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Tutorialbeschreibung

Gestaltungsworkshop Teil 06 - Himmel: Mehr als blaue Soße

Gestaltungsworkshop Teil 06 - Himmel: Mehr als blaue Soße

Wisst ihr auf Anhieb, was gemeint ist, wenn jemand das Wort “Maus” erwähnt? Kommt drauf an, was er meint, logisch, denn eine Feldmaus würde in ihrem Namensvetter, der Computermaus, nicht unbedingt einen Artgenossen erkennen, zu weitreichend ist das Bedeutungsspektrum der simplen Vokabel. Sehr ähnlich kann es einem da mit dem Wort “Himmel” ergehen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es die hauchdünne Atmosphäre, die uns vor allerhand den Teint strapazierender Strahlen aus dem Weltall schützt und einen mehr oder weniger unerschöpflichen Vorrat an Atemluft garantiert. Schlagt ihr in der Bibel nach, eröffnet sich eine weitere Bedeutungsebene: Es ist ein Ort, den wir, wenn wir uns auf Erden halbwegs anständig durchs Leben gemogelt haben, als ewigen Alterssitz in Aussicht gestellt bekommen, mit allerlei Annehmlichkeiten gesegnet und dem Lieben Gott als Nachbarn.

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Nichts wirklich Neues, denn diese Bedeutungsebene von “Himmel” ist nicht weit vom Olymp entfernt, wo sich Zeus und der Rest der griechischen Götterschar häuslich eingerichtet haben. Aber als ob es das schon wäre: Meteorologen streben danach, ihn zu deuten, doch zugegeben, es gibt inzwischen noch andere Methoden, zu erkunden, was uns der Himmel bringen wird. Astronomen interessiert der Himmel überhaupt erst da, wo er für die Wetterdeuter aufhört; Flugpioniere haben ihn gar erobert und die Werbung hat eine mystisch-paradiesisch-verklärte Soße draus gemacht, die als softig-weiche Kulisse für das Anpreisen diverser Produkte herhalten muss.

All diese Bedeutungen schwingen beim Betrachten des Himmels mehr oder weniger stark mit. Man sollte sich also schon recht genau aussuchen, welchen Himmel man wie verändert, um ihn in einem Composing zu verbauen; schließlich können sehr geringe Unterschiede in der Abstimmung von Farbe, Verlauf, Helligkeit oder Sättigung darüber entscheiden, ob Sie Ihrem Bild, Ihrer dargestellten Szene gerade eine kitschige blauweiße Krone aufsetzen oder ihr Weite und Größe verleihen.

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Moderne Bildbearbeitung kennt natürlich fast keine Grenzen, wenn es darum geht, einen Himmel zu manipulieren, in puncto Farbtemperatur oder Sättigung aufzufrischen oder ihn sogar künstlich neu zu erschaffen. Gerade deswegen ist es wichtig, Tonwerte und Gradationskurven nicht allzu sehr zu verbiegen; das führt schnell zu hässlichen Tonwertabrissen oder ausgefressenen Lichtern und erzeugt zwangsläufig jenen überdramatisierten Himmel, der den oft viel einfacheren Bildinhalt regelrecht erschlägt. Damit Ihnen das nicht passiert und getreu dem Motto “alles Gute kommt von oben”, mache ich Ihnen ein paar Vorschläge, wie man die Sache angehen könnte.


 

1. Brennweite und Standpunkt

Normalerweise hängen Brennweite und Standpunkt direkt miteinander zusammen, wenn es um Bildwirkung geht, und ich will Ihnen auch gar nicht erzählen, dass dies beim Fotografieren eines Himmels plötzlich nicht mehr zutrifft. Andererseits: So ein Himmelszelt ist recht groß und die darin verteilten Wolken sind oft viele Kilometer weit entfernt, sodass bei der Wahl des Standpunktes freie Sicht das wichtigste Kriterium ist. Um die Weite des Himmels fotografisch zu erfassen, benötigen Sie ein Weitwinkelobjektiv von, sagen wir, 20 bis 35 mm; dieses wiederum erlaubt nur dann eine unverstellte Sicht, wenn Sie einen exponierten Standpunkt aufsuchen, ohne Mauern, ohne Häuser, ohne Strommasten.

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2. Zeitpunkt der Aufnahme Jede Tageszeit hat ihren ganz speziellen Himmel; auch die Jahreszeiten spielen eine große Rolle. Das hat viel mit Sehgewohnheiten zu tun, denn beispielsweise große, weiße Cumuluswolken, sogenannte Schönwetterwolken, gibt es in unseren Breiten nur während eines sommerlichen Hochs. Graue, wenig konturierte Regenwolken ohne Kontrast sehen wir einfach häufiger im November als Anfang Mai. Überlegen Sie sich also genau, welchen Himmel Sie wann einsetzen wollen. Ein Tipp für Nachthimmel: Den fotografieren Sie besser in der späten Dämmerung, wenn er noch einen Rest Blau enthält. Undifferenziertes Schwarz sieht aus, als wäre der Himmel gar nicht vorhanden.

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3. Farbe und Kontrast der Tageszeit anpassen

Ein gewisser Spielraum bleibt aber auch dann erhalten, wenn Sie die Uhrzeit um ein paar Stunden vor- oder zurückdrehen wollen. Das wichtigste Indiz für die Uhrzeit ist neben dem Sonnenstand die Farbtemperatur. Eine neutrale Abstimmung deutet auf eine Uhrzeit zwischen Vormittag und Nachmittag hin, eine wärmere Abstimmung lässt den Himmel spätnachmittäglich aussehen. Schreitet die Zeit noch weiter fort, bekommt der Himmel ein orange-rotes Aussehen, was aber sehr viel einfacher durch eine Aufnahme bei der entsprechenden Tageszeit als durch Verschieben des Farbtones erreicht wird.

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4. Horizont: aufhellen

Oft passt der Himmel trotz richtiger Brennweite, richtig ausgewählter Tages- und Jahreszeit trotzdem irgendwie nicht ins Bild. Achten Sie in einem solchen Fall mal auf den Horizont. Er ist um ein vielfaches wichtiger als beispielsweise der Zenit, ist außerdem Anknüpflinie zwischen Himmel und Erde. Er enthält am entferntesten Punkt wenig bis kein Himmelsblau mehr, und sollte er mal zu dunkel ausgefallen sein, dann können Sie ihn über eine lineare Verlaufsmaske in Verbindung mit einer Tonwertkorrektur wunderbar reanimieren. Dieser Trick funktioniert fast immer!

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5. Lage und Ausschnitt

Auch die Position des Horizonts und der gezeigte Ausschnitt bestimmen maßgeblich, welche Wirkung beim Betrachter hervorgerufen werden soll: Legen Sie den Horizont in die Bildmitte und zeigen Sie den kompletten Himmel, so wirkt das Bild weit, ruhig, ausgeglichen. Rutscht der Horizont aber weiter nach oben und verdeckt den untersten Teil des Himmels, so schaut der verwirrte Betrachter quasi bergauf und die perspektivische Wirkung gerät aus den Fugen.

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6. Dramatisieren von Cumuluswolken

Meist hat der Himmel in einem Bild mehrere Funktionen. Er ist nicht nur eine Bildbegrenzung, die eben sein muss, sondern verrät viel über die Stimmung, die ein Bild vermittelt. Grau wirkt trist, Federwölkchen federleicht, Blau verbreitet heitere Gelassenheit. Dank moderner Bildbearbeitung kann ein alter Trick der Renaissancemaler angewandt werden: Die Dramatisierung einer an sich undramatischen Szene durch Kontrastanhebung. Experimentieren Sie mit der Unschärfemaskierung und einer Stärke von 25 % , sehr hohem Radius von 50 Pixeln und einem Schwellenwert von 0. Je nach Dateigröße und gewünschtem Ergebnis variieren Sie diese Werte. Auch eine Luminanzmaske kann zu mehr Kontrast verhelfen.

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7. Dramatisieren von bedecktem Himmel

Auch bedeckte Himmel brauchen bisweilen frischen Pep in den Tonwerten. Im Gegensatz zum blauen Himmel mit weißen Wolken verfügt die durchgehende Wolkenfront aber in der Regel über sehr viel weniger Tonwerte und kann mit einer Tonwertkorrektur oder einer S-förmigen Gradationskurve vom grauen Schleier zur aussagekräftigen Kulisse befördert werden. Diese Ansicht unterscheidet sich dann so sehr vom grauen Einerlei, dass die subtilere Unschärfemaskierung nicht mehr nötig ist. Wenn möglich, sollten Sie diese Kontrastanhebung bereits im Raw-Konverter durchführen, denn dort kann Photoshop auf tatsächlich vorhandene Tonwerte zurückgreifen.

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8. Passenden Himmel aussuchen

Doch was soll's denn nun werden? Früh oder spät, schlicht oder ausdrucksstark, Feuerschein expressionistischen Sonnenuntergangs oder lieber brave Schäfchenwolken? Leider gibt es kein Patentrezept für diese Entscheidung. Aber seien Sie sich der Tatsache bewusst, dass der Himmel weder eine unwichtige Nebenrolle spielt, noch eine Art Selbstdarsteller ist. Im günstigsten Fall unterstützt er die Bildaussage und passt sich sowohl optisch als auch inhaltlich perfekt in die Darstellung ein. Vielleicht ist der unscheinbare Wölkchenhimmel der Sonnenaufgangsimpression vorzuziehen, auch wenn sie noch so eindrucksvoll erscheint.

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9. Farbnuancen: Kitsch oder Kunst

Ein weiteres wichtiges Bestimmungsmerkmal ist die Farbe des blauen Himmels, denn verschiedene Blautöne werden mit unterschiedlichen Aussagen verknüpft. Eine zu starke Farbsättigung wird allgemein als postkartenkitschig empfunden, zumal wenn sie etwas in Richtung Magenta verschoben ist. Das wirkt deswegen unnatürlich, weil Magenta die einzige Farbe ist, die im Spektrum des sichtbaren Lichtes nicht vorkommt. Ein leicht nach Cyan tendierender und farblich recht zurückgenommener Himmel verbindet sich meist trotz geringer Farbsättigung gut mit dem Rest des Bildes, wirkt unaufdringlich und erhaben.

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10. Himmel implementieren: Dunst einmalen

Okay. Der passende Himmel ist eingebaut, Kontrast und Farbe sind abgestimmt. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass der Himmel und die Szene, die unter ihm stattfindet, bei exakt gleichen Sichtverhältnissen fotografiert wurden. Also sollte entweder über eine Dunstmaske der Kontrast eines der beiden Bildteile angehoben oder aber Dunst ins Bild integriert werden. Diese Hilfskonstruktion stellt das optische Gleichgewicht her, indem sie einen Bereich erschafft, der die Teilbilder zu einem Gesamtbild vereint. Ob Sie den Dunst lieber malen oder echte Wolken mit geringer Deckkraft in die Szene stempeln: Es muss halt überzeugend aussehen.

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11. Sonne verschieben

Manchmal sind all die schönen Maßnahmen zur Himmelsgestaltung noch immer nicht genug. Das Licht, es fehlt oder ist schlicht langweilig. Dann müssen Sie zum größten Hammer greifen, den Sie in der Toolbox haben: Bauen Sie eine eigene Sonne! Das gelingt mit einer kreisförmigen Ebenenmaske, an deren Stelle der Kontrast angehoben wird, erstaunlich gut. Suchen Sie sich die Stelle gut aus, denn wenn Sie es schaffen, das neue Gestirn hinter geballten Wolken lediglich anzudeuten, sparen Sie sich eine ganze Menge Arbeit, die Sie sich unter Umständen mit der Konstruktion aufwendiger Schatten aufhalsen würden.

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12. Himmlischer Reichtum

Wer erst einmal versucht hat, den richtigen Himmel für ein Composing zu fotografieren, der wird rasch dahinter kommen, dass ein Wolkenarchiv niemals zu groß werden kann. Verbunden mit einem Archivierungsprogramm lässt sich so schnell der passende Ausgangshimmel finden, der nach Tageszeit, Stimmung und Verhältnis von Wolken zu Himmel sortiert in den Tiefen der Festplatte schlummert. Und: Vergessen Sie auf keinen Fall, auch ab und an mit einer längeren Brennweite interessante Details aus Wolkenformationen herauszufotografieren. Damit lässt sich prima Nebel und Dunst bauen!

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Kommentare
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-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 20.09.2013 - 19:00

Hammer gut das Leute wie du tipps geben

Portrait von Pixel_junkie
  • 16.05.2013 - 22:13

Sehr informativ.
Besten Dank.

Portrait von MaoMao
  • 15.01.2013 - 20:30

Danke für den super Workshop.

Portrait von Taggert
  • 02.08.2011 - 15:05

Sehr gut erklärt und gute Techniken, vielen Dank für die neuen Anregungen.

Portrait von spatzerl
  • 22.05.2011 - 18:51

Super Erklärung und tolle Bilder! Danke

Portrait von syr26
  • 07.05.2011 - 10:21

Tolle und sehr hilfreiche Arbeit, danke!

Portrait von Sternenfee_1
  • 01.10.2010 - 20:07

finde ich super :-)

ich habe noch eine frage zu punkt 11. bei mir klappt das nicht so ganz ene kreisförmige ebenmaske zu erstellen :-( wie funktioniert das? auch ist mir nicht ganz klar ob du hinter dem bild ein bild einer sonne hast.

Portrait von Lichtblicke
  • 25.07.2010 - 13:52

Vielen Dank für die Erläuterung über die unterschiedlichen Himmel und dessen Anpassung zum Objekt.
Hatte allerdings gehofft mehr vom exzellenten Motiv zu erfahren.

Portrait von Funky93
  • 11.07.2010 - 12:21

Coool,, klasse, ws man alles aus vershciedenen Bildern zaubern kann

Portrait von DrunkenPirate
  • 16.06.2010 - 10:35

Wirklich sehr beeindruckend! =)

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  • 30.05.2010 - 18:13

Wow,.. Echt klasse gemacht , ;-)

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  • 09.02.2010 - 11:25

Aufregend erklärt! Bin total begeistert! Weiter so

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  • 02.12.2009 - 15:03

ich will das auch sogut können, hey willst du mich mal besuchen kommen ?? ;)

Portrait von brain68
  • 05.09.2009 - 11:14

wie man nur immer so tolle Bilder erschaffen kann :-)

Portrait von yogimausi
  • 25.06.2009 - 14:42

Tolle Tips, sehr hilfreich, danke!

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-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 21.03.2009 - 13:11

immer richtig toll erklärt :)

Portrait von susann77
  • 18.03.2009 - 11:15

immer wieder ein genuss von ihm zu lernen...

Portrait von Oti

Oti

  • 30.01.2009 - 18:54

das habe ich schon immer in dieser kürze gesucht

Portrait von Bodhran
  • 18.11.2008 - 10:36

Schöne Bilder und schön erklärt. DANKE!

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-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)

  • 12.11.2008 - 08:10

Vielen Dank für die zahlreichen Anregungen.
Ich hab noch eine ganze Palette Himmelsfotografien hier liegen, bei denen ich mich austoben kann.

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