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Tutorialbeschreibung

Gestaltungsworkshop Teil 05 - Farbe und Kontrast: Das Ding mit den drei F

Gestaltungsworkshop Teil 05 - Farbe und Kontrast: Das Ding mit den drei F

Eigentlich kann man beim Thema Bildcomposing keine Fehler machen. Die Tatsache, dass sich einzelne Bilddateien zu einem großen Ganzen zusammenfügen lassen, berechtigt das Ergebnis, die Bezeichnung Composing zu tragen. Gewisse Regeln, beispielsweise aus dem Bereich der Optik oder der Gestaltungslehre, spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle und führen, je nach Wissensstand des Composers, zu mehr oder minder akzeptablen Ergebnissen.

Bilder



So gesehen stellt sich die Beobachtung, dass manches "gelingt" und anderes "einfach nicht so wird, wie man dachte" als eine Art Naturgesetz dar, denn leider sieht man meist erst gegen Ende der Arbeit, ob man fürs Kunstmuseum oder den kleinen Abfalleimer auf dem Desktop produziert hat. Zeit also, das Bild auf den Seziertisch zu legen und zu untersuchen, welche Faktoren bildbestimmend sind und wie sie einander beeinflussen. Die so gewonnene Erkenntnis könnte dann durchaus bei der Auswahl der Bilder für das nächste Composing zum Tragen kommen und das Ergebnis entscheidend verbessern. Ein gutes Composing ist wie ein Spielzeug; man möchte es nicht nur ansehen, sondern auch benutzen können.

Es sollte also eine Funktion offenbaren oder eine Geschichte erzählen, am besten beides oder anders ausgedrückt: Da muss was los sein. Allein die Beachtung dieses ersten der drei F sorgt dafür, dass sich die dargestellten Objekte gedanklich miteinander in Verbindung bringen lassen und verhindert Kombinationen von Dingen, die den Betrachter planmäßig in eine geistige Sackgasse rennen lassen wie beispielsweise Hunde, die auf einer Wolke stehen oder brennende Blumen, die bar jeglicher Reflexion über dem Wasser schweben.

Die Form unterstützt die Funktion im besten Falle perfekt und transportiert so den Bildinhalt auf direktem Wege ins Unterbewusstsein des Betrachters. Sie sorgt dafür, dass die Linien im Bild harmonisch verlaufen, die Perspektive stimmt und der Vordergrund eine logische Verbindung mit dem Hintergrund eingeht. Sie bestimmt mehr als die Funktion noch, ob wir ein Bild als beruhigend, chaotisch, harmonisch oder unausgewogen empfinden.

Die dritte, Funktion und Form unterstützende Größe ist die Farbe. Auch sie steuert das Unterbewusstsein, jedoch ist die Interpretation maßgeblich von der Form abhängig, mit der sie in Verbindung gebracht wird: Derselbe Rotton, der einem Bild kuschelige Geborgenheit verleiht, kann in anderem Zusammenhang als bedrohlich und aggressiv wahrgenommen werden. Der Rest ist Photoshop. Die Feinabstimmung von Schatten, Aufhellung, Farbtemperatur und alles andere, was das Bild lebendig macht und die einzelnen Bildelemente miteinander verbindet, ist die eigentliche Arbeit dessen, was man allgemein unter dem Begriff Composing versteht.

Allerdings wirkt das Ergebnis überzeugender, wenn man sich nicht nur mit Formebenen und Paletten beschäftigt, sondern zuvor mit dem gedanklichen und gestalterischen Konzept von Funktion, Form und Farbe auseinandersetzt. Eigentlich schade, dass man Photoshop nicht mit F schreibt, sonst wären es vier F anstatt nur drei.


 

Funktion

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Auf den ersten Blick haben das Berliner Olympiastadion und das Forschungsschiff Cap San Diego recht wenige Gemeinsamkeiten. Also muss ein gemeinsamer Nenner gefunden werden, der beides miteinander verbindet: Eine Wasserfläche macht das Stadion zum Hafen; lässt man die große Freitreppe im Hintergrund verschwinden und rückt den linken Teil des Stadions noch weiter nach links, dann rechtfertigt das nun sichtbare Meer die Anwesenheit des Ozeanriesen. Über den einfachen Kunstgriff der eingefügten Wasserfläche werden Schiff und Stadion zueinander in Beziehung gesetzt und funktional verbunden.


 

Form 1

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Da Brennweiten und Bildgrößen der beiden Dateien zueinander passen, kann das Schiff in das Stadionbild integriert werden. Im Bild sind bisher nur die wichtigsten Linien erkennbar. Man sieht, dass der großzügige, sich im unteren Bildteil wiederholende Schwung des Stadiondachs gut zu den majestätischen Formen des Schiffsrumpfs passt. Die Ruhe und Ausgeglichenheit wird von den Formen beider Bildkomponenten transportiert und durch den ruhigen, waagerechten Horizont unterstützt. Auch die Ecken und Kanten des Glasdachs finden ein Gegenüber in den Aufbauten des Schiffes. Die sich gegenseitig ergänzenden Formen verschmelzen zu einer Einheit.


 

Form 2

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Die Details der Form legen zwei Dinge fest, die bisher nur ungefähr bestimmt werden konnten: Erstens wird klar, wo genau das Schiff sich befinden muss; zu weit oben oder unten positioniert stellt die Größenverhältnisse auf den Kopf, zu weit links oder rechts passt perspektivisch nicht ins Konzept und verdeckt womöglich den Blick aufs offene Meer. Zweitens muss die Größe angepasst werden. Stellt man sich einen Matrosen vor, der am Bug über Bord springt, so müsste er sich als Mensch von normaler Größe an nächstgelegener Stelle an Land retten können und dabei weder als Riese noch als Zwerg ankommen.


 

Farben finden

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Wir fassen zusammen: Es ist ein ausgeglichenes Motiv, bedingt durch die geschwungenen Linien des Stadions und die majestätisch aufragende Gestalt des Schiffsrumpfes. Die mystische Stimmung der surreal wirkenden Szene strahlt eine kühle Ruhe aus, sodass sich unaufdringliche, kühle Farben anbieten. Damit das Wasser transparent wirkt, sollte es blauer sein als die Architektur des Stadions. Der Himmel muss das Bild nach oben öffnen, darf also nicht bleischwer auf das Motiv drücken. Damit dieses aber nicht in der Monochromie versinkt, werden die rot lackierten Teile des Schiffes übernommen.


 

Modellierung

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Im Vergleich mit der oberen Darstellung wird klar, was neben der Platzierung und Skalierung der Einzelkomponenten noch an Arbeit anfällt: Neben der Anpassung der Farben von Stadion, Schiff, Himmel und Wasser müssen der Schatten des Schiffes und die Spiegelung des Stadions eingebaut werden. Der Himmel muss am unteren Ende heller werden, ebenso der Horizont. Außerdem sorgt ein Abdunkeln des Vordergrundes für mehr Tiefe im Bild. Dezente, kaum sichtbare Nebelschleier über der Wasseroberfläche im Stadion unterstützen die kühle Mystik des Motivs.


 

Photoshop 1

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Der Moment der Wahrheit ist da, die Einzelkomponenten sind eingebaut. Mal ehrlich, würden Sie dem Bild in diesem Zustand ansehen, ob die inkohärenten, trotz sauberer Auswahl wie mit der Laubsäge ausgesägt wirkenden Bilder jemals ein Gesamtmotiv bilden, zu einer Einheit verschmelzen könnten? Klar sehen Sie's, denn Sie haben in den Schritten zuvor eine Funktion der Bildteile festgelegt, Sie wissen, dass die Formen zueinander passen und haben eine Farbpalette entworfen, die der dargestellten Situation angemessen ist. Ohne diese geistige Vorarbeit wäre Ihre Weitsicht womöglich getrübt und Sie hätten keine Ahnung, wie nah Sie dem Ziel bereits sind.


 

Photoshop 2

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Die Farben wurden adaptiert, Schatten, Spiegelungen und Nebel eingebaut. Die Anpassung der Einzelbilder aneinander konnte mit einem Minimum an Aufwand erledigt werden. Glücklicherweise, denn die Schiffsaufbauten mit all dem Tauwerk freizustellen, wäre sicherlich kein Spaß geworden. So aber konnte der Wolkenhimmel hinter dem Schiff einfach per Farb- und Kontrastanpassung über eine Ebenenmaske in den Himmel über dem Stadion integriert werden.


 

Funktion

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Man muss sich die Frage schon gefallen lassen: Was hat ein Karteischrank mit einem Schwarm Heißluftballons zu tun? Eigentlich: Gar nichts, aber es gibt mir eine wundervolle Vorlage, zu erklären, was es hier mit der Funktion auf sich hat: Die Ballons lassen wir einfach aus der einzigen geöffneten Schublade starten. Betrachtet man dann noch die Etiketten der übrigen, geschlossenen Schubladen, so begreift man die geistige Klammer, die allerlei Himmelsphänomene wie Regentropfen, Flugzeuge, Schnee, Hagel oder verschiedene Größen von Vögeln unter einen Hut bringt. So betrachtet wird zwischen einander fremden Objekten eine logische und fantasievolle Beziehung hergestellt.


 

Form

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Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel haben die Formen hier keine Ähnlichkeit miteinander. Sie funktionieren also nicht, indem sie einander unterstützen, sondern durch die Gegensätzlichkeit: Groß, eckig, pedantisch reglementiert steht gegen klein, geschwungen und lustig durchs Format hüpfend. Es entsteht ein unregelmäßiger Rhythmus, der jedoch durch den gemeinsamen Fluchtpunkt gerechtfertigt wird. Der tief stehende Horizont öffnet das Bild nach oben, lässt den Ballons Platz, sich auszubreiten und davonzufliegen.


 

Farbe

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Die Farbe scheint keine allzu wichtige Rolle zu spielen, da die größten Farbflächen relativ wenig Spielraum zur Farbveränderung bieten: Die Schränke bestehen offensichtlich aus Holz, müssen also einen warmen Farbton besitzen. Der Himmel, soll er nicht den Eindruck erwecken, von einem fremden Planeten importiert worden zu sein, ist blau, zumindest an den Stellen, wo er nicht von weißen Wolken verdeckt wird. Und dennoch ist die Farbe immens wichtig. Die überwiegend aus warmen Farben bestehenden Ballonhüllen bilden einen Kontrast zum Himmel und demonstrieren gleichzeitig, dass die Ballons vom Schrank abstammen. Die weiter entfernten Ballons weisen nur noch eine geringe Farbsättigung auf, um der Darstellung der Luftperspektive Rechnung zu tragen.


 

Schatten

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Lediglich das Ausschneiden und Einfügen der Ballons lässt zwar ihre Funktion als bunte Schar einem Fluchtpunkt zustrebender Schubladenflüchtlinge klar werden. Auch die Formen passen durch ihre Gegensätzlichkeit zueinander, sofern sie ihrer Perspektive entsprechend skaliert und positioniert werden. Zwangsläufig müssen jedoch Schatten entstehen, die auf den Schränken sichtbar werden. Die frei schwebenden Wolken haben ausnahmsweise nichts mit kühler Berechnung zu tun: Sie sind ein spontaner Einfall, der jedoch wunderbar zur Funktion passt, da die Wolken ein Bindeglied zwischen Himmel, Ballons und dem Schrank darstellen.


 

Photoshop

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Nachdem der Plan steht und klar ist, welcher Ballon an welche Stelle kommen soll, ist der Rest auch ohne profunde Photoshopkenntnisse umzusetzen: Die Ballons werden über die Funktion Farbbereich freigestellt, eingefügt und skaliert, danach per Einstellungsebene in warme Farben getaucht. Die beiden Schatten sind verzerrte und weichgezeichnete Ebenenkopien, deren Tonwerte auf ein mittleres Grau reduziert wurde; die freischwebenden Wolken wurden durch die Fülloptionen vom Himmelsblau befreit. Und das Beste: Dass die Idee funktionieren würde, war bereits vor Beginn der Arbeit in Photoshop klar - der Bildanalyse und den drei F sei Dank.


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Kommentare
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Portrait von Ramona1902
  • 29.08.2014 - 08:23

Super Tutorial ! Danke dafür !

Portrait von JonasL
  • 14.07.2014 - 15:12

Sehr hilfreiches Tutorial, absolut empfehlenswert, wenn man etwas über digitales Compositing erfahren will!

Portrait von ninafee
  • 02.02.2014 - 12:44

Klasse, vielen Dank.

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 20.09.2013 - 18:58

Alles wird berücksichtigt geil

Portrait von MaoMao
  • 15.01.2013 - 20:28

Danke für den super Workshop.

Portrait von rafoldi
  • 14.01.2013 - 14:02

wieder einmal sehr gut erklärt, klasse

Alternative Portrait

-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 27.12.2012 - 19:07

Klasse Tutorial, vielen Dank dafür.

Auf diesem Wege wünsche ich dem Autor und allen Anderen einen guten Rutsch in das Jahr 2013.
Gruß

Portrait von lichtbogen
  • 15.12.2012 - 21:57

Vielen Dank für dieses tolle Tutorial.

Portrait von DarkGodTrojan
  • 14.11.2012 - 04:42

sehr hilfreich und hab was davon gelernt :)

Portrait von AnjaS
  • 06.08.2012 - 14:04

Ein schönes Tutorial, das zwar nicht den Umgang mit Photoshop, sondern vielmehr die Vorbereitung einer Arbeit behandelt.

Portrait von NnPp
  • 26.07.2012 - 10:05

Ein sehr schönes Tutorial!

Portrait von LUK_ASS
  • 29.02.2012 - 11:56

hab mir etwas anderes vorgestellt aber trotzdem hilfreich

Portrait von Sisi90
  • 10.09.2011 - 11:48

Hammer Ergebnisse. Sieht super aus. Vielen Dank für das Tut.

Portrait von ladymo
  • 26.08.2011 - 12:38

Klasse Tutorium und wirklich beeindruckende Ergebnisse!

Portrait von resi85
  • 30.07.2011 - 21:12

Ich habe mir was anderes drunter vorgestellt

Portrait von resi85
  • 30.07.2011 - 21:12

Ich habe mir was anderes drunter vorgestellt

Portrait von Huber_Tob
  • 08.02.2011 - 09:14

Ein sehr schönes und umfangreiches Skript.

Portrait von dolce_diavolo
Portrait von TwoBad
  • 17.09.2010 - 16:57

komisch... man sitzt vor dem programm und kommt zu nichts wirklich produktiven (zumindest bei mir so) und dann sieht man so was cooles und denkt sich..
warum bin ich nicht darauf gekommen :-D
genial

Portrait von Funky93
  • 11.07.2010 - 12:24

Krass, großes Lob, des is echt gelungen

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