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Tutorialbeschreibung

Gestaltungsworkshop Teil 07 - Moderne Zeiten

Gestaltungsworkshop Teil 07 - Moderne Zeiten

Schöne neue Welt. Alles digital, alles anders. Die Industrie beglückt uns jedes Jahr mit Tausenden neuen Kameramodellen vom Fotohandy bis zur 39-Megapixel-Profimaschine, ständig müssen wir neue Firmware aufspielen, sollen rätselhafte Roh-Formate an Stelle des bequemen und lieb gewonnenen Jpg verwenden und seitenweise Kameratests durchackern, wenn wir mitreden wollen, und doch: Wer sich heute eine Kamera anschafft, der kauft die Gewissheit mit, dass das Ding schon als schwachpixelige Knipskiste verramscht und später belächelt wird, noch bevor er den Discounter verlassen hat.

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Denn bald schon wird das teure Stück mehrere Nachfolger haben, die seinen Vorgänger zur Handschuhfachkamera degradieren. Ist es wirklich so schlimm? Ich glaube nicht. Wer sich heute eine 10-MP-Kamera zulegt, der hat in puncto Abbildungsqualität ein Gerät, das dem klassischen Kleinbildfilm in vielfacher Hinsicht ebenbürtig oder gar überlegen ist.

Auch wenn die Zeiten, als man Kameras noch für unbestimmte Zeit gekauft hat, längst passé sind, sollten wir eingedenk dieser Tatsache die Grundlagen der Fotografie eingehender betrachten. Obwohl digitales Fotografieren sich anders anfühlt als analoges, was die meisten Fotografen bestätigen, die einmal der Verheißung des kleinen Monitors auf der Kamerarückseite erlegen sind, scheint es erstaunlich wenige Unterschiede im Handling zu geben. Zeit, Blende und Empfindlichkeit werden wie bisher auch entsprechend einer Belichtungssituation frei gewählt oder vom Messsystem der Kamera vorgegeben. Das Bildkorn ist dem Rauschen gewichen; wo also sind sie, die großen Unterschiede?

Ganz klar: Der Bedienkomfort ist gestiegen, Gewicht und Abmessungen der Gehäuse mitsamt den Kosten pro Bild drastisch gesunken. Trotz fieser Kreativfallen wie dem allgegenwärtigen Zoomobjektiv oder sich ausbreitender Löschmentalität ist eines besser denn je: Bilder drucken, verschicken, manipulieren, bearbeiten, verfremden, oder: sie zu einem großen, ganzen, völlig neuen Bild zusammenzufügen, eröffnet völlig neue Möglichkeiten im Umgang mit dem bald 180 Jahre alten Medium.

Die entfesselte Fantasie gibt's aber leider nicht gratis wie eine Speicherkarte oder einen Ersatzakku an der Kasse dazu, sie fordert in erster Linie Lernbereitschaft. Wer seine Ideen umsetzen möchte, muss anders fotografieren, umdenken. Nicht das eine Bild zählt, in dem die gesamte Bildaussage liegt; vielmehr ist die Idee wichtig, die aus vielen Einzelbildern zusammengetragen wird. Die Fantasie ist unersetzbar, doch sie erfordert einen neuen Blick, quasi eine zielorientierte Strategie, um die Einzelstücke zu erkennen und dem späteren Pixelmosaik angemessen zu fotografieren. Was es dabei zu beachten gilt und was Sie unbedingt vermeiden sollten, erfahren Sie hier.


 

1. Alte Kamera

Die Pixelpower der meisten handelsüblichen Kameras hat inzwischen den Qualitätsstandard des Kleinbildfilms erreicht oder überschritten. Speziell im Bereich der DSLRs gibt es erstaunliche Technik für erschwingliches Geld, vergleicht man heutige Angebote mit denen vor einigen Jahren. Dennoch: Auch wenn Sie das Gefühl haben, mit Ihrer "alten" 6-MP-Kamera ohne Selbstreinigungssystem und starkem Bildrauschen bei ISO 1600 fast schon einen Oldtimer zu besitzen: Fotografieren Sie damit, warten Sie nicht auf "das" Modell. Neuere Technik hilft, doch sie macht nicht die besseren Bilder. Die machen nur Sie selbst.


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2. Zoom-Boom

Auf den ersten Blick scheint es wie eine Befreiung: Das Zoomobjektiv ist eine tolle Sache, hat man doch vom Weitwinkel bis zum mittleren Teleobjektiv immer alles dabei. Keine Festlegung auf eine Brennweite, keine Schlepperei vieler Objektive. Aber auch leider keine Bereitschaft mehr, sich einem Objekt zu nähern oder es bewusst aus der Ferne zu fotografieren. Und doch: Nur wenige fotografische Stilmittel haben einen derart großen Einfluss auf die Bildwirkung wie die Wahl der Brennweite. Sich vorher zu überlegen, wie man fotografieren möchte, ist immer die bessere Alternative zum bequemen, aber oft unbrauchbaren Zoombild.

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3. Rohkost

Noch immer gibt es viele Fotografen, darunter auch den einen oder anderen Profi, der das Jpg-Format so lieb hat, dass er es um nichts in der Welt eintauschen möchte. Schließlich ist der Komprimierungsverlust ja fast vernachlässigbar. Doch selbst die Automatikfunktionen eines der vielen Raw-Konverter liefern ein besseres Ergebnis als die anonymen Algorithmen des Fertigproduktes Jpg, auf deren Wirkung man keinerlei Einfluss hat. Mal ganz abgesehen von nachträglicher echter Farb- oder Belichtungskorrektur, deutlich besserer Durchzeichnung von Lichtern und Schatten und zügiger Stapelverarbeitung.

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4. Zeitrechnung

Verwacklungsunschärfe bedeutet oft das Aus fürs Bild. Leider jedoch erkennt man auf dem Kameramonitor nur die wirklich groben Schnitzer; leichtes Verwackeln bleibt verborgen. Das Problem bekommt man aber durch Beherzigen einer simplen Faustregel schnell in den Griff: Zeit und Brennweite sollten in einem direkten Verhältnis zueinander stehen, heißt: Verwendet man ein Objektiv von 50 mm Brennweite, sollte die Belichtungszeit nicht länger als 1/50 s sein. Bildstabilisierungseinrichtungen an Kamera oder Objektiv können bis zu drei Blenden- oder Zeitstufen zusätzlich bringen und die 1/50 s bei gleicher Bildschärfe auf 1/8 s verlängern.

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5. Stitchen? Nur mit Stativ

Verwenden Sie bei der Belichtung ein Stativ, dann geht Sie das Verwacklungsproblem gar nichts mehr an, das galt schon bei der analogen Fotografie. Und spätestens, wenn Sie in der Dämmerung oder nachts bei Belichtungszeiten von mehreren Sekunden fotografieren, brauchen Sie ein solch unbequemes Stück. Auch bei der Erstellung von Panoramen sorgt ein sauber ausgeleveltes Stativ für gerade Einzelaufnahmen, aus denen sich dann ein Panorama zusammenstitchen lässt. Dabei hätten Sie dann auch gleich das Problem vielleicht zu kleiner Dateigrößen vom Tisch.

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6. Ex oriente lux

Die Festlegung auf eine Lichtrichtung ist eine Voraussetzung für ein einheitliches Erscheinungsbild des späteren Composings. Dabei sollten Sie nicht nur die Richtung, sondern auch die Art des benötigten Lichtes festlegen: Hartes, direktes Sonnenlicht wirkt brillant, erfordert aber eine sehr genaue Lichtführung und macht scharfe, manchmal nicht einfach zu gestaltende Schatten nötig. Weiches Licht wie bei bedecktem Himmel macht den Umgang mit den Motiven einfacher und lässt sich innerhalb gewisser Grenzen durch Abhalten oder Nachbelichten sogar korrigieren. Wenn Sie Licht von rechts brauen, die Sonne aber links steht, hilft meist das horizontale Spiegeln der Datei.

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7. Perspektive

Neben dem Licht gehört die Perspektive des Motivs zu den Dingen, mit denen Sie sich vor dem Fotografieren beschäftigen sollten, da eine nachträgliche Änderung nicht oder nur in sehr engen Grenzen möglich ist. Betrachten Sie die Kuh von oben? Oder liegt der Horizont der Aufnahme weit unten, was das Tier groß und fast majestätisch erscheinen lässt? Oft sind es nur geringe Unterschiede im Standpunkt oder der Kamerahöhe, die ein Bild gegenüber ähnlichen Aufnahmen verwendbar machen; schonen Sie in solchen Situationen also nicht Ihren Auslösefinger.

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8. Kontrolle

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Kontrolle. Ob Brennweite, Standpunkt und damit die Perspektive passen, lässt sich ganz gut überprüfen, wenn Sie das Bild des Kameramonitors mit einem Ausdruck der Datei vergleichen, in die Sie das Motiv einbauen wollen. Das ermöglicht zumindest brauchbare Bilder und sorgt meistens für akzeptable Endergebnisse. Besser: Sie haben einen Rechner dabei, stellen das zu Motiv grob frei und überprüfen, ob es passt oder inwiefern Sie Ihren Standpunkt ändern müssten, um es passend zu machen.

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9. Schmuddelecke

Wenn möglich, vermeiden Sie das Ausnutzen des Formates speziell in den Ecken. Nicht alle Objektive sind asphärische Glaswunder, die Fehler wie chromatische Aberration, Randunschärfen oder Verzeichnung bei Weitwinkeln so weit ausgleichen, dass sie vernachlässigbar werden. Auch wenn der eine oder andere Bildfehler bereits bei der Konvertierung von Raw nach Tiff ausgeglichen werden kann, so haben Sie weniger Arbeit, wenn sich ein Motiv, dass später freigestellt werden soll, in der Bildmitte statt am Rand befindet.

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10. Größe

Natürlich ist die Auflösung einer Datei eine ihrer wichtigsten Größen; je feiner nämlich, desto schärfer und detailreicher ist die Bildwirkung. Man sollte aber, sofern möglich, die ungefähre Größe des jeweiligen Details schon vor der Aufnahme festlegen, mit anderen Worten: Ein kleines Detail sollte so fotografiert werden, dass Größe und Auflösung passen. Hochinterpolieren würde bedeuten, die Qualität zu verschlechtern, während im umgekehrten Fall oft das Problem auftritt, dass bei formatfüllender Abbildungsgröße die Schärfentiefe zu gering ist, was sich in sehr störender partieller Unschärfe äußert.

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11. Umgebung

Freistellen von Motiven und Bildteilen gehört beim Composen zu den Tätigkeiten, die zwar zeitintensiv sind, sich aber schon beim Fotografieren gut vorbereiten lassen. Vermeiden Sie unruhige Hintergründe; sie machen eine schnelles und vor allem überzeugendes Freistellen schwer. Sorgen Sie für genügend Kontrast von Motiv und Hintergrund, egal ober er sich aus unterschiedlichen Farben oder gut zu unterscheidenden Helligkeitswerten ergibt.

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12. Archiv

Motive, die Sie in unterschiedlichen Größen oder Erscheinungsformen immer wieder benötigen, sollten Sie archivieren. Dazu gehören bei mir Himmel, Wellen, Wasserflächen, Flugzeuge, Schiffe und technische Strukturen. Dies setzt voraus, stets eine Kamera dabei zu haben, denn gute Motive lassen sich schlecht vorhersehen. Machen Sie sich dies zur Gewohnheit und Sie werden schnell ein gut sortiertes Archiv zuwege bringen. Wenn Sie sich dann noch die Mühe machen, die vielen Bilder zu verschlagworten, dann finden Sie sie sogar in der Bilderflut jederzeit wieder!

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Kommentare
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Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 25.09.2013 - 12:50

Sehr gut erklärt Uli. Super

Portrait von Steve007
  • 30.05.2013 - 08:32

Vielen Dank für Deine Arbeit und den Download.

Portrait von MaoMao
  • 15.01.2013 - 20:29

Danke für den super Workshop.

Portrait von rafoldi
  • 14.01.2013 - 14:03

wieder einmal sehr gut erklärt

Portrait von Sisi90
  • 10.09.2011 - 11:37

Finde die Tipps sehr hilfreich, aber hätte mir manchmal etwas detailliertere Aussagen gewünscht. Danke. :)

Portrait von KSchle
  • 27.01.2011 - 17:29

Ich hatte hier Tipps zur Fotografie von Objekten für ein Composing vermutet!
Die hier beschriebenen Dinge sind am untersten Level der Fotografie angesiedelt,
evt. für Einsteiger und Personen, die sich mit fotografieren beschäftigen.

Portrait von Uli_Staiger
  • 27.01.2011 - 17:54

...und gehören doch zu den Dingen, die immer wieder falsch gemacht werden. Freu Dich, wenn Du das unterste Level bereits hinter Dir gelassen hast ;-)

schöne Grüße,
Uli Staiger
Fotograf

Portrait von buuunz
  • 29.10.2010 - 11:32

Hmm, hatte im Schwerpunkt leider nicht viel mit Gestaltung zu tun und geht eher auf die Beschaffung und Nutzung von Kameras ein. Aber trotzdem schön geschrieben. Hätte mir hier wirklich die Erläuterungen zur "Einstiegsgrafik" gewünscht. Aber vielleicht kommt das ja noch. Danke ;-)

Portrait von hexe7
  • 17.08.2010 - 11:18

Hmm, hatte im Schwerpunkt leider nicht viel mit Gestaltung zu tun und geht eher auf die Beschaffung und Nutzung von Kameras ein. Aber trotzdem schön geschrieben.

Hätte mir hier wirklich die Erläuterungen zur "Einstiegsgrafik" gewünscht. Aber vielleicht kommt das ja noch. Danke ;-)

Portrait von Funky93
  • 11.07.2010 - 12:17

coll zusehen ws sich alles amchn läßt un wie man es macht

Portrait von DrunkenPirate
  • 16.06.2010 - 10:38

Definitiv wieder sehr guter Workshop..!

Portrait von Kim_Melanie
  • 13.04.2010 - 11:57

Gutes Tutaorial! Wieder mal sehr gut erklärt.

Alternative Portrait
-versteckt-(Autor hat Seite verlassen)
  • 30.01.2010 - 19:53

echt cooler workshop....

Portrait von Arnitun
  • 09.12.2009 - 16:14

Wieder sehr schön und sehr gutes Tutorial...
hab noch einen klitzekleinen rechtschreibfehler entdeckt "Qualitätsstandar_d_"

Portrait von jenbue
  • 21.10.2009 - 16:06

guter workshop! dankeschön!!!

Portrait von brain68
  • 05.09.2009 - 11:16

echt guter workshop!!

Portrait von yogimausi
  • 25.06.2009 - 14:30

Super Workshop, danke!

Portrait von Kassettenjunge
  • 12.12.2008 - 12:03

Kleine Apple-Schleichwerbung ;) Ansonsten nix viel neues, aber viel wichtiges gebündelt

Portrait von fotofurz
  • 25.11.2008 - 22:28

super, kann nur stauen was dieser mann so zustande bekommt.
es könnte einen erschrecken, ich finde aber ich darf mich nicht klein denken, dies als ansporn nehmen und los legen.
die eigenen ideen werden schon darous wachsen.
danke,

Portrait von Arti40
  • 21.11.2008 - 21:46

Danke für die Mühe. Was man so alles beachten muss...
Und die Anwendung von raw und jpg etc. werde ich wohl nie so wirklich begreifen.
Technisch schon aber in der nicht täglichen Anwendung immer wieder ein Problem.
Da kann ich lesen so viel ich will.
Es müsste eine Art Nachschlagewerk geben.

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