenzaufnahme: Sie zeigt das Größenverhältnis von Mensch und Maschine. Das erleichtert das Skalieren des Flugzeugs in diesem Fall beträchtlich. Außerdem sollten Sie ein ”Perspektiv-Bracketing” fotografieren, also Kamerastandpunkt und -höhe variieren, damit die exakt passende Perspektive auf jeden Fall dabei ist.

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9. Grobmontage

Überprüfen Sie das Bildmaterial am Rechner. Sind die Aufnahmen im passenden Licht fotografiert, so weit dies möglich war? Stimmen Perspektive und Größe der Einzelbilder? Am einfachsten kriegen Sie das alles raus, indem Sie die Einzelbilder freistellen und grob ”zusammenzimmern“, also zunächst weder auf sauberste Freistellung noch auf Feinabstimmung in den Farben achten. Sehr schnell stellt sich raus, was Sie verwenden können und was eventuell neu fotografiert werden muss, da beispielsweise die Brennweite zu lang oder zu kurz gewählt war.

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10. Feinmontage

Wenn alles passt, können Sie in die Feinarbeit übergehen. Dabei ist eine Sache von ganz besonderer Wichtigkeit: Achten Sie auf Details. Denken Sie jedes Detail ganz zu Ende. Beispielsweise der Landescheinwerfer rechts: Er muss natürlich leuchten, wenn der Eindruck erweckt werden soll, der Jet sei soeben gelandet. Dann aber muss auch ein Lichtkegel gebaut werden der, logischerweise, einen Lichtschein auf dem Boden hervorruft. Dasselbe gilt natürlich auch für den Scheinwerfer auf der rechten Seite des Flugzeugs, obwohl er vom Fahrwerk verdeckt ist. Nur die konsequente Beachtung solcher Feinheiten lässt Ihre Arbeit lebendig werden!

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11. Gut Bild braucht Weile

Wir wollen's mal nicht übertreiben mit der Planung. Das Bild nähert sich langsam der Perfektion und hätte eigentlich ein paar Tage Ruhe nötig - gönnen Sie's ihm. Falls möglich, schauen Sie ab und zu mal drauf und schreiben Sie auf, was noch alles geändert oder ergänzt werden soll, auch wenn Sie Details anfügen, die Sie nicht zuvor in der Zeichnung festgelegt haben. Ich habe beispielsweise das Triebwerk zum Glühen gebracht und durch den Filter Ozeanwellen flirrende Hitze simuliert, um das Flugzeug zum Leben zu erwecken. Auch die Positionslämpchen tragen zu diesem Eindruck bei und lassen niemanden ahnen, dass der Flieger seit mehr als zehn Jahren stillsteht.

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12. Finetuning

Ändern Sie all die Kleinigkeiten, die Ihnen aufgefallen sind: Fehlt ein Detail? Sind alle Farben aufeinander abgestimmt und alle Reflexionen eingebaut? Vor allem Schatten sind beliebte Objekte, die man grundsätzlich immer noch besser hinbekommt: Stimmt die Helligkeit? Ist der Schatten zu grau? Wenn Sie unsicher sind, schauen Sie sich's in natura an. Und falls Sie kein Flugzeug in der Garage stehen haben, tut's ersatzweise auch ein Motorrad...

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Kommentare
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Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 20.09.2013 - 15:03

Super geschrieben und Hammer infos... Super danke

Portrait von getinked
  • 17.01.2013 - 12:14

Gutes Tutorial.
Interessant den Entstehungsprozess eines solchen Composings mal nachvollziehen zu können und sehr lehrreich noch dabei.
Statt die technische Seite zu betrachten wir hier konkret auf die Gedanken zur Entstehung eingangen.
Sehr empfehlenswert.

Portrait von crm

crm

  • 16.01.2013 - 07:55

schönes Tutorial für den Einstieg, Danke!

Portrait von MaoMao
  • 15.01.2013 - 20:30

Danke für den super Workshop.

Portrait von Rukes1
  • 11.01.2013 - 22:09

Sehr gut. Hat mir recht gut geholfen. Danke.

Portrait von lichtbogen
  • 18.11.2012 - 11:11

Sehr gutes Tutorial. Danke.

Portrait von DarkGodTrojan
  • 14.11.2012 - 04:19

danke, echt coole idee, und es hilft mir weiter :)

Portrait von Iceface0
  • 19.10.2012 - 13:04

Das Tutorial hat mir sehr geholfen. Danke!

Portrait von Cey

Cey

  • 10.08.2012 - 12:11

war wirklich sehr hilfreich, danke!

Portrait von Benda
  • 20.06.2012 - 14:42

Sehr gutes Tutorial, hat mir auf jedenfall weiter geholfen.

Portrait von claudi3112
  • 27.05.2012 - 13:11

Super Tutorial! Vielen Dank

Portrait von leenamatic
  • 27.09.2011 - 22:07

Sehr gutes Tutorial hat mir sehr geholfen.
Weiter so, hätte nichts gegen mehr von diesen. ;)

Portrait von ladymo
  • 23.08.2011 - 08:20

Wirklich gut bearbeitet!

Portrait von tobinator123
  • 30.07.2011 - 12:49

Super Tutorial. Da sieht man mal, was das für Arbeit macht.
Hat mir sehr weiter geholfen.
Danke und weiter so :D

Portrait von Gina001
  • 04.06.2011 - 19:02

Klasse erklärt! Hat mir geholfen

Portrait von salurke
  • 03.05.2011 - 09:11

Super erklärt! Fange demnächst erst mit meiner Ausbildung an, der Workshop wird mir dabei sehr helfen. :)

Portrait von berlinmotion
  • 30.04.2011 - 10:28

vielen Dank für die Mühe ... super erklärt

Portrait von NoSkillz
  • 31.03.2011 - 23:46

Fange gerade an mit Bild- und Videobearbeitung an,schöner Workshop! ;)

Portrait von subcomtom
  • 21.01.2011 - 13:30

Dein Tutorial hat mir sehr gut gefallen und ist wirklich schön zu lesen.
Die Vorarbeit kommt ja wirklich meisstens zu kurz oder wird gar nicht behandelt.

Portrait von artesmaracay
  • 03.12.2010 - 18:49

Danke! Prima erklaert und eingaengig!

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