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Tutorialbeschreibung

Gestaltungsworkshop Teil 04 - Fiat Lux

Gestaltungsworkshop Teil 04 - Fiat Lux

Also sprach der Herr, und es geschah. Was so simpel klingt, ist jedoch nicht ohne Tücke, denn Licht ist mehr als eine helle Suppe, die man über die Landschaft kippt. Wenn dann noch der Begriff “Sehgewohnheiten” ins Spiel kommt, sieht's oft duster aus mit der Beleuchtung. Bei einem gelungenen Composing stimmt, sagen wir mal, fast alles: Der Bildaufbau ist logisch und nachvollziehbar, mit ein wenig Glück lässt sich sogar eine griffige Aussage entdecken. Dass dem Aufbau aber eine regelrechte “Lichtarchitektur” zugrunde liegt, nimmt der geneigte Rezipient in den meisten Fällen einfach hin, denn auffallend wäre die Lichtführung ja nur, wenn sie nicht zum Bild passen würde, also unnatürlich aussähe oder gar nicht vorhanden wäre.

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Dass es ein paar Grundregeln gibt, die man als Schöpfer eines Composings möglichst beachten sollte, hat sich inzwischen rumgesprochen: Die fotografierten Personen oder Gegenstände sollten nach Möglichkeit das Licht von derselben Seite bekommen und per dazugehörendem Schatten in der neuen Umgebung der Bildkomposition festgeklebt werden. Damit diese Illusion gelingt, muss mehr her als ein dunkler Klecks: Stimmen Richtung und Farbe des Schattens? Ist er zu hart, zu weich oder womöglich mit einem Helligkeitsverlauf zu versehen? Zugegeben, so viel Aufmerksamkeit für kleinste Details sind hartes Brot und arten bisweilen fast in einen Kampf “Mann gegen Pixel” aus.

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Zwei wichtige Argumente gibt es, jedem Detail die notwendige Zuwendung zu schenken, denn erstens: Wenn Sie's nicht tun, sieht Ihre Arbeit nicht einfach ein bisschen schlechter aus, sondern outet sich als mehr oder weniger billiger Versuch, den Betrachter hinters Licht zu führen. Schade um die vielen Pixel. Und zweitens: Sie sind als Regisseur der eigenen Bildwelt jederzeit in der Lage, den Verlauf eines real existierenden Schattens zu betrachten. Achten Sie auf Dinge wie Schattenverlauf, Helligkeit und Farbe und versuchen Sie die Rekonstruktion mit den Mitteln von Photoshop.

Auch wenn es nur fast perfekt wird: Der abgekupferte Schatten wird um Klassen besser aussehen als der im Blindflug entstandene dunkle Klecks. Es lohnt also, sich vor Beginn der eigentlichen Arbeit Gedanken über die Art und Weise der Beleuchtung zu machen. Versuchen Sie mal, sich das ganze als Entwurf für ein Schiff vorzustellen: Auch ohne jeden Bauplan wäre Ihnen klar, dass Sie ein Ruderboot nicht mit doppelwandigem Stahlblech beplanken müssten oder ein Schiffsdiesel mit 7500 PS einer Segeljolle nicht zum Antrieb, sondern zum sofortigen Untergang verhelfen würde.

Ähnlich verhält es sich beim Composing; der Unterschied besteht nur in der Tatsache, dass sich die Konstruktionsfehler nicht ganz so drastisch auswirken: Nur wenn die verwendeten Bildelemente zueinander passen, lässt sich ein kompositorischer Zusammenhang herstellen; nur so wirkt's wie aus einem Guss. Ich habe mir als Beispiel folgendes Szenario ausgedacht, das übrigens erdgeschichtlich in der Dextrozeit angesiedelt ist: Kälte. Wüste. Die Sonne ist gerade untergegangen...


 

1. Klappe, die erste

Gleich im ersten Schritt legen Sie fast alles fest, was die Lichtarchitektur betrifft, denn Sie führen sich ein Ihnen bekanntes Szenario vor Augen. Sie brauchen sich dabei keinesfalls mit irgendwelchen gestalterischen oder kompositorischen Grundsätzen rumzuschlagen, sondern können frei wählen: Strandlandschaft in der Sonne? Oder lieber eine bedrohliche Gewitterstimmung? Ich habe mich für eine arktische Zuckerwüstenlandschaft nach Sonnenuntergang entschieden. Sie waren noch nie in einer Zuckerwüste? Macht nichts. Alles sieht aus wie eine Schneelandschaft oder ein zugefrorener See. Führen Sie sich eine solche, Ihnen sicher bekannte Szene vor Augen, und Sie haben eine Vorstellung, wie das fertige Bild wirken muss.

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2. Wetterbeobachtungen

Licht hat viel mit Wetter zu tun. Eine weiche Lichtquelle ist beispielsweise durch Nebel fallendes Sonnenlicht: Es gibt keine Schatten; das Licht umhüllt alles und jeden. Scheint die Sonne dagegen an einem heißen Sommertag vom wolkenlosen Himmel, sind die Schatten sehr hart und dunkel. In meinem Beispiel neigt sich ein sonniger Wintertag seinem Ende entgegen: Die Sonne dient als Hauptlichtquelle, allerdings nicht direkt, sondern indirekt. Sie ist bereits untergegangen, verursacht also keine harten Schatten mehr. Dennoch kommt das Licht nicht nur vom blauen Himmel, sondern aus der Richtung der untergegangenen Sonne. Die Vorderseite der Zuckerwürfel ist dunkler als deren Oberseite.

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3. Himmlisches

Ein Himmel ist ein Himmel ist ein Himmel? Leider falsch. Der Himmel, den Sie sich für die dargestellte Situation auswählen, muss exakt passen. Er ist ein sehr sensibler Indikator für die “Echtheit” des Composings und sollte nach Möglichkeit zu genau der Tageszeit aufgenommen worden sein, die Sie im Bild darstellen wollen. Die hohen, von der Sonne bestrahlten Eiswolken passen viel besser zu einem kalten Winterabend als die flauschigen Cumuluswolken, die man doch eher mit schönem Sommerwetter verbindet. Versuchen Sie auch bei der Wahl des Himmels, nahe an der Szenerie zu bleiben, die Sie sich im ersten Schritt ausgedacht haben.

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4. Lichtrichtung

Normalerweise legen Sie mit dem Himmel auch die Richtung fest, aus der die Sonne kommt. Entweder wurde sie zusammen mit dem Himmel fotografiert, oder die Wolkenbilder geben Auskunft über ihren Standpunkt. Versuchen Sie, die Richtung, aus der die Sonne scheint, als Spannungsmoment zu nutzen: Licht von vorn leuchtet alles glatt und mit wenig Schatten aus, wirkt abgestanden und langweilig. Gegenlicht, also die Anwesenheit der Lichtquelle im Bild, strukturiert Gegenstände und Oberflächen, es formt die Objekte. Im Beispiel sorgt der Lichtschein der untergegangenen Sonne für ein weiches Licht auf der Landschaft und den Zuckerhäuserfassaden.

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5. Gefühlte Farbtemperatur

Sonnenlicht ist als farbneutral definiert: Das Licht, das unser Zentralgestirn ausstrahlt, ist weder blau noch rot, nicht grün und nicht magenta. Dennoch kennt jeder die Bildwirkung von dunkelorangefarbenen Sonnenuntergängen oder die eigenartig intensive Lichtstimmung der blauen Stunde, die beide auf die Filterwirkung der Erdatmosphäre zurückzuführen sind. Die emotionale Wirkung beider Lichtstimmungen ist sehr verschieden: Während orange die Zuckerwüste sehr warm darstellt und den Zucker fast wie Sand erscheinen lässt, beginnt man beim blauen Licht zu frösteln.

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6. Das Schattendasein

Ähnlich verhält es sich mit der Farbe der Schatten, denn sie müssen sich der Gesamtstimmung anpassen. Die Schattenpartien der Zuckerwürfel habe ich bereits beim Fotografieren eingebläut, indem der Aufhellblitz mit einer blauen Farbfolie versehen wurde. Anders beim Schlepper: Dessen Schatten ist auf einer eigenen Ebene angelegt, die unabhängig von anderen Bildelementen gesteuert wird. Obwohl er mit dem hellblauen Untergrund verrechnet wird, braucht er dennoch eine intensive Blaufärbung, denn nur so ist er mit den blauen Schattenpartien der Zuckerwürfel vergleichbar.

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7. Hell und heller

Vielleicht kennen Sie das: Sie beobachten ein sehr hoch fliegendes Verkehrsflugzeug, betrachten den weißen Kondensstreifen. Haben Sie auch mal darauf geachtet, was mit der Farbe des Kondensstreifens nach Sonnenuntergang passiert? Klar: Wenn er von der Sonne beleuchtet wird, erscheint er sehr hell und strahlend. Erreichen ihn die Sonnenstrahlen jedoch nicht mehr, ist er dunkler als der Himmel über ihm. Ebenso die blauen Abgaswolken aus dem Schlepper: Sie werden nicht mehr von der Sonne angestrahlt und erscheinen deshalb dunkel.

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8. Je weiter, desto blasser

Je weiter ein Gegenstand entfernt zu sein scheint, desto kleiner wird er abgebildet. Das ist nichts Neues, es entspricht voll und ganz unseren Sehgewohnheiten. Doch es gibt noch mehr Stilmittel, die die Illusion von Entfernung hervorrufen. Ein sehr wichtiges ist der Einbau eines Dunstschleiers, denn je weiter ein Objekt entfernt ist, desto mehr Staubpartikel und Luftfeuchtigkeit muss das reflektierte Licht dieses Objektes durchdringen. Fazit: Entweder muss eine Dunstebene angelegt werden oder, falls das thematisch nicht passt, die unteren Tonwerte weit entfernter Gegenstände entfernt werden.

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9. Helligkeitsverteilung

Das Gegenstück zur Tonwertreduzierung gibt es natürlich auch: Wenn ein Gegenstand umso blasser wird, je weiter er sich vom Betrachter entfernt hat, dann gilt natürlich umgekehrt, dass ein sehr nahe stehender Gegenstand dunkler abgebildet wird, denn weder Dunst noch Staub stören die Farb- und Strukturwiedergabe. Sie machen sich dabei die Tatsache zunutze, dass dunkle Farben und Flächen sich in den Vordergrund spielen, während helle Tonwerte in den Hintergrund zu rücken scheinen. Wenn Sie jemals auf einer satten grünen Wiese gestanden und ein entferntes Gebirgspanorama betrachtet haben, wissen Sie genau, was ich meine.

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10. Entfernung durch Farbentsättigung

Noch etwas scheint mit weit entfernten Objekten zu passieren, denn mit zunehmender Distanz zum Betrachter werden sie nicht nur heller, sondern auch weniger farbig. Das lässt sich bei Nebel sehr gut nachvollziehen: Wenn Ihnen auf der Straße jemand entgegenkommt, so sehen Sie zunächst nur schemenhaft die Silhouette der Person, ohne Struktur oder gar Farbe. Erst beim Näherkommen können Sie ein grünes Kleidungsstück von einem roten unterscheiden. Da Dunst nichts anderes ist als verdünnter Nebel, erscheinen die Zuckerwürfel im Vordergrund erheblich “bunter”, also farbgesättigter als die Fassaden der Zuckerhäuser am Horizont.

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11. Künstliches Licht

Nicht jede Lichtsituation erlaubt die Darstellung von künstlichem Licht - die hier jedoch schon, da die Sonne immerhin schon hinterm Horizont verschwunden und die Dämmerung bereits sehr nahe ist ist. Einen Scheinwerfer “anzuknipsen“ ist recht einfach, da er derartig hell ist, dass er überstrahlt. Folglich genügt es, die Überstrahlung selbst über den Scheinwerfer zu malen, um ihn als Lichtquelle darzustellen. Selbst das menschliche Auge, in Sachen Bilddynamik jedem Chip haushoch überlegen, vermag die einzelnen Wendeln des Glühdrahtes einer eingeschalteten 100-Watt Glühlampe nicht zu erkennen: Die Lichtflut ist einfach zu gewaltig.

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12. Lichtfinger

Okay, zugegeben: Lichtfinger gibt es nur in staubiger oder sehr feuchter Luft. Dennoch sind sie extrem effektvoll und obendrein recht leicht zusammenzubasteln. Sie müssen lediglich drei Kriterien erfüllen: Erstens müssen sie transparent sein. Nur eine geringe Deckkraft lässt sie echt aussehen. Zweitens werden sie mit zunehmender Entfernung von der Lichtquelle schwächer. Und drittens sind sie in der Nähe des Scheinwerfers noch gut fokussiert, ihre Kanten werden aber weicher, je länger die Lichtfinger sind. Nur eines sollten Sie ihnen niemals antun: Bauen Sie keine künstlichen Blendenflecke ein, das sieht dann doch ein wenig künstlich aus.

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Kommentare
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-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 20.09.2013 - 18:58

Du beachtest soviel sachen die einem erst später klar werden

Portrait von MaoMao
  • 15.01.2013 - 20:28

Danke für den super Workshop.

Portrait von viking67
  • 20.12.2012 - 19:03

Hervorragend erklärtes Tutorial.

Portrait von lichtbogen
  • 15.12.2012 - 21:50

Danke für die vielen, guten Hinweise.

Portrait von berlinmotion
  • 30.04.2011 - 10:24

vielen Dank für die Mühe ... wie die anderen Teile einfach super erklärt

Portrait von FischImNetz
  • 07.01.2011 - 21:35

thanx für die coolen tipps!

Portrait von Funky93
  • 11.07.2010 - 12:24

oha, wie cool, ws alles durch kombination entstehen kann

Portrait von DrunkenPirate
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-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 20.10.2009 - 12:59

wieder hervorragend gemacht!

Portrait von brain68
  • 05.09.2009 - 11:10

ein genialer Mensch!!!

Portrait von leprechaun666
  • 20.08.2009 - 13:17

und wieder was gelernt ;) viele dank für die mühe

Portrait von yogimausi
  • 25.06.2009 - 14:43

Supertoller Workshop, danke!

Portrait von ezekiel23
  • 16.04.2009 - 15:20

sehr gute Tipps & Hinweise zum Composing, danke!

Portrait von Bodhran
  • 18.11.2008 - 10:36

Schöne Bilder und schön erklärt. DANKE!

Portrait von kleinerkruemel
  • 04.10.2008 - 11:04

Das Baggerbild ist einfach Zucker. :D

Portrait von sonje
  • 25.09.2008 - 20:55

Einfach ein klasse Tutorial :)

Portrait von shishaboy001
  • 22.09.2008 - 19:26

kompliment ein sehr sehr gutes tutorial!!!

Portrait von iko

iko

  • 22.09.2008 - 10:34

ich bin fleißig dabei, anhand deiner anleitungen meine fertigkeiten zu verbessern.

Portrait von toastbrottoaster
Portrait von Kissa01
  • 12.09.2008 - 20:14

Das Tut ist echt klasse (Wie alle anderen). Du scheinst echt ein Profi in Sachen PhotoShop zu sein. Ich finde es toll, dass du die Zeit hast solche Tuts zu schreiben. Da kann man noch so vieles lernen.

Lg Kissa01

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